Wien bietet all das, was sich die unterschiedlichsten Läuferinnen- und Läufertypen wünschen.

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Vor fünf, vielleicht noch drei Jahren wäre das anders gewesen. Da hätte ich eine Liste gemacht. Obendrüber eine Überschrift. Irgendwas mit "Geheimtipp". Und bis auf die üblichen Verdächtigen der STANDARD-Postergemeinde, die eh schon vor Jahren überall gelaufen sind, grundsätzlich alles kennen und können und immer schneller unterwegs sind und weiter laufen, hätten sich alle gefreut.

Die einen, weil ihnen ein paar neue Laufrouten vorgeschlagen worden wären. Die anderen, weil sie ein paar ihrer Sweet Spots wiedergefunden hätten. Sinn und Zweck medial kommunizierter "Geheimtipps" ist ja weniger der "Geheimnisverrat" als das Streicheln und Anbinden von Trendsettern. "He, das ist meine Route!" heißt immer auch "Wow, das ist der Beweis, dass ich eine coole Socke bin!".

Thomas Rottenberg führt seit Jahren einen Laufblog auf derStandard.at. Dort gibt er Tipps zum Training, für neue Ausrüstung oder Routen:
derstandard.at/lifestyle/mehrlifestyle/rotterennt
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Aber Listen machen war einmal. Denn während ich vor fünf Jahren die Läuferinnen und Läufer, die mir auf Stadtrunden begegneten, an einer Hand abzählen konnte, ist das heute anders. Ganz anders.

Seit dem Corona-Lockdown ist die Zahl derer, die rennen, noch einmal explodiert. Routen und Strecken, die vor drei Jahren uneingeschränkt als "Geheimtipps" durchgegangen wären, leuchten heute auf den Heatmaps (Onlinekarten, auf denen die Intensität der Nutzung von Routen an ihrer Helligkeit zu erkennen ist) von Strava, Komoot, Garmin und Co wie die Milchstraße im Sternenzelt.

Die aktuelle Beschaffenheit von Wegen und Pfaden im Wienerwald, auf denen man früher vereinsamte, wird in 1.000 Laufgruppen auf Social Media durchdekliniert. Die Ein-und Ausstiegsoptionen, die Öffi-Anbindung von Stadt- und Sightrunning-Runden stehen sogar dann noch in Reiseführern und Laufblogs, wenn es die Routen gar nicht mehr gibt.

So hat etwa die Uni Wien das Belaufen des Botanischen Gartens anlässlich des Corona-Lockdowns (mit einer bizarren Erklärung) verboten – und hebt das Verbot jetzt nicht mehr auf. Die Route steht immer noch überall.

Für Mitläufer
Vorschläge für Laufstrecken: z. B. wienläuft.at, runmap.net, komoot.de, outdooractive.com, strava.com
Laufgruppen: z. B. runtasia.at, wienläuft.at/lauftreff, lcc-wien.at
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In die Botanik

Einer der Verbotsgründe: Es laufen mehr Menschen als früher. Angeblich so viele, dass sie immer wieder von den schmalen Wegerln, die sich durch den hinter dem Belvedere versteckten Park mäandern, in die "Botanik" ausweichen. Das kann man glauben oder nicht.

Ich sehe dort immer nur Touristen, die das tun und dann Stauden befummeln. Fakt ist aber, dass es im Botanischen Garten "Laufen verboten"-Schilder und dem Vernehmen nach sogar einen eigenen Anti-Läufer-Wächter gibt. "Geheimtipp" ist das keiner mehr.

Fakt ist noch etwas: Die Suche nach "der besten Laufroute" ist sinnlos – und kontraproduktiv. Weil jede und jeder, die oder der läuft, schon nach kürzester Zeit erkennt, dass Laufen unendlich vielfältig ist. Es wäre ein klassischer Anfängerfehler, anzunehmen, dass das, was anderen Spaß macht, auch für einen selbst gilt.

Die Suche nach "der besten Laufroute" ist sinnlos.
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Besser sollte man folgende Fragen stellen: Laufen Sie mit oder ohne Musik? In der Hitze, im Regen oder bei Schneesturm? Allein oder in der Gruppe? Traben Sie gerne lange langsam – oder gehören Sie zu denen, die es kurz und knackig lieben? Bleiben Sie stehen, um zu schauen – oder geht das gar nicht, weil es Ihren "Flow" zusammenhaut?

Laufen Sie auf ein Ziel, einen Wettkampf, eine bestimmte Distanz oder Zeit hin – oder ist Ihnen derlei Leistungsdenken in der Freizeit ein Gräuel? Laufen Sie nach Plan oder nach Gusto? Und womit wir uns wieder dem Thema "beste Strecke" annähern: Brauchen oder meiden Sie Asphalt? Wollen Sie raus ins Grüne, oder geht es Ihnen just um das läuferische Entdecken urbaner Zonen? Lieben Sie es bretteleben oder "hügeln" Sie? Suchen Sie Routine und Wiederholung oder stets Neues?

Nix Wirklich

Die Frage nach "der besten Laufroute" ist die Sehnsucht nach der eierlegenden Wollmilchsau. Oder eine Suche nach dem ultimativen Kompromiss, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, von dem man dann nicht so recht weiß, was man damit anfangen soll. Denn "von allem ein bisserl was" bedeutet "nix wirklich". Derlei Kompromisse müssen nicht sein – gerade in Wien.

Wien ist eine perfekte Laufstadt.
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Wien ist eine perfekte Laufstadt. Nicht bloß, weil man hier grundsätzlich laufen kann. Das geht überall. Doch Wien bietet all das, was sich die unterschiedlichsten Läuferinnen- und Läufertypen wünschen. Meist sind die Routen sogar fußläufig (sic!) oder mit kurzen Öffi-Anfahrten erreichbar.

Vom ultratouristischen Site-Run durch die City über gemütliche Longrun-Routen am Wasser und durch Parks bis hin zur Marathon-Weltrekord-zertifizierten und mit Distanzmarkern trainingstauglich gemachten Kipchoge-Strecke auf der Hauptallee; vom imperialen Hügeltraining with a view zwischen Schönbrunn und Gloriette bis zu einfachen Gelände- und Waldläufen in der Lobau, auf der Donauinsel, im Prater, am Wienerberg oder im Lainzer Tiergarten.

Manche Strecken eignen sich sogar für echte Hardcore-, also Ultraläufe: "Wien Rundumadum" etwa führt ziemlich genau entlang der Stadtgrenze einmal rund um die Stadt. 140 Kilometer, die kaum einen Wienerwaldberg auslassen. Natürlich kann man das auch zizerlweise ablaufen – oder eben in einem. Allein und jederzeit oder im Rahmen des einmal jährlich ausgetragenen Wettkampfs mit mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Spaß an der Freude

Es gibt Menschen, die schon auf der ganzen Welt "Ultras" gelaufen sind, die schwören, das sei das perfekte Lauferlebnis. Ob das Leute, die aus Spaß an der Freude einmal pro Woche eine gemächliche 30-Minuten-Runde entlang der Innenmauer des Augartens drehen, auch so sehen, wage ich zu bezweifeln. Aber all das ist Laufen in Wien.

Deshalb kann ich die Frage nach der besten Laufroute nicht beantworten. Oder vielleicht ja doch. Die beste Laufroute Wiens ist: Wien. Als Ganzes. Das für den Moment passende Streckenstück wartet schon auf Sie. (Thomas Rottenberg, Magazin "Leben in Wien", 19.10.2020)