Einmal schon wurde ihr Haus angezündet, zweimal musste Brenda Segovia ihr Wahlkampfbüro verlegen, einmal wurde sie festgenommen. Die Kampagne in Bolivien, die am Sonntag in der Wahl eines neuen Staatsoberhauptes und Kongresses gipfelt, wird auch mit Baseballschlägern und Steinen ausgefochten. Die bürgerliche Opposition auf der einen gegen die linke Bewegung zum Sozialismus (MAS), für die Segovia kandidiert, auf der anderen Seite.

"Sie wollen uns fertigmachen, aber so leicht geben wir nicht auf", sagt die 29-jährige Segovia, bevor sie einem argentinischen Sender via Zoom ein Interview gibt. "Die Pandemie hat uns zur Digitalisierung gezwungen" – ein Feld, das bisher die Stärke der Opposition war.

Ihr Büro ist ein enger Verschlag, in dem sich die Hitze staut, eingeklemmt zwischen einem Warenlager und einem Baustoffhandel im Arbeiterviertel Plan 3.000 an der Peripherie von Santa Cruz. Das Viertel ist so etwas wie das Gallierdorf bei Asterix: eine Hochburg der MAS inmitten der oppositionellen Wirtschaftsmetropole Boliviens. Hier werden 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Boliviens erwirtschaftet, vor allem mit Gas und Agrarexporten.

Kampf um die Mehrheit

Doch die abgesteckten Claims kommen jetzt ins Rutschen: Segovias Herausforderer ist der Busfahrer Erwin Villalba von der Bürgergemeinschaft. "Die MAS stand einmal auf der Seite des Volkes, aber das ist lange her", erzählt Villalba. "Sie wurde von mafiösen Opportunisten unterwandert, die sich bereichern, während wir hier noch immer kein Spital, keine Universität und nur wenige asphaltierte Straßen haben. Sie haben immer nur ihren eigenen Leuten Posten und Hilfsgelder zugeschanzt, das haben die Menschen satt." Deshalb werde die Bürgergemeinschaft der MAS ihre Bastion entreißen. "Das macht sie nervös."

Die MAS will zurück an die Macht, die sie vor einem Jahr verloren hat. Vorausgegangen war die umstrittene Wiederwahl von Evo Morales – allein schon die Kandidatur verstieß gegen die Verfassung. Es folgte eine von Unregelmäßigkeiten überschattete Auszählung, bürgerkriegsähnliche Unruhen und eine Rücktrittsaufforderung des Militärs, der Morales Folge leistete; er flüchtete ins Ausland.

Ex-Präsident Evo Morales verfolgt die Wahlen in Bolivien vom Ausland aus.
Foto: Imago / Zuma Press

Die Lage beruhigte sich kaum: Die Rechte zog mit der Bibel in der Hand in den Präsidentenpalast ein. Sozialprogramme wurden gekappt, Korruptionsskandale aufgedeckt, in der Corona-Pandemie gab die Regierung ein schlechtes Bild ab. Statt sich auf Übergangsmanagement zu konzentrieren, fand Interimspräsidentin Jeanine Anez Gefallen an der Macht – alles Fehler, die die Opposition immer Morales angekreidet hatte.

Diversifizierung der Wirtschaft

Die MAS schickt auf Betreiben Morales’ nun Luis Arce ins Rennen, seinen langjährigen Wirtschaftsminister, den Vater des erfolgreichen, staatskapitalistischen Wirtschaftsmodells, das dem Land in den vergangenen 14 Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 4,5 Prozent pro Jahr bescherte. Die indigene Unterschicht erlebte einen Aufstieg, die Armut halbierte sich fast.

Luis Acre tritt für die Bürgergemeinschaft der MAS an.
Foto: AP Photo/Juan Karita

An diese Erfolgsgeschichte will die MAS anknüpfen. "Die Diversifizierung der Wirtschaft und die Industrialisierung unserer Bodenschätze müssen noch weiter vorangetrieben werden", sagt Arce im Gespräch mit dem STANDARD.

Ob er schon im ersten Wahlgang gewinnen kann (mit absoluter Mehrheit oder mit über 40 Prozent bei mehr als zehn Punkten Vorsprung), ist unklar: Gefährlich ist Carlos Mesa von der Bürgergemeinschaft. Er vertritt das Bildungsbürgertum und gilt als gemäßigt – aber auch als Zauderer. Der Dritte im Bunde ist der Rechtspopulist Fernando Camacho. Er ist chancenlos, hofft aber darauf, im Parlament das Zünglein an der Waage zu spielen.

In einer Stichwahl würde wohl Mesa gewinnen. Es steht also viel auf dem Spiel, eine geringe Differenz könnte den Ausschlag geben. Nach 14 Jahren droht Bolivien wieder die Instabilität der 1990er-Jahre, fürchtet die Soziologin Maria Teresa Zegada. (Sandra Weiss aus Santa Cruz, 18.10.2020)