Schnelltests am Flughafen, in Italien längst Normalität.
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Noch am vergangenen Wochenende hatte Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte einen neuen nationalen Lockdown ausgeschlossen: Eine solche drastische Maßnahme sei nicht nötig, die mit dem letzten Regierungsdekret verschärften Vorsichtsmaßnahmen genügten, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Am Mittwochabend ruderte der Premier zurück: "Ich mache keine Prognosen", erklärte Conte auf die Frage, ob zu Weihnachten ein neuer Lockdown verfügt werde. Welche Maßnahmen ergriffen würden, hänge nun sehr stark vom Verhalten und der Disziplin der Bürgerinnen und Bürger ab. Die Situation sei jedenfalls "beunruhigend", betonte der Premier.

Tatsächlich wurden in Italien am Mittwoch 7.332 Neuinfektionen registriert – so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Der bisherige Rekordwert stammt vom 21. März: Damals hatten sich 6.557 Menschen infiziert.

Die Zahlen lassen sich freilich nicht direkt vergleichen: Im Frühling wurden sechsmal weniger Personen täglich auf das Virus getestet. Und: Am 21. März starben in Italien 793 Menschen, 2.857 Covid-Patienten lagen auf den Intensivstationen. Am Mittwoch zählte Italien dagegen 43 Tote und 539 Patienten in Intensivpflege – bei einer inzwischen auf über 6.000 Einheiten erhöhten Bettenkapazität. Von einem Notstand wie im vergangenen April, als die Spitäler Patienten wegen Überfüllung abweisen mussten, ist Italien derzeit noch weit entfernt.

Giuseppe Conte: "Ich gebe keine Prognosen ab."
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Es sind denn auch nicht die aktuellen Zahlen, die den Behörden Sorgen bereiten, sondern der Trend: Die Kurve der Fallzahlen zeigt, wie in den meisten europäischen Ländern, steil nach oben. "Seit einigen Tagen erleben wir eine exponentielle Zunahme der Patienten", betont Emanuele Catena, Chefarzt auf der Intensivstation des großen Mailänder Sacco-Krankenhauses.

Vor drei Tagen seien vier Patienten eingeliefert worden, vor zwei Tagen acht und gestern elf, betont der Arzt: "Wenn das so weitergeht, werden wir in wenigen Tagen wieder hunderte Patienten in Intensivpflege haben – und dann wird die Situation erneut explosiv und allarmierend", sagt Catena. Ähnlich tönt es aus anderen Kliniken der Lombardei, die wie schon im Frühling das Epizentrum der Epidemie ist.

Alarmstimmung in der Wirtschaft

Italiens Wirtschaft würde einem neuen, mehrmonatigen Lockdown kaum standhalten. Die Regierung rechnet schon jetzt mit einem Rückgang von neun Prozent des Bruttosozialprodukts – die italienische Wirtschaftsleistung fällt damit auf das Niveau der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts zurück. Tausende Betriebe haben bereits geschlossen, bei unzähligen anderen ist die Liquidität derart knapp, dass sie einen neuen Produktionsausfall wegen der Covid-19-Krise nicht verkraften würden.

Auch die – ohnehin schon viel zu hohen – Staatsschulden explodieren: Bis Ende 2020 wird der Schuldenstand Italiens auf 158 Prozent des Bruttosozialprodukts steigen – der höchste Wert seit dem Zweiten Weltkrieg.

Widersprüche

Die Regierung versucht deshalb alles, um die Wirtschaft nicht weiter zu belasten. Die vor einigen Tagen neu verfügten Maßnahmen belegen dies: Bars, Restaurants und Trattorie bleiben auf, sie müssen lediglich um Mitternacht schließen. Die meisten Maßnahmen zielen auf das Verhalten der Individuen ab: So ist es zum Beispiel verboten, mehr als sechs Gäste zu einem privaten Essen einzuladen; Bankette nach kirchlichen Anlässen wie Hochzeiten oder Beerdigungen werden auf 30 Personen beschränkt.

Und selbstverständlich gilt weiterhin allgemeine Maskenpflicht, auch im Freien. Die Maßnahmen sind nicht frei von Widersprüchen: Während man nur zu sechst privat tafeln darf, kann man aber danach für die Rückkehr nach Hause ohne weiteres eine U-Bahn benützen, in der sich Hunderte von Menschen aufhalten. (Dominik Straub, 15.10.2020)