Mitschriften aus der Corona-Kommission zeigen, dass in vielen Regionen Österreichs die rasche Rückverfolgung der Risikokontakte kaum noch zu bewältigen ist.

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Ein solches Formular soll in Wien beim Lokalbesuch ausgefüllt werden.

Es muss ein Anruf sein wie aus einem schlechten Film. "Vienna-Contact-Tracing hier." So melden sich die Corona-Detektive. Es folgt eine kurze Befragung. In erster Linie forscht die Behörde sogenannte K1-Personen aus – also Hochrisikokontakte. Das bedeutet: Wer von den Contact-Tracern angerufen wird, hat sich in den vergangenen Tagen länger als 15 Minuten mit einem Covid-19-Infizierten nahe im selben Raum aufgehalten. Die Betroffenen müssen für zehn Tage in Heimquarantäne – ob sie Symptome haben oder nicht.

In der Krise zählt quasi jede Minute, wenn es darum geht, die Kontakte von Corona-Positiven aufzuspüren. Die Nachverfolgung der möglichen Ansteckungen ist eines der wenigen wirksamen Mittel, um zu verhindern, dass sich das Virus unkontrolliert ausbreitet – bis es die Impfung gibt. Doch das Contact-Tracing in Österreich läuft derzeit aus dem Ruder.

Aufklärungsquote sinkt

Mitschriften aus der Sitzung der Corona-Kommission am Donnerstag zeigen, dass in vielen Regionen Österreichs die rasche Rückverfolgung der Risikokontakte kaum noch zu bewältigen ist. In Salzburg ist die Aufklärungsquote rückläufig. In der Steiermark fehlen Amtsärzte, die im Zuge des Contact-Tracings medizinische Beurteilungen vornehmen müssen. Auch Niederösterreich meldet beim Kommissionstreffen ein, dass man sich immer schwerer tue mit der Nachverfolgung. Überall mangelt es an Personal. Die Wartezeiten auf Testergebnisse sind teils unzumutbar. Kurt Fischer, der Bürgermeister von Lustenau, sagt ganz offen: Bei den aktuellen Zuwächsen in seiner Region sehe er "rot".

Man fragt sich: Wie konnte das passieren?

Die Zahlen sprechen für sich. In Wien mussten im Mai und Juni in der Regel pro Infiziertem drei bis vier Personen ausgeforscht werden, mit denen der Erkrankte engen Kontakt hatte. Inzwischen sind es durchschnittlich zehn. In den vergangenen zwei Wochen verzeichnet die Hauptstadt nicht ganz 4.000 Neuinfektionen – und rund 35.000 nachzuverfolgende Kontakte. Man muss dazu sagen: Ob die schlussendlich ebenfalls infiziert sind oder nicht – der Aufwand ist für jede Kontaktperson derselbe. Die Gesundheitsbehörde muss herausfinden, wen der Infizierte wo getroffen hat und für wie lange, die Namen erheben, die Kontaktdaten recherchieren, anrufen – und bei Symptomen auch sie testen.

Maßnahmen zu früh gelockert

Für die Stadt Wien liegt die Fehleranalyse auf der Hand: "Die strengen Maßnahmen wurden von der Bundesregierung nach dem Lockdown zu schnell zu stark gelockert", heißt es aus dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ). "Das hat das Infektionsgeschehen beschleunigt, aber noch mehr hat es die Zahl der Kontakte beschleunigt." Will heißen: Wir treffen uns wieder mit zu vielen Menschen – eben weil es erlaubt war.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat eine andere Erklärung parat. Nämlich: Die Personalaufstockung in den Contact-Tracing-Abteilungen des Landes ist zu langsam erfolgt. Oberösterreich sucht aktuell Mitarbeiter in dem Bereich, in der Hauptstadt wurden gerade 500 solche Stellen ausgeschrieben. "In Wien gibt es eine große Herausforderung, deswegen ist es gut, dass Personal aufgestockt wird", formuliert es Anschober am Freitag. "Ich hätte es mir früher gewünscht, das sage ich auch."

Wünsche an Wien wurden dem Vernehmen nach auch am Freitagabend gestellt: Da trafen sich Bundeskanzler Sebastian Kurz, Vizekanzler Werner Kogler sowie Anschober und Innenminister Karl Nehammer mit den Landeshauptleuten, um über die allgemeine Lage zu debattieren. Allgemeiner Konsens: In der operativen Corona-Bekämpfung ist noch Luft nach oben. Man müsse schneller testen und Ressourcen aufstocken.

Neue Maßnahmen setzte es keine, da in den vergangenen Tagen einige Verschärfungen in Kraft traten: Zuerst kam die Maske im Supermarkt zurück. Es folgten Grenzkontrollen. Seit Montag gelten strengere Regeln im Wirtshaus, in Lokalen und bei Veranstaltungen. Anschober selbst hat am Donnerstag kurz an der Sitzung der Corona-Kommission teilgenommen. Dort prophezeite er: Wenn die Strategie mit den neuen Corona-Regeln aufgeht, werden wir das Anfang bis Mitte Oktober spüren. Will heißen: Erst dann gehen die Infektionszahlen wieder zurück – hoffentlich.

