Es war ein jämmerliches Schauspiel. Der Wahlkampf um Wien war vor allem vom Match Bund gegen Stadt gekennzeichnet. Kaum ein Tag ist vergangen, an dem es keine Anwürfe von außen nach innen oder auch von drinnen nach draußen gegeben hat. Der traurige Höhepunkt kam zum Finale, als Gesundheitsstadtrat Peter Hacker aus dem Corona-Krisenstab aussteigen wollte. Er musste von seinem Chef, Bürgermeister Michael Ludwig, zur Vernunft gebracht werden. Dazwischen ließ vor allem die ÖVP keine Gelegenheit aus, um zu skizzieren, wie schlimm es um die Bundeshauptstadt bestellt sei. Ein mehr als peinliches, durchsichtiges, erzwungen brutales Remake von Simmering gegen Kapfenberg spielte sich ab. Qualtinger, schau oba! Und warum das ganze Theater? Nicht weil es um die Sache ging, sondern weil sich sowohl ÖVP als auch SPÖ von diesem Zweikampf Stimmen erwartet haben. Ein Außenfeind funktioniert schließlich immer gut.

Innenblick nach Simmering: eine Familie mit zwei Kindern. Die Frau im Homeoffice in Kurzarbeit, der Mann, Ex-Barkeeper, arbeitslos. Am Vormittag kommt eine Mail aus der Schuldirektion: Corona-Verdachtsfall! Es ist der dritte in dieser Woche. Was tun? Quarantäne? Muss das eigene Kind getestet werden? Wo bleibt der Cluster-Buster-Bus, wenn man ihn braucht? Inzwischen kommt Kind Nummer zwei und erzählt von einem Gurgeltest in der Bussibär-Gruppe. Die Mutter greift sich aufs Hirn, der Vater bekommt eine Handy-Pushmeldung: "Schramböck schließt Lockdown nicht aus und fordert frühere Sperrstunde in Wien". Oida!

Normal wäre, wenn Kinder wieder maskenfrei und unbeschwert in Schule und Kindergarten gehen könnten.
Foto: Getty Images

Verunsicherung

Während solche Szenen in Wiener Haushalten immer normaler werden, wird an diesem Sonntag entschieden, wer künftig die politische Verantwortung in Wien übernehmen soll. Selten war die Kluft zwischen tatsächlicher Lebensrealität und inszeniertem Wahlkampfdrama so groß. Die Wahl fällt in eine Zeit der totalen Verunsicherung. Es ist noch völlig unklar, wie die Stadt aus dieser Krise herauskommen kann. Wann gibt es eine Impfung? Was sind die Auswirkungen auf Gesundheit und Wirtschaft? Wie ist der kommende Winter gesellschaftlich zu überstehen? Es geht in Wien um fast zwei Millionen Schicksale. Diese sind aber nicht getrennt von der restlichen österreichischen Bevölkerung zu betrachten. Das Herz des Landes, um es pathetisch zu formulieren, muss so gestärkt werden, dass Gesamt-Österreich aus der Krise kommt.

Damit das gelingt, darf Bürgermeister Ludwig aus der Weltstadt kein gallisches rotes Dorf machen. Gleichzeitig müssen Bundeskanzler Sebastian Kurz und die Seinen die leidigen Querschüsse beenden. Der Kanzler erwartet im Sommer 2021 eine Rückkehr zur Normalität. Für Wien, wo es beispielsweise im Tourismus einen Einbruch von über 80 Prozent gegeben hat, klingt das extrem optimistisch.

Normal wäre, wenn der oben beschriebene Simmeringer wieder einen Job in der Nachtgastro ausüben könnte, die Kurzarbeit der Frau beendet wäre und die Kinder maskenfrei und unbeschwert in Schule und Kindergarten gehen könnten. Dafür braucht es eine enorme Anstrengung aller Beteiligten. Ludwig muss eine handlungsfähige Stadtregierung aufstellen, die dieser Krise gewachsen ist. Noch viel mehr braucht es jedoch einen vernünftigen Schulterschluss zwischen Stadt und Bund. (Rainer Schüller, 10.10.2020)