Belastet sein und trotzdem stark bleiben: Diesen Balanceakt haben in der Krise viele zu meistern.

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Am 23. September passierten die neuen Covid-19-Gesetze den Nationalrat. Sie stellen unter anderem klar, wann ein neuer Lockdown möglich ist und wie Ausgangsbeschränkungen zukünftig aussehen können. In Supermärkten, Bankfilialen und der Post herrscht seit dem 21. September außerdem wieder Maskenpflicht, und für Menschen aus dem Westbalkan sollen neue Einreisebeschränkungen gelten.

Österreich bereitet sich vor, denn die Zahl der mit dem Coronavirus-Infizierten steigt wieder. Zurück ist damit nicht nur die Angst, sich mit dem Virus anzustecken, sondern auch die Unsicherheit. Wer kurzzeitig aufgeatmet hat, hält nun wieder die Luft an. Die Pandemie geht weiter. Die Corona-Ampel sorgt für zusätzliche Verwirrung. Orange wird plötzlich als Gelb definiert – zumindest im Schulbereich. Warum dies so ist, wird nicht erklärt.

Wie gehen Menschen mit so einer schwierigen Situation um? Was macht es mit der Bevölkerung, wenn die Ampel von einen Tag auf den anderen auf Rot wechseln könnte; das öffentliche Leben jederzeit stillgelegt werden kann?

Pionier Viktor Frankl

Die Erfahrung zeigt: Menschen gehen mit Krisen sehr unterschiedlich um. Stürzen die einen in ein tiefes Loch und entwickeln eine Depression, sind die anderen nur kurz niedergeschlagen, gehen aus der belastenden Situation jedoch unbeschadet hervor. Solche "Stehaufmännchen" nennt die Wissenschaft resilient. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Materialkunde (englisch: "resilience") und beschreibt die Eigenschaft eines Werkstoffes, nach starker Verformung wieder die ursprüngliche Gestalt anzunehmen.

"Auf den Menschen übertragen bezeichnet Resilienz die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende psychische Beeinträchtigung zu überstehen", erklärt Raffael Kalisch, Neurowissenschafter und Gründungsmitglied des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) in Mainz. Wie manche Menschen das machen, ist eine Frage, die die Wissenschaft seit längerem interessiert.

Ein Pionier der Resilienzforschung war Viktor Frankl. Der jüdische Psychiater hat im Zweiten Weltkrieg die Inhaftierung in vier Konzentrationslagern überlebt, darunter auch Auschwitz. Ein Großteil seiner Familie ist im Lager gestorben. Anders als andere ist Frankl an den Erfahrungen jedoch nicht zerbrochen. Stattdessen schrieb er im Jahr 1946 das Buch "... trotzdem Ja zum Leben sagen". Später entwickelte er die Logotherapie, einen psychotherapeutischen Ansatz zur Stärkung des Geistes. Den Begriff Resilienz verwendete Frankl nicht. Sein Leben ist dennoch gern zitiertes Beispiel für einen Menschen, der trotz schlimmster Widrigkeiten psychisch gesund aus einer Krise hervorgeht.

Verletzlich, aber unbesiegbar

Zur festen Größe im medizinischen und psychologischen Diskurs wird der Begriff durch die Arbeit der US-Amerikanerin Emmy Werner. Gut 40 Jahre lang beobachtete die Entwicklungspsychologin gemeinsam mit ihrem Team 698 Kinder, die im Jahr 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai geboren wurden. Sie alle wuchsen unter schwierigen Bedingungen wie Armut und Alkoholismus auf. Viele wurden von ihren Eltern auch misshandelt. Wie erwartet wurden zwei Drittel der Kinder später selbst gewalttätig, alkoholabhängig oder psychisch krank. Jedes dritte Kind war jedoch sozial gut integriert und entwickelte sich zu einem psychisch stabilen, erfolgreichen Erwachsenen.

