Die TV-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden geriet zu einem Tiefpunkt des Wahlkampfs.

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Am Tag nach dem Debatten-Desaster hagelt es Kommentare, und alle sind pointiert. Selbst republikanische Parteifreunde üben Kritik an einem Präsidenten, der auf der Fernsehbühne sämtliche Anstandsregeln missachtet hat. Donald Trump habe zu aggressiv gewirkt, wie ein Hitzkopf, rügt sogar Chris Christie, der ehemalige Gouverneur New Jerseys, der als Sparringspartner mit seinem alten Freund für den Auftritt geübt hatte.

Sarah Sanders, Ex-Sprecherin des Weißen Hauses, empfiehlt ihrem früheren Chef, es bei der nächsten Diskussion mit Humor zu versuchen. Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, geht dagegen so weit, dass sie am Sinn eines nächsten Streitgesprächs zweifelt.

Vom Start weg blies der Amtsinhaber zur Attacke gegen einen Herausforderer, den er in Verlegenheit zu stürzen versuchte. Trump versucht, Biden aus dem Konzept zu bringen, einen Aussetzer zu provozieren, indem er ihn ständig unterbricht. Diese Art behält er über 90 Minuten bei.

Genervter Gegner

"Leute, habt ihr eine Ahnung, was dieser Clown macht?", fragt Biden, schon nach wenigen Minuten sichtlich genervt, nachdem er einen Satz nicht zu Ende bringen kann. "Können Sie mal den Mund halten, Mann?" – "Sie sind der schlechteste Präsident, den Amerika je hatte." Worauf Trump seinen Rivalen zum klassischen Vertreter einer politischen Klasse stempelt, die nur skizziert, statt zu handeln. "In 47 Monaten habe ich mehr getan als Sie in 47 Jahren", sagt der Milliardär, der seit gut dreieinhalb Jahren im Weißen Haus residiert.

Im Rampenlicht verzichten die beiden Protagonisten wegen der Corona-Krise darauf, einander die Hand zu geben. So war es abgesprochen. Doch der ausgefallene Handshake, er kann auch als Symbol dienen für einen Abend, der noch die schlimmsten Erwartungen negativ übertrifft.

Mit welchen Programmen ein Präsident Trump beziehungsweise ein Präsident Biden die nächsten vier Jahre angehen würde, darüber erfährt das Publikum so gut wie nichts. Geht es einmal um Inhaltliches, wird Altbekanntes wiederholt.

Konflikt um Supreme Court

Trump findet es mit Blick auf die aktuellen Machtverhältnisse völlig in Ordnung, die vakante Stelle am Supreme Court im Schnellverfahren mit der Juristin Amy Coney Barrett zu besetzen, während Biden erneut fordert, das Ergebnis des Votums am 3. November abzuwarten, bevor über eine Richterin entschieden wird, deren Berufung auf Lebenszeit gilt.

Was immer Trump bisher gesagt habe, sei eine Lüge, teilt Biden später aus. "Jeder weiß, dass er ein Lügner ist." In dem Stil geht es weiter, egal welches Thema der Moderator anschneidet. Chris Wallace gilt als unabhängigster Kopf des ansonsten eindeutig konservativen Senders Fox News. Er ist bekannt für kritisches Nachhaken und eine souveräne Gesprächsführung. Normalerweise lässt er sich das Zepter nicht so schnell aus der Hand nehmen, doch in Cleveland wirkt er so hilflos wie ein Lehrer, dessen Schüler im Klassenzimmer außer Rand und Band geraten sind.

Streitthema Corona

Für den Umgang mit der Pandemie, der in den USA bisher über 200.000 Menschen zum Opfer fielen, gibt sich Trump, was er häufig tut, Bestnoten. Biden hält ihm vor, zum einen nie einen Plan gehabt und zum anderen die Gefahr wochenlang wider besseres Wissen heruntergespielt zu haben. "Vielleicht können Sie sich ja Bleichmittel in die Venen spritzen, damit wäre die Sache erledigt", bemerkt er sarkastisch. Das mit der Bleiche hatte der Präsident im April tatsächlich ins Spiel gebracht. Als sein Kontrahent ihm ankreidet, in der Krise alles andere als klug gehandelt zu haben, wird er einmal mehr persönlich. Das Wort "klug" aus Bidens Mund verbitte er sich, der Mann habe an der Uni zu den Schlechtesten seines Jahrgangs gehört, "nichts an Ihnen ist schlau".

