Viele europäische Länder verzeichnen wieder sehr hohe Infektionsraten. In Frankreich wurden zuletzt besonders drastische Maßnahmen gesetzt und in mehreren Städten nächtliche Ausgangssperren verhängt.

Foto: REUTERS/Charles Platiau

Der Anstieg der Infektionszahlen in vielen europäischen Ländern ist dramatisch: Europaweit gab es täglich bereits mehr als 120.000 Neuansteckungen pro Tag und damit weitaus höhere Werte als noch im Frühjahr. Wie kam es zu dieser zweiten Welle? Warum sterben trotz der vielen Neuinfektionen aktuell weniger Menschen als im Frühjahr? Und wie wird es mit der Pandemie in Europa weitergehen? DER STANDARD hat die wichtigsten Antworten zur aktuellen Lage zusammengetragen.

Die aktuelle Situation der Neuinfektionen in Europa je nach Land.

Frage: Woran liegt es, dass die Zahl der Neuinfektionen in Europa zuletzt so stark nach oben geschnellt ist?

Antwort: Zum einen nehmen Verkühlungen oder grippale Infekte, die mit den Atemwegen zu tun haben, im Herbst und Winter ganz allgemein zu. Das dürfte vor allem daran liegen, dass die kühleren Bedingungen für diese Viren – und auch für Sars-CoV-2 und dessen Übertragung – günstiger sind. Laut einer neuen Studie im Fachblatt "PNAS" spielt auch die UV-Strahlung eine Rolle: Je weniger und schwächer die Sonneneinstrahlung ist, desto besser für das Coronavirus. Zum anderen trägt natürlich unser verändertes Sozialverhalten dazu bei. Wir halten uns jetzt wieder mehr in Innenräumen auf, haben dort mehr soziale Kontakte. Und das erhöht das Ansteckungsrisiko.

Frage: Könnte es auch daran liegen, dass Sars-CoV-2 infektiöser geworden ist?

Antwort: Diese Frage wird in der Wissenschaft noch diskutiert. Faktum ist, dass ein Virenstamm namens G614, der ein leicht verändertes Spikeprotein aufweist, im Laufe des Frühjahrs und Sommers weltweit dominant geworden ist und die ursprüngliche Variante namens D614 verdrängt hat. Manche Forscher erklären das mit der höheren Infektiosität dieses Virenstamms. Die gute Nachricht ist, dass die entwickelten Impfungen auch gegen G614 wirken dürften.

Frage: Wo stehen wir aktuell im Vergleich zur ersten Welle im Frühjahr?

Antwort: Die aktuellen Zahlen scheinen darauf hinzudeuten, dass es schon viel schlimmer ist als im Frühjahr. Doch das liegt in erster Linie daran, dass heute mehr getestet wird, in Österreich etwa fünfmal mehr als zum Höhepunkt im März und April. Vermutlich haben sich damals auch schon entsprechend mehr Menschen angesteckt. Das gilt auch für Europa und global. Die WHO schätzt, dass bereits bis zu zehn Prozent aller Menschen weltweit infiziert waren, also bis zu rund 700 Millionen. Offiziell nachgewiesen sind nur knapp 40 Millionen Fälle.

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Frage: Warum sterben jetzt viel weniger infizierte Menschen an Covid-19 als bei der ersten Welle?

Antwort: Das hat mehrere Ursachen: Erstens werden aufgrund der höheren Zahl an Tests auch immer mehr Infektionen bei jungen Menschen registriert, die nur selten schwer an Covid-19 erkranken. Zweitens haben sich etwa durch das Medikament Dexamethason, das überschießende Immunantworten reduziert, die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten verbessert – auch wenn es immer noch kein Medikament gibt, das Covid-19 zuverlässig heilt oder vor schweren Erkrankungen schützt. Drittens darf man aber auch nicht vergessen, dass es meist einige Tage oder Wochen dauert, bis ein schwerer erkrankter Patient stirbt. Das heißt, auch die Zahl der Toten wird in den nächsten Wochen mit einer gewissen Verzögerung wieder stark steigen. In Ländern wie Tschechien ist das bereits zu beobachten.

Frage: Von welchen Sterblichkeitsraten geht man heute bei Covid-19 aus?

Antwort: Auch darüber sind sich die Wissenschafter uneins. Faktum ist, dass die sogenannte IFR (Infection Fatality Rate) stark vom Alter abhängt. Laut einer Überblicksstudie von Ende September liegt die Rate bei 0,68 bzw. zwischen 0,53 und 0,82. Für Kindern und junge Erwachsenen beträgt der Wert knapp über null, er erreicht rund 0,4 Prozent bei den 55-Jährigen und 1,3 Prozent bei den 65-Jährigen. Wer mit 75 an Covid-19 erkrankt, dessen Risiko liegt hingegen bereits bei 4,2 Prozent, und mit 85 beträgt es 14 Prozent. Bessere Behandlungsmöglichkeiten drücken diese Werte bei der zweiten Welle weiter. Dazu kommt, dass etliche gefährdete Personen womöglich schon im Frühjahr gestorben sind.

Frage: Könnten sich eigentlich auch die Vorsichtsmaßnahmen wie das Tragen der Maske auf die Schwere der Erkrankung auswirken?

Antwort: Dazu liegen zwar noch keine eindeutigen Beweise vor, aber Mediziner gehen mittlerweile davon aus, dass es für den weiteren Verlauf der Infektion einen großen Unterschied macht, ob man nur wenige Viren auf einmal abbekommt (etwa 500 dürften für eine Ansteckung genügen) oder ganz viele. Das Tragen von Masken oder das Einhalten eines Abstands von mehr als einem Meter sorgte und sorgt vermutlich dafür, die Anzahl der aufgenommenen Viren zu reduzieren – und das wiederum bedingt, so die Vermutung, weniger schlimme Krankheitsverläufe.

Frage: Wie kann man die weitere Ausbreitung der Pandemie in Europa noch in den Griff bekommen?

Antwort: Das wird sich in den nächsten Tagen und Wochen weisen. "Die Pandemie wird nicht von allein stoppen, aber wir können es tun", meinte dazu Hans Kluge, der Europa-Direktor der WHO, am Donnerstag in Kopenhagen. Kluge rief dazu auf, zielgerichtete sowie regional und zeitlich begrenze Maßnahmen zu setzen, aber keinen kompletten Shutdown wie im März zu verhängen. Man sollte also alles tun, um gesundheitliche und soziale Kollateralschäden möglichst zu minimieren, was etwa bedeute, die Schulen dringend offen zu halten.

Frage: Was wird uns in Europa in den nächsten Wochen und Monaten erwarten?

Antwort: Die nächste Zeit wird sicher nicht leicht. Wir sind mitten in der zweiten Welle angelangt, die aber vermutlich anders verlaufen wird als die erste. Kluge und die WHO vermuten, dass sie weniger steil, aber dafür länger andauern wird und hoffentlich weniger Opfer fordern wird. Auch das haben wir selbst in der Hand: Durch Maßnahmen wie das konsequente Tragen von Masken oder das Untersagen bzw. Vermeiden von größeren Menschenansammlungen könnten laut Schätzungen bis Februar 2021 281.000 Leben in Europa gerettet werden. (Klaus Taschwer, 15. 10. 2020)


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