"Vulnerable but invincible" – "verletzlich, doch unbesiegbar" nennt Werner diese Kinder. Als Faktoren, die dazu beitrugen, dass sie sich so positiv entwickelten, identifizierte die Forscherin unter anderem Humor, die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, Optimismus sowie eine gewisse Form von Spiritualität. Besonders wichtig war auch die Bindung an eine konstante Bezugsperson. Das konnten Mutter oder Vater sein, aber auch die Oma, der Onkel oder eine Lehrerin. Wichtig war, dass es eine Person gab, die an das Kind glaubte; ihm zeigte, dass es so, wie es ist, gut und richtig ist.

Selbstwirksam sein

Werners Ergebnisse wurden inzwischen von zahlreichen Studien bestätigt und scheinen sich auch in der Corona-Pandemie zu bewähren: Gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern der Universitätsklinik Charité in Berlin und anderen europäischen Partnern führte Neurowissenschafter Kalisch eine weltweite Studie durch, die untersucht, welche Faktoren die Psyche in der Corona-Krise schützen. Die ersten Zwischenergebnisse der Online-Befragung liegen bereits vor und bestätigen den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und empfundener sozialer Unterstützung, Optimismus und Selbstwirksamkeit als die Erfahrung, sein Leben selbst gestalten zu können.

Besonders wichtig ist zudem, wie eine Person die Krise bewertet: "Wer der Pandemie positive Aspekte abgewinnen kann oder gar Gelegenheiten in ihr sieht, das Unvermeidliche akzeptiert und auch erkennen kann, wenn es ihm noch vergleichsweise gut geht, kommt besser mit der Krise klar", betont Kalisch. Das bedeute nicht, dass solche Personen die Gefahrensituation verharmlosen. Vielmehr schätzten sie die Bedrohung realistisch ein, vermeiden es aber, Gefahren zu generalisieren oder sich in möglichen Katastrophenszenarien zu verlieren. Einen "positiven Bewertungsstil", kurz Pas, nennen Kalisch und sein Team diesen Resilienz-Faktor. Neurobiologisch könne das bedeuten, dass Teile des Gehirns, die für Angst- und Stressantworten zuständig sind, nur so weit aktiviert werden, wie es nötig ist, um einer Gefahr zu begegnen. "Die Aktivierung der Hirnschaltkreise, die die positiven Informationen verarbeiten, sorgt dann dafür, dass die Angst- und Stressantworten rechtzeitig gehemmt werden und nicht zu stark ausfallen", erklärt Kalisch. Das sei jedoch nur eine Vermutung.

Gut mit Stress

Eine Studie der Universität Buffalo in New York zeigt zudem, dass Menschen, die in ihrer Vergangenheit einer moderaten Anzahl negativer Lebensereignisse ausgesetzt waren, in ihrem Leben zufriedener waren und im Labor weniger auf Stressimpulse reagierten. "Das Erleben von Krisen kann den Menschen widerstandsfähiger machen", bestätigt die Psychologin und Neurowissenschafterin Leonie Ascone Michelis von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). Vorausgesetzt, er setzt sich aktiv mit ihnen auseinander und stellt sich die Frage: Was tut mir trotz schwieriger Umstände jetzt gut, was kann ich für mich selbst konkret tun? Wichtig sei zudem, Ängste und Sorgen nicht zu verdrängen, sondern sich hierüber mit anderen auszutauschen.

In Bezug auf Corona vermutet die Psychologin einen kulturellen Unterschied, durch den die Menschen hierzulande psychisch besonders stark unter der Pandemie leiden: "Die westliche Kultur neigt eher dazu, die Themen Leid, Krankheit und Tod auszuklammern", glaubt Ascone Michelis. Die Bilder aus Italien erschreckten viele daher umso mehr. Sie rät deshalb, Krankheit und Tod als Teil des Menschseins zu akzeptieren, anstatt sich in exzessives Grübeln hineinzusteigern.

Ressourcen aktivieren

Müssen wir also nur optimistisch sein, lernen, Schicksalsschlägen etwas Positives abzugewinnen, unnötige Grübeleien abschalten – und schon können wir gut mit allen Widrigkeiten des Lebens umgehen? Reicht es, eine Checkliste abzuarbeiten, wie einzelne Ratgeber empfehlen, und schon sind wir resilient?

