Schon in der Vergangenheit war die Beziehung der "New York Post" zum Weißen Haus eng. Im Bild Sprecherin Kayleigh McEnany mit einem Exemplar der Zeitung vom Juli.

Foto: Reuters / Tom Brenner

Das Skript ist bekannt: Zwei Wochen vor der Wahl führt der Kandidat der Demokraten deutlich in allen Umfragen, Donald Trump muss vor einer schweren Niederlage zittern. Doch dann kommt es zum Paukenschlag. Bisher geheime E-Mails dringen an die Öffentlichkeit und lösen Untersuchungen aus. Dass sie aus äußerst dubiosen Quellen stammen, kümmert die Medien nicht. Am Ende siegt der Kandidat der Republikaner.

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So hat es 2016 beim Duell Trumps gegen Hillary Clinton schon einmal funktioniert. Und so sollte es nach dem Plan des Trump-Vertrauten und New Yorker Ex-Bürgermeisters Rudy Giuliani nun heuer erneut funktionieren. Allein: Bisher beißen die Medien nicht an, und auch die Wählerinnen und Wähler sind am neuen Aufguss von E-Mail-Gate zumindest vorerst deutlich weniger interessiert als vor vier Jahren.

Vielleicht liegt es daran, dass die neue Geschichte, die Trumps Gegner Joe Biden mit ukrainischen Oligarchen in Verbindung zu bringen scheint, noch deutlich dubioser ist als die Gerüchte um Hillary Clintons E-Mails 2016. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Medien in den USA mittlerweile dazugelernt haben.

Burisma im Fokus

Schon knapp eine Woche ist es immerhin her, dass die schwer konservative Boulevardzeitung New York Post mit einer explosiven Geschichte auf dem Cover erschien. Ihr Vorwurf: Joe Biden habe im Amt als Vizepräsident auf Wunsch seines Sohnes Hunter einen hohen Mitarbeiter des ukrainischen Gasunternehmens Burisma getroffen, in dessen Vorstand Hunter damals saß. Wenig später habe Biden dann zur Entlassung des damaligen Generalstaatsanwalts der Ukraine, Viktor Schokin, beigetragen. Behauptet wird von Trump und Co: weil dieser gegen Burisma ermittelt habe. Biden stellt das in Abrede, tatsächlich hatten damals neben den USA auch die EU und der Internationale Währungsfonds auf Schokins Ablöse gedrängt, weil dieser selbst als massiv korrupt galt.

Die Post will die Geschichte über das Treffen Bidens mit dem Burisma-Mann mit einer E-Mail belegen, die angeblich auf einem Laptop gefunden worden sei. Und spätestens da wird die Geschichte fragwürdig. Glaubt man den Angaben der Zeitung, habe sie die Mails von Giuliani erhalten, der sie wiederum von einem Laptop-Reparaturgeschäft habe. Dort habe Biden, der am anderen Ende des Landes wohnt, einen Computer zur Reparatur abgegeben, aber nie wieder abgeholt. Dem Besitzer, der wegen eines Augenleidens leider nicht bestätigen könne, dass tatsächlich Biden im Laden gewesen sei, sei das so komisch erschienen, dass er nach einigen Monaten das FBI alarmiert habe. Dieses habe den Computer mitgenommen, sich aber nie wieder gemeldet. Die Mails habe der Mann trotzdem weiterhin: Er hatte sie nämlich – illegalerweise – kopiert. Später will sich der Mann mit Giuliani kurzgeschlossen haben. Dieser wartete dann Monate, bis er die Post über den Fund in Kenntnis setzte.

Zweifel an der Geschichte hatte es bald gegeben. Die großen Leitmedien des Landes ließen sie zunächst links liegen, auch weil Giuliani ihnen die Mails nur als Screenshots, nicht aber mit Metadaten zugänglich machen wollte. Twitter und Facebook blockierten vorübergehende Links zu der Geschichte. Die den Demokaten nahestehende Medienplattform Media-ite meldete Montagabend gar, auch Fox News habe die Geschichte abgelehnt, weil Zweifel an der Glaubhaftigkeit bestanden hätten.

Nur zu 50 Prozent ein Agent

Die Zweifel nährte auch, dass schon seit Wochen unter anderem in Russland darüber spekuliert wird, dass genau solche Daten auftauchen könnten. Kurz: Die Geschichte trägt alle Merkmale, die man sonst bei einer Einflussoperation der russischen Geheimdienste erwarten würde. Giuliani selbst kann dies nur halbherzig entkräften. Er hatte auf der Suche nach Material gegen die Bidens nachweislich mit dem ukrainischen Parlamentarier Andrii Derkach zusammengearbeitet, der vom US-Außenministerium als russischer Agent eingestuft wird. "Die Chancen, dass Derkach ein russischer Agent ist, sind nicht höher als 50/50", sagte Giuliani dazu der Plattform The Daily Beast.

Und auch bei der Post glaubte man offenbar nicht so recht an die eigene Veröffentlichung. Wie die New York Times am Sonntag berichtete, haben sich mehrere Redakteurinnen und Redakteure der Zeitung geweigert, ihren Namen unter den fertigen Text zu setzen.

Die Zeitung und andere Trump-nahe Medien wie Fox News und Breitbart hindert das freilich nicht, die Geschichte weiterzuverbreiten. Und Trump selbst wettert auf Twitter (siehe oben) wie auf Wahlveranstaltungen seit den Veröffentlichungen gegen den angeblich korrupten Biden. Verfangen hat die Kampagne noch nicht. Biden führt in Umfragen sowohl landesweit als auch in Swing-States deutlich. Das hat man auch unter Trumps Parteifreunden registriert. Auffällig viele republikanische Senatoren haben sich in den vergangenen Tagen kritisch über den Präsidenten geäußert. (Manuel Escher, 19.10.2020)