Auf einen Bericht der New York Times angesprochen, wonach er 2016 und 2017 jeweils nur 750 Dollar an Bundes-Einkommensteuer zahlte, erwidert Trump, er zahle Millionen an Einkommensteuern. Wieder wirft er Biden vor, sich der "radikalen Linken" in seiner Partei zu unterwerfen. Wieder porträtiert er den Rivalen als Geisel von "Sozialisten", während er für Recht und Ordnung sorge. Wieder malt er seine – durch bisherige Erfahrung widerlegte – These, wonach der beim Briefwählen massiv manipuliert werde, in düsteren Farben aus. "Es wird Fälschungen geben, wie wir sie noch nie erlebt haben." Womöglich wisse man noch Monate nach dem Votum nicht, wer gewonnen habe, weil von irgendwo her, etwa aus Papiertonnen, immer neue Stimmzettel auftauchten.

"Proud Boys"

Der Tiefpunkt ist erreicht, als Wallace beide auffordert, weißen Überlegenheitsdünkel zu verurteilen. "Nennen Sie einen Namen. Sagen Sie mir, wen ich verurteilen soll", kontert Trump. "Die Proud Boys", wirft Biden in die Runde – eine rechtsradikale Miliz, die neulich in Portland im Pazifikstaat Oregon Zusammenstöße mit linken Demonstranten provozierte. "Die Proud Boys – haltet Abstand und steht bereit", spinnt der Präsident den Faden weiter, einmal mehr nicht bereit, auf Distanz zu Fanatikern zu gehen. "Aber ich sage Ihnen was, jemand muss was tun wegen Antifa und der Linken." Es klingt, als rede er einen Bürgerkrieg förmlich herbei.

Trump fühlt sich als Sieger

Am Mittwoch legte Trump einen Sinneswandel hin. "Ich weiß nicht, wer die Proud Boys sind", sagte er. "Sie müssen sich zurückziehen und die Polizei ihre Arbeit machen lassen". Sich selbst nahm Trump als Sieger der Debatte wahr. Mit Blick auf Biden sagte er: "Ich denke, dass er sehr schwach war. Er sah schwach aus, er jammerte."

Biden hat Trumps Auftritt beim TV-Duell indes als "Peinlichkeit für das Land" bezeichnet. Trump habe 90 Minuten lang alles versucht um abzulenken, sagte Biden in Alliance im US-Bundesstaat Ohio vor Journalisten.

Neue Regeln

Damit sich dies nicht mehr wiederholt, hat die für die Organisation der Präsidentschaftsdebatten zuständige Kommission Regeländerungen für das nächste Aufeinandertreffen der Kontrahenten angekündigt. "Bei der Debatte gestern Abend wurde klar, dass das Format der verbleibenden Debatten um zusätzliche Strukturen erweitert werden sollte", erklärte die Commission on Presidential Debates am Mittwoch, ohne zunächst Einzelheiten zu nennen. Damit solle eine "geordnetere Diskussion der Themen" sichergestellt werden.

Geplant seien "zusätzliche Instrumente, um die Ordnung aufrecht zu erhalten", hieß es weiter. Die Regeländerungen würden "sorgfältig" geprüft und in Kürze bekanntgegeben.

Trumps Wahlkampfteam kritisierte die Pläne und warf der Kommission vor, "die Regeln mitten im Spiel" zu ändern. Biden hatte die Hoffnung geäußert, dass man in Zukunft nur das Mikrofon des Sprechenden anschalten werde. (Frank Herrmann aus Washington, red, APA, 30.9.2020)