"Diese Jugend stürzt ab, wer hilft uns da raus? Die Krise trifft einen, doch oben juckt es keine Sau", rappt Alex Dalbosco in Lost Generation. Die Idee für den Song gab ihm die Geschichte der 16-jährigen Sami, die trotz 50 Bewerbungen keine Lehre fand und sich an die Gewerkschaft Vida wandte. Neben ihr kommt auch Fabian im Lied vor: "Wieder ohne Job, er bewirbt sich Nonstop." Der 23-jährige Dalbosco ist mit dem Lied an Vida herangetreten, die ihn mit Öffentlichkeitsarbeit unterstützte, weil sie darin einen "Hilfeschrei" der Jugend sieht.

Dieser Text ist am 15. Oktober 2020 im Der Standard Karriere Magazin erschienen. Daher wird in diesem Artikel auch nicht auf die Folgen des zweiten Lockdowns eingegangen.

Was ist dran an der These einer verlorenen Generation, einer Generation Corona? Klar ist, gerade junge Menschen spüren die Folgen der Corona-Pandemie besonders. Nicht nur, weil vieles, das das Jungsein ausmacht, kaum möglich ist – wie feiern oder reisen. Sondern auch in Sachen Jobmarkt: Viele Schüler fanden kein Ferialpraktikum. Lehrlinge haben Schwierigkeiten, eine Stelle zu bekommen. Studierende haben wegen des gekündigten Nebenjobs finanzielle Probleme, Absolventen finden langsamer einen Job. Berufseinsteiger wurden gekündigt, und Selbstständige haben kaum Aufträge.

Die Krise hat zu einem starken Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit geführt: Im März hat sich die Zahl der Arbeitssuchenden unter 25 Jahren, verglichen mit dem Vorjahr, nahezu verdoppelt, berechnete das Wirtschaftsforschungsinstitut. Ende September lag die Jugendarbeitslosigkeit laut Arbeitsmarktservice bei 9,9 Prozent. Damit ist die Zahl der unter 25-Jährigen, die arbeitslos oder in Schulung sind, um 11,4 Prozent höher als im September 2019.

Junge sind deshalb eher von den wirtschaftlichen Folgen betroffen, weil sie oft in Branchen arbeiten, die besonders angeschlagen sind: in der Gastro, im Tourismus und Handel oder im Dienstleistungs-, Kultur- und Kreativbereich. Zudem sind sie meist befristet angestellt oder in prekären Verhältnissen beschäftigt und werden schneller gekündigt. Etwa, weil ihr Kündigungsschutz in der Regel kürzer ist oder Firmen in Krisenzeiten auf das Wissen der Alteingesessenen zählen.

Unsicherheiten und Sicherheitsbedürfnis

Auch der Berufseinstieg, der schon vor Corona für viele nicht reibungslos verlief, verzögert sich. Im September sagten in einer Umfrage der Jobbörse Stepstone rund 29 Prozent der 1200 befragten Studierenden und Absolventen, wegen Corona schwerer einen neuen Job zu finden. Ein Viertel gab an, dass sich ihr Jobeinstieg verzögere. Das kann langfristige Folgen haben, zeigen Untersuchungen. Längere arbeitslose Phasen zu Beginn des Berufslebens können sich später negativ auf Erwerbsstatus, Einkommen und Lebenszufriedenheit auswirken. Oder die Jungen nehmen krisenbedingt eher Jobs an, für die sie überqualifiziert sind.

