Die medizinische Versorgung ist im Frühling in vielen Staaten an ihre Grenzen oder sogar darüber hinaus geraten. Gleichzeitig scheinen aber auch zahlreiche Todesfälle, die in einem "normalen" Jahr zu erwarten gewesen wären, ausgeblieben zu sein.
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Wie stark ist die Sterberate im Vergleich zu früheren Jahren aufgrund der Covid-19-Pandemie gestiegen? Ein internationales Forscherteam hat dies für den Frühling 2020 anhand von 19 europäischen Staaten (darunter auch Österreich) sowie Australien und Neuseeland zu berechnen versucht. Dabei ist das Team um Majid Ezzati vom Imperial College London zu einem deutlich komplexeren Bild der sogenannten Übersterblichkeit gekommen, als man vielleicht erwarten würde.

Zahlreiche Menschen dürften im Verlauf der "ersten Welle" nicht dem Virus selbst, sondern den Folgeerscheinungen der Pandemie zum Opfer gefallen sein, heißt es in der Studie, die im Fachjournal "Nature Medicine" veröffentlicht wurde. In manchen Ländern lagen die Sterberaten hingegen sogar niedriger als erwartet – was an Corona-Maßnahmen liegen könnte, die auch herkömmliche Infektionskrankheiten wie etwa die Grippe in Schach hielten.

Das Sample

Die Forscher untersuchten Österreich, Australien, Belgien, Bulgarien, Tschechien, Dänemark, England und Wales, Finnland, Frankreich, Ungarn, Italien, die Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Polen, Portugal, Schottland, Slowakei, Spanien, Schweden und die Schweiz. Mit 16 mathematischen Modellen errechneten sie, wie viele Menschen in diesen 21 Staaten normalerweise gestorben wären, und zogen diese Zahlen von den im Frühling dokumentierten Todesfällen ab. Auf diese Art berechneten sie die Übersterblichkeit während der ersten Pandemiewelle.

Von Mitte Februar bis Ende Mai starben in diesen Ländern insgesamt 206.000 Menschen mehr, als ohne die Pandemie zu erwarten gewesen wäre, lautet das Ergebnis. Dies entspreche in etwa der Zahl der Lungenkrebs-Toten in all jenen Ländern während eines ganzen Jahres. Von den Opfern waren 106.000 Männer und 100.000 Frauen. 167.000 dieser Todesfälle schreiben die Forscher direkt dem Virus zu, die anderen seien Opfer der Begleitumstände geworden. Für Österreich lauten die Zahlen: 930 zusätzliche Todesfälle, 668 werden dem Virus zugeschrieben.

Indirekte Ursachen

Ursachen für indirekte Todesfälle wären zum Beispiel eine schlechtere medizinische Versorgung bei anderen Krankheiten und Unfällen, psychische Probleme durch den Verlust sozialer Netzwerke, von Jobs und Einkommen, Kriminalität wie häusliche Gewalt, Tabak-, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie schlechtere Essgewohnheiten, so die Forscher. Ein Teil davon können aber auch nicht erkannte SARS-CoV-2-Infektionen gewesen sein, räumen sie ein.

Nimmt man alle Länder zusammen, lag die Zahl der zusätzlichen Toten im Untersuchungsraum um 23 Prozent höher als die Zahl der Toten, die man direkt dem Coronavirus zurechnet. In Spanien (69 Prozent) und Italien (46 Prozent) waren die Unterschiede laut der Studie besonders frappant.

Vermiedene Todesfälle

Auf den ersten Blick paradox wirken die Zahlen aus Ländern, in denen die Übersterblichkeit geringer sein dürfte als die Zahl der Menschen, die dem Virus zum Opfer fielen – etwa in Frankreich, Belgien oder der Schweiz. In Frankreich wurden 28.771 Todesfälle Covid-19 zugerechnet, bei wahrscheinlich 23.700 Todesfällen mehr als ohne Pandemie. In Belgien gab es 9.487 Coronatote bei 8.600 zusätzlichen Todesfällen und in der Schweiz 1.656 Coronatote bei 1.400 zusätzlichen Todesfällen.

In Australien, Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Neuseeland und der Slowakei gab es entweder gar keine Übersterblichkeit, oder sie betrug maximal fünf Prozent. In diesen Ländern starben im Untersuchungszeitraum trotz aller Corona-Todesfälle wahrscheinlich sogar weniger Leute als in einem normalen Jahr.

Auch für dieses Phänomen haben die Forscher aber mögliche Erklärungen parat: So könnte es zu einer geringeren Zahl an Influenza und anderen Atemwegserkrankungen gekommen sein, weil Maßnahmen wie Social Distancing und Maskentragen die übliche Ausbreitung solcher Infektionskrankeiten bremsten. Lockdowns können überdies die Zahl der Verkehrs- und Freizeitunfälle sowie der Gewalttaten gesenkt haben.

Statistische Unsicherheiten

Die Berechnungen sind freilich mit statistischen Unsicherheiten behaftet. Vor allem bei Ländern, die wie Österreich nicht ganz so schlimm vom Virus heimgesucht wurden und wo die Zahlen der direkten und indirekten Pandemie-Opfer vergleichsweise niedrig sind, lassen die Schwankungsbreiten keine sicheren Schlüsse zu, ob es tatsächlich eine Übersterblichkeit gab und ob die Sterblichkeit durch die Pandemie signifikant gestiegen ist.

Warum es so eklatante Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt, sei schwer zu sagen, so die Forscher. Wahrscheinlich würden hier viele verschiedene Dinge zusammenspielen, – angefangen beim allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung, über die sozialen Bedingungen bis hin zu den Reaktionen der Entscheidungsträger und dem Zustand des Gesundheitssystems. (red, APA, 14.10.2020)