Der Versandhändler ist mit seinem aggressiven Umgang mit Arbeitnehmervertretungen in der Vergangenheit immer wieder aufgefallen.

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Amazon mag keine Gewerkschaften und will ihre Bildung um jeden Preis verhindern. Das hat sich in der Vergangenheit in dem Verhalten des Unternehmens gezeigt, nun haben EU-Abgeordnete in einem offenen Brief ihre Befürchtungen über das Handeln des US-Konzerns niedergeschrieben.

Parallel dazu offenbart ein geleaktes Dokument, auf das "Recode" einen Blick werfen konnte, massive Investitionen des Unternehmens, um Arbeitnehmervereinigungen um jeden Preis unmöglich zu machen.

Gewerkschaftsbildung automatisiert erkennen

Ein Papier vom Februar 2020 beschreibt die Pläne, hunderttausende Dollar auszugeben, um Versuche, sich zusammenzuschließen, und andere "Gefahren" für das Unternehmen, so die Wortwahl, weltweit mithilfe von algorithmengesteuerter Software zu analysieren und zu visualisieren. Dabei soll ein Programm namens "Geospatial Operating Console" zum Einsatz kommen, das solche Bemühungen anhand von 40 unterschiedlichen Datensätzen erkennen soll. Allgemein werden Beschäftigte massiv überwacht – etwa mit Handscannern, die Arbeitsschritte ausspähen, und Computern, die die Leistung der Arbeiter mitverfolgen.

Offener Brief

Nun haben 36 EU-Abgeordnete, darunter die SPÖ-Delegation im Parlament, einen offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos geschrieben. Dabei drücken sie ihre Bedenken darüber aus, dass Amazon womöglich Gewerkschafter, Mitarbeiter und Politiker überwacht. Auslöser war eine Jobausschreibung des Unternehmens, mit der es nach "Analysten" suchte, die Gefahren für Amazon überwachen sollen, darunter eben die Bildung von Gewerkschaften oder aber auch "feindselige Politiker". Gewerkschaften und Politiker wurden in dem Ausschreiben in denselben Kategorien gehandhabt wie ähnliche Jobangebote für Analysten zu Risiken wie Hassgruppierungen und Terrorismus.

Abgeordnete: Amazon muss rechtliche Prinzipien respektieren

Vorausgesetzt wurde Erfahrung in der Strafverfolgung oder im Militär. Nachdem über die Ausschreibung medial berichtet worden war, entfernte das Unternehmen sie wieder und bezeichnete sie als "Fehler". Da Sprachkenntnisse in Spanisch und Französisch vorausgesetzt wurden, vermuten die Politiker nun, dass eine Überwachung auch im EU-Raum erfolgt. "Das exponentielle Wachstum von Amazons Profiten erlaubt Ihnen nicht, sich davon zu drücken, fundamentale rechtliche Prinzipien zu respektieren", heißt es in dem Schreiben.

Im April wurde bekannt, dass das Unternehmen in den USA bei seiner Lebensmittelkette Whole Foods für jedes Geschäft Risikoanalyse erstellt – und zwar in Bezug auf die "Gefahr" einer gewerkschaftlichen Organisierung. Zu den Faktoren gehört etwa die Diversität der Mitarbeiter. (muz, 8.10.2020)