Während der Ebola-Epidemie soll es zu schweren Übergriffen durch Mitarbeiter der Uno und von Hilfsorganisationen gekommen sein.

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Die internationale Helferschar hat einen neuen Missbrauchsskandal. Experten, die an dem Einsatz gegen den schwersten Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo beteiligt waren, sollen kongolesische Frauen zum Sex gezwungen haben – vor allem indem sie ihnen Jobs versprachen. Das geht aus über einjährigen Recherchen der UN-Publikation "The New Humanitarian" und der Thomson Reuters Foundation hervor, deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden.

Mehr als 50 Kongolesinnen berichteten den Reportern, ein oder auch mehrere Male von "Helfern" in der ostkongolesischen Stadt Beni zu sexuellen Handlungen genötigt worden zu sein: Hätten sie nachgegeben, seien sie mit Jobs belohnt, hätten sie sich gewehrt, seien sie gegebenenfalls gefeuert worden. Er und viele seiner Kollegen hätten zahllose ausländische Fachleute und ihre Opfer immer wieder zu Hotels chauffiert, zitieren die Journalisten einen nicht namentlich genannten Fahrer: "Das kam so regelmäßig wie Einkaufen vor."

WHO und private Hilfsorganisationen

Bei einer Mehrheit der Männer handelt es sich offenbar um Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die im Kampf gegen die von August 2018 bis Juni 2020 anhaltenden Ebola-Epidemie federführend war. Andere hätten angegeben, für private Hilfswerke wie World Vision, Oxfam, Alima oder Ärzte ohne Grenzen tätig zu sein.

Auch ein Mitarbeiter des UN-Migrationswerks IOM und einer des Kinderhilfswerks Unicef sollen an Missbrauch beteiligt gewesen sein. Ähnliche Vorgänge wie in Beni wurden in der Vergangenheit immer wieder bekannt: Zuletzt war Mitarbeitern privater Hilfswerke in Haiti sowie französischen Blauhelmen in der Zentralafrikanischen Republik sexuelle Misshandlung Einheimischer vorgeworfen worden.

Entlassung nach Flucht

Eine 25-jährige Reinigungsfrau erzählte den Reportern, sie sei von einem für die WHO arbeitenden Arzt in dessen Haus zitiert worden, angeblich um ihre Beförderung zu besprechen. Nach ihrer Ankunft habe sie der Mann mit den Worten in sein Schlafzimmer gedrängt: "Es gibt nur eine Bedingung für die Beförderung: mit mir zu schlafen." Der Frau gelang die Flucht, sie sei jedoch am nächsten Tag entlassen worden, erzählte sie.

Eine 32-jährige Kongolesin berichtete von ihrer Enttäuschung, jeden Morgen am schwarzen Brett vor der WHO-Mission feststellen zu müssen, dass sie wieder keinen Job erhalten habe. Bis ihr ebenfalls ein im Auftrag der WHO tätiger Arzt eine Beschäftigung im Austausch gegen Sex versprochen habe. Heute ist die Frau offenbar schwanger.

Ein Skandal nach dem anderen

Die mit den Fällen in Verbindung gebrachten Hilfswerke kündigten inzwischen interne Untersuchungen an. Die Afrika-Regionaldirektorin der WHO, Matshidiso Moeti, nannte die Anschuldigungen "herzzerreißend". Ihr ganzes Leben habe sie als Frau, Ärztin und Mutter für die Gleichbehandlung der Geschlechter gekämpft, gegen Missbrauch und sexuelle Belästigung: "Ich werde alles tun, um dazu beizutragen, dass die Urheber dieser Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden."

"Wir stolpern von einem Skandal zum nächsten", klagt dagegen die Abgeordnete des britischen Unterhauses, Sarah Champion, "und hören dauernd, dass etwas dagegen getan wird. Aber nichts wird getan!" Die Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Entwicklung fordert die Hilfswerke dazu auf, ihre Mitarbeiter besseren Prüfungen zu unterziehen und den Frauen mehr Macht einzuräumen. Um im internationalen Hilfssektor den nötigen Wandel herbeizuführen, müssten "die Kultur der Organisationen" und "die Machtgefälle zwischen den Geschlechtern" frontal angegriffen werden, fordert Stephanie Draper, Geschäftsführerin von Bond, dem Netzwerk internationaler Hilfsorganisationen. (Johannes Dieterich, 3.10.2020)