Lehrlinge
Die Auswirkungen der Corona-Krise spüre man auch auf dem Lehrstellenmarkt, schreibt das Arbeitsmarktservice (AMS) in einem aktuellen Spezialthema-Bericht. Besonders betroffen war laut AMS das Lehrstellangebot im Tourismus, in der Warenproduktion und am Bau. Die Lehrstellenlücke – das heißt, es gibt mehr Lehrstellensuchende als Lehrstellen – hat sich im Sommer deutlich vergrößert. Ende September gab es immerhin bundesweit wieder um rund 400 mehr sofort verfügbare Lehrplätze als Suchende. Konkret standen 8.805 sofort verfügbare Lehrstellen 8.406 Lehrstellensuchenden gegenüber. Die Situation unterscheidet sich nach Bundesland: Während es in Ostösterreich immer noch deutlich weniger Stellen als Suchende gibt, ist es in Westösterreich umgekehrt. Um die Ausbildungsgarantie für 2020/2021 einlösen zu können, steigert das AMS die Kapazitäten in der überbetrieblichen Ausbildung um 30 Prozent auf knapp 14.600 Personen, kündigte AMS-Chef Johannes Kopf an. Die überbetriebliche Lehre ist für jene, die keine Stelle im Betrieb finden und übergangsmäßig eine Ausbildung erhalten, bis sie diese im Unternehmen machen können. Auch Unternehmen kündigten an, die Lehrstellen auszuweiten – etwa die ÖBB, Swietelsky, RHI Magnesita, Raiffeisen oder Lidl. Das ist eine Zukunftsinvestition: Ein Mangel an Lehrstellen in der Krise könne einen Fachkräftemangel in der Hochkonjunktur auslösen, sagt Wifo-Ökonomin Ulrike Huemer.
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Ob der Unsicherheiten im Lockdown befanden sich viele in einem Warteraum der Zukunft, wussten nicht, was und wie sie überhaupt planen sollten. Dementsprechend sah die Hälfte der befragten 16- bis 29-Jährigen in einer Erhebung des Instituts für Jugendkulturforschung düster in die Zukunft. 80 Prozent sorgten sich im April um Arbeitsplätze. Die Jobsicherheit zu Jahresbeginn habe sich durch die Corona-Pandemie stark erschüttert, heißt es im Deloitte Millennial Survey. Und: Das Sicherheitsbedürfnis habe sich verstärkt.

Welche Folgen zeigen sich für die Jungen ein halbes Jahr nach dem Lockdown, der ersten Kündigungswelle und drohenden Firmenpleiten? Das weiß unter anderem Bernhard Kittel. Er ist Wirtschaftssoziologe an der Uni Wien und befragt regelmäßig 1500 Menschen für das Austrian Corona Panel Project. Je nach Elternhaus und je nachdem, wo die Jungen im Leben stehen, seien sie unterschiedlich betroffen: "Je besser gebildet, je besser die Wohnsituation, je besser die soziale Integration, desto weniger tangiert einen die Krise", sagt Kittel.

Aus seinen Forschungen könne man einen signifikanten Effekt herauslesen: Jene, die wegen Corona arbeitslos wurden, neigen mehr zu Depressionen als jene in Kurzarbeit. "Dieser Effekt ist bei den Jungen stärker, das heißt aber nicht, dass alle eine starke Depression haben." Verbildlicht auf einer Skala von null bis 100 erreiche der Effekt zehn Punkte – die Einzelschicksale dürfe man aber keinesfalls kleinreden.

Einige wenige Befragte haben es im Lockdown auch aus der Arbeitslosigkeit geschafft. Sie hätten eine "massive Verbesserung des psychischen Wohlbefindens", sagt Kittel. Überhaupt zeigten die Zahlen, dass sich die Situation für viele mittlerweile verbessert hat. 40 Prozent der im Februar beschäftigten unter 30-Jährigen wurden im März "aus der Arbeit rauskatapultiert", die meisten von ihnen in die Kurzarbeit. Im Juli waren 75 Prozent der untersuchten Jungen beschäftigt, 15,5 Prozent in Kurzarbeit. "Im September erholte sich die Lage weitgehend. Etwa ein Sechstel ist nicht erwerbstätig, der Großteil davon in Kurzarbeit", resümiert Kittel.

Individuelle Krisenerfahrungen

Wie sieht das nun auf konkrete Fälle heruntergebrochen aus? Im Frühjahr hat der STANDARD junge Menschen gefragt, wie es ihnen in der Krise geht, welche Sorgen sie haben und wie sie auf ihre berufliche Zukunft blicken. Saleha Rezai erzählte, dass "Corona ihre Pläne durcheinandergebracht" habe: Die 19-Jährige, die vor drei Jahren aus Afghanistan nach Österreich kam, hatte Schwierigkeiten, per Online-Bewerbung eine Lehrstelle zu finden. Im Frühjahr war sie in der zweiten Bewerbungsrunde bei einer Bank. Ausgang zum Zeitpunkt des Interviews: unklar.

Der Schüler Lukas Mayr konnte trotz "mühsamen" Homeschoolings der Situation Positives abgewinnen: Er lernte, sich selbst zu organisieren und für sich und seine Interessen zu lernen. Gleichzeitig sorgte sich der 16-Jährige um sein Pflichtpraktikum im Sommer, das er in seiner dualen Ausbildung – Gymnasium und Mechatronikerlehre – absolvieren sollte. Die Studentin Seyda Gün hatte gerade ihre erste Online-Klausur hinter sich und war skeptisch: "So, wie die Prüfungen ablaufen, mache ich mir Sorgen, dass ich ein Semester verliere." Ihr Plan, im Sommer 2021 den Publizistik-Bachelor abzuschließen und dann Praktika zu machen, schien zu wackeln. Über die berufliche Zukunft machte sie sich weniger Sorgen.

