Von Mittwoch an müssen viele Millionen Engländer neue Corona-Einschränkungen in Kauf nehmen. Nach detaillierten Konsultationen mit regional zuständigen Politikern, vor allem im Norden des Landes, stellte der konservative Premierminister Boris Johnson am Montagnachmittag im Unterhaus sowie abends im Fernsehen ein neues Maßnahmenpaket vor.

Demnach müssen im Großraum Liverpool Pubs und Restaurants, sofern sie keine Mahlzeiten servieren sowie Fitnessstudios und Wettbüros für mindestens vier Wochen schließen. Der Bevölkerung wird von allen unnötigen Sozialkontakten und Reisen innerhalb der Gefahrenzone abgeraten. "Es wäre unverzeihlich, jetzt nicht zu handeln", betonte der Regierungschef.

Wie in anderen Metropolen auch gilt in Londons Bussen Maskenpflicht.
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Die Covid-Regionalisierung teilt das Land in drei Zonen ein, in denen das Risiko als mittelschwer, hoch und sehr hoch (medium, high, very high) eingestuft wird. Schon bisher gilt überall Maskenpflicht in Geschäften, Bussen und Zügen sowie die sogenannte Sechser-Regel: Sowohl drinnen wie draußen sind Treffen lediglich mit fünf anderen Menschen erlaubt.

Städte wie Leicester, Bolton oder Bury leben teilweise bereits seit zweieinhalb Monaten unter weiter gehenden Einschränkungen; beispielsweise dürfen sich dort die Bürger überhaupt nicht gegenseitig in ihren Häusern besuchen. Diese Kommunen kommen jetzt in die Kategorie "hohes Risiko", während Merseyside um Liverpool als "sehr hoch" eingestuft wird. Landesweit sollen aber Schulen und Universitäten von der Schließung ausgenommen bleiben.

Verdoppelung der Zahlen

Die schottische Regionalregierung unter Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon hatte vergleichbare Maßnahmen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 bereits vergangene Woche getroffen. Dass Johnson für das viel grössere England nachzieht, entspricht lautstarken Forderungen von Epidemiologen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Einer großangelegten Studie des Statistikamtes ONS zufolge infizierten sich in der vergangenen Woche rund 224000 Menschen mit Sars-CoV-2. In der Woche zuvor lag die Zahl bei rund 116000. Die Labors des Landes meldeten zuletzt im Wochendurchschnitt täglich 14391 Positivfälle (zum Vergleich in Deutschland: 2683).

In der Woche bis Sonntag Abend starben durchschnittlich 68 Menschen täglich an den Folgen einer Covid-Infektion (Deutschland: 13). Insgesamt liegt die Zahl der Coronatoten mittlerweile bei 42825, was 630 Sterbefällen pro Million Einwohner entspricht (Deutschland 116, Österreich 95, Schweiz 241, Luxemburg 210); bezogen auf die Größe der Bevölkerung schneiden Europa-weit nur Belgien (878) und Spanien (704) schlechter ab.

Starker Anstieg in Nordengland

Hinter diesen ohnehin schon besorgniserregenden Zahlen verbergen sich erhebliche regionale Unterschiede. In der ersten Oktoberwoche verzeichnete Nottingham 829 Neuinfektionen. Das nordirische Derry meldete 820, Liverpool 598 neue Fälle. In einer Anzahl von Regionen Nordenglands gibt es binnen einer Woche mehr als doppelt so viele Coronapatienten, wohingegen beispielsweise im walisischen Newport die Zahl um 30 Prozent zurückging. Aufs ganze Land bezogen registrierten die Behörden laut Johnson "in den vergangenen drei Wochen eine Vervierfachung" der Infiziertenzahl.

Schon ziehen die Verantwortlichen Parallelen zur ersten Welle der Pandemie. In den Spitälern würden derzeit bereits mehr Covid-Patienten betreut als am 23. März, dem Tag des nationalen Lockdown, teilte Professor Stephen Powis, Gesundheitsamtsleiter für England, am Montag mit. Das Land müsse neue Maßnahmen ergreifen, "sonst erleben wir im Winter eine viel zu hohe Sterberate".

Notfallspitäler sperren wieder auf

Powis hat deshalb die Mobilisierung von drei Notfallspitälern in Manchester, Sunderland und Harrogate angeordnet. Diese sogenannten Nightingale-Häuser waren im Frühjahr landesweit hastig installiert worden, wurden dann aber kaum benutzt und den Sommer über eingemottet.

Dass innerhalb des Landes der Norden England besonders stark betroffen ist, führen Fachleute auf den unterschiedlichen Verlauf der Pandemie zurück: Im Großraum Manchester und Liverpool sei die Infektionsrate nie so tief gesunken wie beispielsweise in der Hauptstadt London. Zudem leben in Nordengland statistisch gesehen mehr Menschen in armseligen und beengten Verhältnissen sowie in Mehr-Generationen-Haushalten, nicht zuletzt bei ethnischen Minderheiten. Der Anteil von Jobs, die vom Homeoffice aus erledigt werden können, liegt deutlich niedriger als im prosperierenden Süden. (Sebastian Borger aus London, 12.10.2020)