304 Plätze hat Lauryn Hill seit 2003 wettgemacht – auf der Liste jener Alben, die der "Rolling Stone" zu den "500 besten aller Zeiten" zählt.

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Lauryn Hill ist in den Top Ten. Zumindest im Rolling Stone. Das 1967 in den USA gegründete Magazin listete 2003 erstmals die "500 besten Alben aller Zeiten" auf. Damals rangierte die frühere Sängerin der New Yorker Hip-Hop-Formation The Fugees mit ihrem Debütalbum auf Platz 314.

In der jetzt erschienenen Version der "500 besten Alben aller Zeiten" liegt The Miseducation of Lauryn Hill auf Platz zehn: 304 Plätze weiter vorne. Man kann sich über so einen Bedeutungszuwachs ruhig wundern und ihn zugleich als Zeichen sehen. Einmal dafür, dass Journalismus keine Superlative oder gar die Ewigkeit strapazieren sollte, wenn diese gerade ein paar Jahre überdauert.

Marvin Gaye statt Beatles

Bemerkenswerter aber ist, dass das vornehmlich für die Reflexion weißer Rockmusik aus Männerhosen berühmt gewordene Heft mit seiner neuen Liste versucht, die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre widerzuspiegeln. Vor allem die Bedeutung des Hip-Hop wurde erkannt. Und der Afroamerikaner Marvin Gaye (1939–1984) verdrängte mit seinem sozialkritischen Opus magnum What's Going On aus dem Jahr 1971 das Beatles-Album Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band vom ersten Platz – Sgt. Pepper rangiert nun an der 24. Stelle. Auf den Plätzen zwei und drei kamen Pet Sounds von den Beach Boys und Joni Mitchells Blue zu liegen.

"What's Going On" von Marvin Gaye: Das laut "Rolling Stone" "beste Album aller Zeiten" – solange die sich nicht ändern.
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Und die Liste anerkennt erstmals in größerem Umfang jenen Beitrag, den Frauen, vornehmlich Schwarze, zum Kanon der Popmusik leisten. Wobei dieser Kanon naturgemäß umstritten ist, schließlich ist die Liste das Ergebnis von Geschmacksurteilen.

300 Experten

Sie resultiert aus den Einschätzungen von 300 Experten, Chronisten und Künstlern, die die ihrer Meinung nach 50 bedeutendsten Popalben eingereicht haben. In der Jury befanden sich Namen wie Beyoncé, Billie Eilish, der Hip-Hopper Raekwon oder The Edge von U2 – alle sind selbst in der Liste vertreten.

Diese ist so berühmt wie berüchtigt. Sie ist der online am öftesten aufgerufene Artikel des Magazins, über 60 Millionen Zugriffe soll er seit 2003 verzeichnen. Kein darauf erwähnter Act verschweigt diesen Umstand in seinem Wikipedia-Artikel. Egal wie wurscht solche Listen sind, den Erwähnten sind sie es meist doch nicht.

Fundamentale Behauptung

Listen gelten als attraktiv, manche gar als sexy, jene mit so fundamentalen Behauptungen wie die des Rolling Stone sind gleichermaßen populär wie angefeindet. Zumal das Wesen eines Kanons ist, dass er Werke von zeitüberdauernder Bedeutung erfasst. Da scheiden sich die Geister: Heuer etwa deshalb, da die Liste das erst im Vorjahr erschienene Debüt der Billie Eilish schon erfasst. Die schreibt den Zeitgeist aktuell sehr wohl mit, doch niemand weiß, ob das im kurzatmigen Pop so bleiben wird. Kritik zieht sich die Liste auch zu, weil ein revolutionärer Künstler wie Elvis Presley sich nicht einmal mehr unter den ersten 50 Plätzen befindet, eine Amy Winehouse hingegen schon.

Darüber wird gestritten, und das ist wohl das, was derartige Listen am besten können: die Grundlage für Diskussionen bilden.

... es bringt nur nix

Denn natürlich kann man über Geschmack streiten, das passiert ständig, es bringt nur nichts. Doch Menschen lieben Listen. Sie sind notwendig wie die Einkaufsliste, abstrahierte Trophäensammlungen oder schlicht Leitfäden in einer unübersichtlichen Welt. Es gibt Longlists und Shortlists, Playlists und Shitlists.

Eine Onlineplattform wie Pitchfork Media bespricht im Schnitt jeden Tag vier musikalische Neuerscheinungen – das ergibt fast 1.500 Alben jährlich. Diese Menge ist selbst für Menschen, die sich außerordentlich für Musik interessieren und über viel Tagesfreizeit verfügen, ein üppiges Menü.

Ein Verkaufsargument

Doch zwischen Pop und Listen besteht seit jeher eine Verwandtschaft: 1936 veröffentlichte das Magazin Billboard seine erste "Hit Parade"; seit damals sind diese Listen der jeweils populärsten Künstlerinnen und Künstler eng mit der Verwertungsindustrie verbunden – und nicht selten versuchte die Industrie diese zu beeinflussen. Charts sind ein Verkaufsinstrument, Orientierungshilfe und können rückblickend eine Chronik ergeben, anhand derer sich ablesen lässt, wie lange der Mainstream gebraucht hat, um meist im Underground entstehende Trends zu absorbieren. Das freut die Nerds.

Sie wurde von Nick Hornby mit dem später verfilmten Buch High Fidelity launig gewürdigt. Als sozial minderbegabte Special-Interest-Wesen, die ihr Wissen in Charts gießen, die für den Normalverbraucher unter unnützes Wissen laufen. Doch selbst dieses wird in Listenform irgendwie verständlicher.

Die Zehn Gebote

Selbst eine Shitlist ist noch eine Form der Anerkennung, darum gelten Listen sogar dann als attraktiv, wenn sie das Gegenteil abbilden. Und was wäre die Welt ohne archaische Listen wie die Zehn Gebote, die sieben Todsünden oder ähnlich wertvolle Hilfen des Alltags?

Mehr kann und will die Rolling Stone-Liste wohl gar nicht. Zwar hat sich über die Jahrzehnte so etwas wie ein Kanon gebildet, gibt es Alben, die für Epochen stehen und enormen Einfluss haben. An ihnen kommt ohnehin niemand vorbei. Dafür sorgen schon die Verwerter, die jeden Anlass nutzen, diese Werke zu jedem sich bietenden Jubiläum erneut aufzulegen – mit oder ohne Segen des Rolling Stone. (Karl Fluch, 15.10.2020)