Mitnichten. "Zwar hat die Forschung bereits zahlreiche Resilienzfaktoren entdeckt, sie haben jedoch nur einen geringen prädiktiven Wert", sagt Kalisch. Ihnen fehlt also die Vorhersagekraft. "Mit welchen Ressourcen ein Mensch es schafft, trotz Widrigkeiten psychisch gesund zu bleiben, lässt sich tatsächlich größtenteils erst nach der Krise sagen", bestätigt Psychologin Asconde. Wissenschafter wie sie und Kalisch gehen deshalb nicht mehr davon aus, dass es einzelne Faktoren, Fähigkeiten oder gar Charaktereigenschaften wie Optimismus oder Humor sind, die Menschen in Krisen schützen.

"Resilienz ist das Ergebnis eines dynamischen Prozesses, der sich in der Herausforderung entwickelt", betont Kalisch. Und nur weil ein Mensch einmal resilient war, bedeute dies nicht, dass er dies auch in Zukunft sein wird. Resilienz wird damit zu einer "zeitlich variierenden Konstellation". Was eine Person persönlich mitbringt, könne dabei genauso wichtig sein wie die Frage, wie sie finanziell aufgestellt ist, ob sie Hilfe aus ihrem sozialen Umfeld bekommt, diese auch als solche empfindet und welche Lernprozesse sie durchmacht. "Statt nach einzelnen Faktoren zu suchen, gelte es, das Zusammenspiel zu ergründen", so Kalisch.

Messwerte schwierig

Für die Forschung bedeutet das ein Umdenken: "Momentan wird Resilienz oft mithilfe von Fragebögen gemessen, die im Wesentlichen eine Kombination vorher festgelegter Faktoren abbilden", erklärt der Neurowissenschafter. Eine einmalige Erhebung gering prädiktiver Faktoren könne aber nicht die zukünftige Entwicklung der psychischen Gesundheit vorhersagen. Um Resilienz besser zu verstehen, brauche es Langzeitstudien, in denen Probandinnen und Probanden immer wieder zu ihrer Gesundheit, den erfahrenen Widrigkeiten sowie ihrem Umgang mit diesen befragt würden. "Nur aus solchen wiederholten Beobachtungen über eine längere Zeit lassen sich Rückschlüssen auf die entscheidenden Lern- und Anpassungsprozesse ziehen, die letztlich den Menschen gesund erhalten", so Kalisch. Ein Ansatz, den etwa das Mainzer Resilienz-Projekt (MARP) verfolgt.

Hier wird eine Gruppe junger gesunder Probanden über mehrere Jahre begleitet, die sich am Übergang zwischen Jugend und Erwachsenenalter befinden, einem Altersbereich, in dem stressbedingte psychische Probleme besonders häufig auftreten. Neben regelmäßigen Abfragen ihrer Erlebnisse, ihrer Reaktionen und möglicher psychischer Symptome werden die jungen Leute außerdem immer wieder im Labor ausgewählten Stress- und Belastungstests unterzogen und im Magnetresonanztomograf untersucht. Sie geben Blut- und Haarproben ab und schicken sogar ihren Stuhl ein, um mögliche stressbedingte Veränderungen der bakteriellen Besiedlung des Darms zu analysieren. Erste Ergebnisse soll es 2021 geben.

Kein Katastrophendenken

"Doch auch wenn es keine Checkliste gibt, die sich abarbeiten lässt, um resilient zu werden, lässt sich die eigene Widerstandsfähigkeit beeinflussen", ist Ascone überzeugt: In schwierigen Situationen Handlungsmöglichkeiten auszuloten, statt sich in Katastrophenszenarien zu verlieren, könne in nahezu jeder Krise helfen. Ebenso wie die Überzeugung, dass man sein Leben selbst in der Hand hat und es aktiv gestalten kann.

"Auch anderen Menschen zu helfen kann die seelische Widerstandsfähigkeit fördern", betont die Psychologin. Das steigere die Selbstwirksamkeit, vermittle dem anderen das Gefühl, nicht allein zu sein, und erzeuge dadurch eine positive Feedbackschleife. "Ein Patentrezept für Krisen gibt es nicht", so Ascone, "aber komplett hilflos ausgeliefert sind wir ihnen eben auch nicht." (Stella Hombach, 5.10.2020)