Eindrucksvolle Beißerchen: Der Kiefer eines Smilodons.
Foto: REUTERS/AMNH/J. Tseng

Der eiszeitliche Smilodon gilt als der Säbelzahntiger schlechthin. Das 200 bis 300 Kilogramm schwere Muskelpaket konnte mit seinen stark verlängerten Eckzähnen große Beute reißen – etwa den damaligen Bison, der um einiges größer war als der heutige, oder das eineinhalb Tonnen schwere Toxodon.

Immer wiederkehrendes Phänomen

Smilodon und andere Säbelzahnkatzen waren aber nur die jüngste Welle eines Phänomens, das in der Säugetierverwandtschaft immer wieder auftrat. Millionen Jahre vor den eigentlichen Säbelzahnkatzen hatten schon die Barbourofeliden Säbelzähne, und vor diesen die Nimraviden. Beide Gruppen werden zu den Raubtieren gezählt – anders als der ebenfalls säbelzahnbewehrte Thylacosmilus aus Südamerika, der ein entfernter Verwandter der Beuteltiere war.

Das Phänomen reicht aber noch wesentlich weiter in die Vergangenheit zurück, wie ein internationales Forscherteam im Fachjournal "Proceedings of the Royal Society B" berichtet. Noch bevor es Dinosaurier gab, hatte eine mit den Säugetieren verwandte Tiergruppe, die Gorgonopsia, säbelzahnartige Eckzähne entwickelt. Sie lebten vor 270 bis 251 Millionen Jahren und dürften die allerersten Jäger mit Säbelzähnen gewesen sein.

Vielfältiger als gedacht

Aber bedeutet das Vorhandensein von Säbelzähnen auch, dass all diese so unterschiedlichen Tiere auf dieselbe Weise jagten? Um das zu überprüfen, untersuchten Forscher aus Großbritannien, Spanien und Deutschland über 60 verschiedene säbelzahntragende Spezies. Mittels Computersimulationen analysierten sie die funktionellen Kapazitäten von Zähnen und Schädeln, um unter anderem Beißkraft und Biegefestigkeit zu überprüfen.

Das Ergebnis läuft auf eine überraschend große Diversität hinaus, wie das an der Studie beteiligte Berliner Museum für Naturkunde berichtet. Die Studie zeigte, dass säbelzahntragende Tiere zwar wohl ähnlich ausgesehen, ihre Zähne aber auf verschiedene Weise genutzt haben. Die gängige Vorstellung, dass die mächtigen Zähne dazu gedient haben müssen, große Beute zu reißen, trifft keineswegs immer zu.

Manche Arten hätten sich darauf spezialisiert, kleine Beute zu jagen und mit ihren Eckzähnen tiefe Wunden zu hinterlassen. Andere wiederum wiesen verstärkte Knochenstrukturen im Kiefer auf, was auf robustere und größere Beute hinweist. Um solche Beute überwältigen zu können, agierten die Tiere höchstwahrscheinlich als Rudeljäger, so die Forscher. Unterschiedliche Beuteschemata und Jagdtaktiken dürften es auch ermöglicht haben, dass mehrere Säbelzahnträger zeitgleich nebeneinander lebten.

Diese 260 Millionen Jahre alte Szene ist ein ganz besonderer Fall: Im Hintergrund trottet ein Jäger mit Säbelzähnen davon, abgeschreckt von dem Tier vorne (Tiarajudens eccentricus), das ebenfalls extrem verlängerte Zähne hatte ... allerdings ein Pflanzenfresser war.
Illustration: Science/AP/dapd

Eva-Maria Bendel vom Museum für Naturkunde, die Gorgonopsia erforscht, sagt: "Wir sind sehr froh, dass es uns möglich war, eine solche Bandbreite von säbelzahntragenden Gruppen über eine so große geologische Zeitspanne zu untersuchen." Sie betont, dass alle Spezies, bei denen Säbelzähne festgestellt wurden, der Säugetier-Stammeslinie angehören. Bei dem Zweig der Landwirbeltiere, dem die Dinosaurier und ihre Verwandten angehören, hat sich dieses Merkmal nie herausgebildet – obwohl er jede Menge beeindruckender Fleischfresser hervorbrachte. (red, 2. 10. 2020)