Hoffen auf Rückenwind

Rückenwind erhofft sich der Gesundheitsminister nun zusätzlich durch die im neuen Covid-19-Gesetz formulierte Möglichkeit, dass die Länder selbst strengere Maßnahmen verhängen. Und das passiert derzeit auch – im ganzen Land.

Das Treffen zwischen Regierung und Landeshauptleuten war auch der Versuch, sich darüber auszutauschen. "Mehr Möglichkeiten bedeuten mehr Verantwortung", so Vizekanzler Kogler, der in der Regionalisierung von Maßnahmen eine "große Chance" sieht.

Anfang der Woche – noch bevor Anschobers Covid-19-Gesetz den Nationalrat passierte – preschte der Westen Österreichs vor. Die türkisen Landeschefs von Vorarlberg, Tirol und Salzburg gaben bekannt, dass sie die Sperrstunden für sämtliche Lokale, Gaststätten und Wirtshäuser von ein Uhr Früh auf 22 Uhr vorverlegen wollen. Die hohen Infektionszahlen würden das notwendig machen. Die Regelung gilt seit Freitag.

Der Hintergrund ist klar: Reisewarnungen sind Gift für den Wintertourismus, von dem vor allem der Westen lebt. Inzwischen stehen neben Wien auch Vorarlberg und Tirol auf der roten Liste Deutschlands. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) spricht in dem Zusammenhang von einem "harten Schlag". Und Reisewarnungen orientieren sich vor allem an den Infektionszahlen. Die Vorverlegung der Sperrstunde birgt also die Hoffnung, weitere Warnungen zu verhindern.

Gästelisten in der Gastro

Bundeskanzler Kurz stellte sich prompt an die Seite des Westens und wollte, dass auch Wien und Niederösterreich dem Beispiel folgen. Doch er bekam eine Absage – lautstark vom roten Wien, aber auch das schwarze Niederösterreich zog nicht nach. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig glaubt, dass durch die Vorverlegung der Sperrstunde mehr "illegal" gefeiert werde. Seine Entscheidung sei mit Niederösterreich akkordiert.

Wien geht nun einen anderen Weg. Ab Montag gilt in der Hauptstadt eine Registrierungspflicht in der Gastronomie. Das bedeutet: Gastronomen müssen Name, Telefonnummer und E-Mail-Adresse sowie die Tischnummer ihrer Kunden aufzeichnen. Nicht verlangt wird die Wohnadresse. Die Gäste können verweigern, ihre Daten herzugeben. Der Gastronom muss sie in dem Fall aber auch nicht bewirten. Fragt die Behörde nach und der Wirt hat die entsprechenden Informationen über seine Gäste nicht, droht eine Verwaltungsstrafe. Wie genau er die Daten sammelt, ist aber jedem Gastronomen selbst überlassen: Ob er die Formvorlage der Stadt verwendet, sie digital oder analog notiert oder auch einfach im Kopf hat, ist egal.

Anschober gegen Registrierung

Der Gesundheitsminister hatte sich zuvor gegen eine Registrierungspflicht ausgesprochen. Anschober befürchtet eine Zettelwirtschaft, falsche Angaben durch Kunden und meldet auch datenschutzrechtliche Bedenken an. In Wien versucht man das vom Tisch zu wischen. Dabei stütz man, sich auf das Epidemiegesetz, in dem der Behörde eingeräumt wird, Personen zur Auskunftserteilung zu verpflichten. Außerdem, so betont man im Büro des zuständigen Landesrats Hacker, sei es für die Gäste ja freiwillig.

Niederösterreich zieht nun nach. Am Freitag wurde angekündigt, dass auch im ÖVP-geführten Bundesland eine Registrierungspflicht in Planung sei. Im Wiener Rathaus erklärt man die enge Abstimmung damit, dass Wien täglich etwa halbe Million Ein- und Auspendler verzeichnet. Die absolute Mehrheit davon sind Menschen aus Niederösterreich. Mehr stecke da nicht dahinter. Auch Salzburg und Kärnten zeigen sich inzwischen offen für die Gästelisten in der Gastronomie. Einen Dissens zwischen der Bundesregierung und der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner sieht Kurz wegen deren Abstimmung mit Wien nicht – und er lobte explizit das rote Kärnten, wo die Situation "exzellent" sei.

Wer sich privat im Contact-Tracing üben will, hat da übrigens auch eine Möglichkeit. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) hat auf ihrer Homepage ein Service eingerichtet, wo man recht detailliert die Routen von Corona-Infizierten nachverfolgen kann: Hoffentlich sind Sie vergangene Woche Donnerstagfrüh nicht im Wagen 22 des Zugs von Graz nach Wiener Neustadt gesessen. (Katharina Mittelstaedt, Jan Michael Marchart, Gabriele Scherndl, 25.9.2020)