Wien – Zahlreichen Konsumenten gefällt der Gedanke nicht, dass künstliche Intelligenz (KI) ihr Verhalten beeinflussen könnte. Anderen ist das egal. Und wieder andere wissen gar nicht, was sie macht. Fest steht, die KI zieht sich quer durch praktisch alle Branchen und wird uns nicht mehr verlassen. Im Gegenteil.

Die vor längerem entbrannte Diskussion rund um das Thema verläuft sehr kontrovers. Von technologischem Segen geht es dabei bis hin zur Gefahr für die Menschheit. Das Grazer Start-up Leftshift One entwickelte daher ein ethisches KI-Betriebssystem. Künstliche Intelligenz mit Gewissen nennen sie es. "Unsere KI respektiert Datenschutz, Privatsphäre und Ethik", sagt Leftshift-One-Geschäftsführer Patrick Ratheiser im Gespräch mit dem STANDARD.

McDonald's-Bewerbungen

Wo kommt diese "ethische KI" zum Einsatz? Das prominenteste Beispiel ist McDonald's. Leftshift One analysiert in Österreich rund 60.000 Bewerbungen in 196 Filialen der Fastfoodkette. "Hat der Bewerber Erfahrung in der Gastro, wo liegen seine Stärken, wann und wo könnte er arbeiten? Nach diesem Schlüssel bereiten wir die Daten auf", erklärt der technische Leiter Christian Weber. Alter, Herkunft und Geschlecht lasse man weg, und die Letztverantwortung bleibe immer beim Menschen.

Leftshift One will sich mit ethischen Grundsätzen in der KI-Welt durchsetzen.
Foto: AP/Martin Meissner

Europa hat in Sachen künstliche Intelligenz gegenüber den USA und China schon viel an Boden verloren. "Natürlich gibt es starken Aufholbedarf in Europa, aber sollen wir zuschauen und nichts machen? Dann sind wir dem gleichen ethisch inkorrekten System ausgesetzt wie bei Social Media. Dominiert von den USA und China", meint Weber. Mit KI-Systemen lasse sich stereotypes Denken verstärken und Minderheiten würden ausgegrenzt, deshalb entferne man die Vorurteile aus den Daten.

Laura Crompton ist KI-Forscherin und Philosophin an der Universität Wien. Sie begrüßt den Schritt, wenn Unternehmen ihre Systeme in diese Richtung treiben: "Ethik fiel in den vergangenen Jahren oft unter den Tisch, die Richtung stimmt auf jeden Fall." Vorbehalte hat sie bei der Terminologie. "Mit Begriffen wie Gewissen kann es passieren, dass zu großes Vertrauen in Technologie erzeugt wird, das kann im schlimmsten Fall zu Manipulationen führen", meint die Forscherin.

40 Mitarbeiter und Sprung nach München

Gegründet wurde Leftshift One im Jahr 2017 in Graz und beschäftigt aktuell 40 Mitarbeiter. Kürzlich wurde ein weiterer Standort in München eröffnet. In der Investorenliste tauchen die Namen von den üblichen Verdächtigen auf. Im Dezember vergangenen Jahres investierten Hermann Hauser, eQventure rund um Herbert Gartner, die österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und die Austria Wirtschaftsservice-Gesellschaft (Aws) insgesamt zwei Millionen Euro in das Unternehmen.

Patrick Ratheiser und Christian Weber (von links nach rechts) expandieren von Graz nach München.
Foto: Luef

Das Betriebssystem von Leftshift One lässt sich mit einem App-Store von Smartphones vergleichen. Darauf laufen nicht nur inhouse entwickelte Anwendungen, es lassen sich auch KI-Funktionen von zertifizierten Drittanbietern abrufen. Dabei geht es um Services wie Textverständnis, Datenanalyse, Umwandlung von Sprache in Text und Lösung von Optimierungsproblemen. Im Unterschied zu einem Smartphone heißen die "Apps" allerdings Skills. "Die Skills lassen sich branchenunabhängig einsetzen. Wir arbeiten mit Pharmafirmen zusammen, aber auch aus den Bereichen Automotive, Halbleiterindustrie, Banken und Versicherungen", sagt Geschäftsführer Ratheiser. Auch der steirische Zulieferbetrieb AVL List zählt zum Kundenstamm. (Andreas Danzer, 17.10.2020)