Der Neandertaler hat uns viel mehr hinterlassen, als einst für möglich gehalten wurde. Darunter leider auch denjenigen Covid-19-Risikofaktor, der von allen am schwierigsten zu bestimmen sein dürfte.
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Ein bis vier Prozent der DNA von Europäern und Asiaten sind das Erbe von Neandertalern, mit denen sich unsere Vorfahren gepaart hatten. Diesem genetischen Erbe werden sowohl positive als auch negative Auswirkungen zugeschrieben: etwa eine bessere Anpassung von Haut und Haar an ein Leben bei niedrigen Temperaturen oder eine höhere Immunität gegenüber einigen Krankheiten – leider aber auch eine höhere Anfälligkeit gegenüber anderen, etwa Typ-2-Diabetes.

Deutsche Forscher sind nun der Frage nachgegangen, ob unser Neandertaler-Erbe auch beim aktuellen Thema Nummer eins eine Rolle spielt, der Covid-19-Pandemie. Und laut dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI EVA) tut es das auch – leider nicht positiv: "Es ist erschreckend, dass das genetische Erbe der Neandertaler während der aktuellen Pandemie so tragische Auswirkungen hat", kommentiert Svante Pääbo, Direktor am MPI EVA, die jüngsten Erkenntnisse.

Auf der Suche nach dem Ursprung

Eine Studie im Sommer hatte ergeben, dass eine Gruppe von Genen auf Chromosom 3 mit einem höheren Risiko dafür verbunden sein kann, im Fall von Covid-19 im Krankenhaus behandelt und künstlich beatmet werden zu müssen. Die Gefahr für eine schwere Form der Erkrankung sei bei Menschen mit dieser Variante bis zu dreimal höher, hieß es damals.

Zeberg und Pääbo haben den Gencluster nun analysiert und gezielt mit dem Erbgut von Neandertalern und Denisova-Menschen verglichen, unseren nächsten Verwandten. Die DNA-Sequenz in der brisanten Variante des Clusters sei den DNA-Sequenzen eines etwa 50.000 Jahre alten Neandertalers aus Kroatien sehr ähnlich, erläutern sie im Fachjournal "Nature". "Es hat sich herausgestellt, dass moderne Menschen diese Genvariante von den Neandertalern geerbt haben, als sie sich vor etwa 60.000 Jahren miteinander vermischten", sagt Zeberg.

Es gebe erhebliche Unterschiede hinsichtlich der regionalen Verbreitung dieser genetischen Variante: Besonders häufig findet sie sich demnach bei Menschen in Südasien, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung sie im Genom trage, in Bangladesch sogar 63 Prozent. In Europa habe etwa einer von sechs Menschen (rund 16 Prozent) sie geerbt. In Afrika und Ostasien komme die Variante hingegen so gut wie gar nicht vor.

Noch ein Risikofaktor

Diese Genvariante ist nun also ein weiterer Risikofaktor zusätzlich zu vielen schon länger bekannten wie Alter, Geschlecht und manchen Vorerkrankungen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher", sagt Zeberg. Eine Erklärung dafür gebe es bislang nicht – das müsse nun so schnell wie möglich erforscht werden. (red, APA, 30. 9. 2020)