Studierende
Die Hochschulen wurden im März als Erstes Corona-bedingt geschlossen – und damit die Studierenden in den virtuellen Hörsaal versetzt. Im "Corona-Semester" war Distance-Learning angesagt, im Wintersemester führen die meisten Hochschulen einen hybriden Betrieb. Damit ist ein Mix aus Präsenz- und Online-Kursen gemeint – auch je nachdem, wie sich die Pandemie entwickelt. Erstsemestrige sollen besonders viele Kurse vor Ort haben. Denn wie unterschiedliche Erhebungen unter Studierenden zeigten, war eines der Learnings aus dem Distance-Learning : Die Studentinnen und Studenten vermissten vor allem den persönlichen Kontakt mit ihren Kommilitonen und Lehrenden. Das schlug auf das Wohlbefinden. Die dreistufige Befragung "Lernen unter Covid-19-Bedingungen" der Uni Wien legt auch nahe, dass die Stimmung mit der Lernsituation zusammenhängt. Je erfolgreicher sie für sich die Aufgaben im Home-Learning erfüllen und dabei das Studium nach den eigenen Vorstellungen gestalten konnten, desto zufriedener waren sie. Weitere Ergebnisse: Die Mehrheit der Befragten kam gut mit den Online-Tests zurecht, die Selbstorganisation verbesserte sich im Laufe des Semesters. Unsicherheiten machten ihnen besonders anfangs zu schaffen und drückten die Motivation. Ebenso gab es Sorgen um Finanzielles und darum, dass sich wegen Corona das Studium verzögere: In einer Stepstone-Umfrage gab jeder Fünfte an, dass der geplante Studienabschluss wackelt.
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Auch Stefanie Ecker sorgte sich nicht um ihre langfristige Jobchancen – obwohl sie im März wegen Corona in der Probezeit bei einer Versicherung gekündigt wurde. "Das war ein Schlag ins Gesicht", sagte die 25-Jährige damals, die mit Erspartem das niedrige Arbeitslosengeld auffettete und berufsbegleitend einen Master macht. Ums Finanzielle kreisten auch Tanja Hubers Gedanken: Die selbstständige Tänzerin und Tanzstudioleiterin im Verein Arriola machte sich Sorgen, ob ihr Studio die Krise überlebt – war es ja Corona-bedingt lange geschlossen. Die 29-Jährige machte einen Plan B: ein Masterstudium im Herbst zu beginnen.

Ein halbes Jahr später

Wie geht es den fünf ein halbes Jahr später? Bewahrheiteten sich ihre Sorgen? Für die meisten hat sich die Lage verbessert. Seyda Gün erzählt, sie wisse nun, dass das Studium trotz Distance-Learning machbar ist. Geholfen habe ihr ein zweiwöchiger Sommerkurs zu Krisenmanagement von der Uni. Sie lernte Methoden, um den Studienfortschritt einzuhalten und die gesetzten Ziele zu erreichen. "Der Austausch mit den anderen Studierenden hat mir das Gefühl gegeben, dass ich mit den Sorgen nicht allein bin – und hat mich wieder motiviert", sagt die 23-Jährige.

Auch mit den Online-Tests wurde sie vertrauter: Sie habe "gute Noten erzielt und doch keinen Nachteil gehabt, wie ich mir anfangs dachte". Was ihre berufliche Zukunft angeht, sei sie "nicht so optimistisch": "Ich bin derzeit nicht von der Krise betroffen, weil ich studiere. Aber danach ist ein großes Fragezeichen." Bis auf eine Ausnahme liefen die Bewerbungen für Redaktionspraktika im Sommer ins Leere: Läuft es mit Corona gut, kann sie im Jänner eines machen.

Um Pflichtpraktika ging es auch bei Schüler Lukas Mayr: Zwei zugesagte Stellen wurden ihm Corona-bedingt abgesagt. Das sei aber nicht schlimm gewesen – er hat die Lehre zum Mechatroniker abgebrochen. In den vergangenen Monaten habe er gemerkt, dass sie ihn "nicht mehr so interessiert". Seinen Fokus legt er nun auf das Gymnasium, wo im Präsenzunterricht wieder mehr gefordert werde. Er glaubt nicht, dass ihm "die Krise die Chance auf eine gute Ausbildung nimmt. Ich bin sehr privilegiert." Berufliche Pläne seien weit entfernt, wichtiger sei das Studium in eineinhalb Jahren.

Keine Existenzängste

Das Masterstudium hat Tänzerin Tanja Huber verworfen, dafür leitet sie mittlerweile zwei Tanzstudios. "Das macht Spaß, ist aber auch intensiv – im Sommer hatte keiner von uns frei", sagt sie. Lange war nicht klar, ob sie im Herbst, ob der Corona-Lage, überhaupt Kurse anbieten können. Für dieses Semester sei immerhin die Angst vor dem Konkurs "vom Tisch" – aber nicht auf lange Sicht zu planen und sich ständig auf neue Regeln einzulassen sei anstrengend. Existenzängste hat die 29-Jährige derzeit nicht: "Mein Einkommen reicht für die Fixkosten, aber es trifft mich sehr, dass alle Shows abgesagt sind, bei denen ich dazuverdient habe."

Berufseinsteiger
Jeder und jede ist von der Corona-Pandemie betroffen, aber nicht jeden trifft die Krise gleich. Wer währenddessen das Studium oder die Ausbildung abgeschlossen hat und nun einen Job sucht, muss sich – je nach Branche – länger gedulden, bis die Traumstelle gefunden und der Arbeitsvertrag in der Tasche ist. Wer das geschafft hat, kann einen herausfordernden Einstieg haben. Viele Unternehmen arbeiten komplett oder zum Teil im Homeoffice – da ist es schwierig, Kontakte zu knüpfen, die internen Abläufe kennenzulernen oder den Flurfunk mitzubekommen. Andere mussten oder wollten im Sommer ein (Pflicht-)Praktikum machen. Das Reinschnuppern, ob der Job in der Bank, im Marketing oder als Bauingenieurin überhaupt was für einen ist, war nicht immer einfach. Viele Unternehmen haben, einerseits wegen der wirtschaftlichen Lage, andererseits wegen Homeoffice keine Praktika ausgeschrieben. Zum Beispiel gab es laut Schätzungen des Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo im Juni und Juli um ein Fünftel weniger Ferialpraktika für Jugendliche unter 19 Jahren. Konkret sind das 9.800 Sommerjobs weniger. Das ist zwar ein Einbruch, aber kein kompletter Kahlschlag, wie zu Beginn der Krise befürchtet wurde. Nach Sektoren betrachtet gab es in den meisten Branchen im Juli einen Anstieg bei der Beschäftigung von Schülern in der Sachgütererzeugung und im Tourismus – aber auch im Handel, im Bauwesen und in der öffentlichen Verwaltung.
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Gut lief es für die angehende Bankkauffrau Saleha Rezai in den vergangenen Monaten: Eine Woche nach dem Bewerbungsgespräch im Frühling erhielt sie die Stelle bei der Bank Austria. Und: "Seit ich die Lehre im August begonnen habe, ist mein Deutsch viel besser geworden." Auch Stefanie Ecker hing nicht lange in der Luft: Noch bevor sie den Job, in dem sie gekündigt wurde, angenommen hat, hatte sie ein Vorstellungsgespräch bei der Generali-Versicherung. Nach der Kündigung meldete sie dort wieder Interesse an und bewarb sich bei 15 Firmen. "Es gab nur wenige, die bereit waren, überhaupt wen zum Interview einzuladen, geschweige denn einzustellen. Das war etwas frustrierend", erzählt die 25-Jährige. Doch es klappte: Nach zwei arbeitslosen Monaten fing sie im Juni bei der Generali an.

Was ist also mit der Generation Corona? Wirtschaftssoziologe Kittel sieht darin eine "hochgejazzte" Debatte. Die Jungen sehen die Zukunft deutlich optimistischer als die Älteren, zeigt seine Panel-Befragung. Die Pandemie-Erfahrungen seien so verschieden, man könne sie nicht einer ganzen Generation zuschreiben. Auch die Wege der fünf jungen Menschen zeichnen ein positives Bild, allerdings gibt es immer noch viele Junge, die weiterhin auf Jobsuche sind.

Was laut Kittel auf jeden Fall stimme: "Jene mit schlechten sozialen Startbedingungen haben es noch schwerer", sagt Kittel. Er befürchtet, dass das auf dem Jobmarkt zu einem "starken Schub an Ungleichheiten führt: Die in der zweiten Reihe rücken noch weiter nach hinten." Entscheidend sei aber auch, wie man persönlich mit der Situation umgehe: "Betrachtet man die Krise als Herausforderung und beißt die Zähne zusammen – oder als Schicksalsschlag, den man nicht selbst beeinflussen kann?" (Selina Thaler, 11.11.2020)