In einer Bar in Seoul wird ein Eiswürfel-Roboter hinter dem Tresen eingesetzt, um Corona-bedingt den Kontakt zwischen den menschlichen Barkeepern zu reduzieren. Bereits 2025 soll die Arbeit zwischen Menschen und Maschinen zu gleichen Teilen aufgeteilt werden, legt eine aktuelle Studie des Weltwirtschaftsforums nahe.

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Die Corona-Pandemie beschleunigt die Veränderungen am Arbeitsmarkt mehr als erwartet, die Zukunft der Arbeit ist bereits in den Firmen angekommen: Zu diesem Schluss kommt der am Mittwoch veröffentlichte Bericht "Die Zukunft der Arbeitsplätze 2020" des Weltwirtschaftsforums. Befragt wurden Personalchefs und Strategiebeauftragte von 291 globalen Unternehmen, die insgesamt 7,7 Millionen Arbeitnehmer beschäftigen. Neben der quantitativen Befragung wurden auch Einschätzungen der Führungskräfte und Experten des Forums berücksichtigt.

Damit ist aber nicht nur die Telearbeit gemeint, die für viele Arbeitskräfte eine rasch spürbare Corona-bedingte Veränderung war. Wie bereits vielfach bestätigt, wird sie auch laut dieser Studie bleiben. Demnach seien 84 Prozent der Arbeitgeber bereit, Arbeitsprozesse zügig zu digitalisieren und "remote work" erheblich auszuweiten. Sie geben an, 44 Prozent der Belegschaft auf Homeoffice umstellen zu können, orten aber auch einen Haken. Mehr als drei Viertel der Befragten erwarten sich durch das verteilte Arbeiten eine "gewisse negative Auswirkung" auf die Produktivität.

Das deute laut den Studienautoren auch darauf hin, dass manche Branchen und Firmen Schwierigkeiten hätten, sich rasch an die Umstellung auf Homeoffice anzupassen. Immerhin ein Drittel möchte Maßnahmen ergreifen, um unter den Angestellten im Homeoffice ein Gefühl der Gemeinschaft, Verbundenheit und Zugehörigkeit zu schaffen – etwas, das viele Beschäftigte laut unterschiedlichen Erhebungen vermissen.

Fähigkeiten der Zukunft

Mehr als 80 Prozent der Führungskräfte beschleunigten laut der Studie ihre Pläne zur Digitalisierung von Arbeitsprozessen und der Einführung neuer Technologien. Die Hälfte geht davon aus, dass sich auch die Automatisierung bestimmter Aufgaben beschleunigen wird. Software und Roboter werden künftig vor allem in Bereichen der Informationsverarbeitung eingesetzt werden, etwa für die Dateneingabe, Buchhaltung, Verwaltungsaufgaben oder manuelle Routinearbeiten.

Während dort die Nachfrage nach Arbeitskräften sinkt, steige sie bei Aufgaben, für die spezifisch menschliche Fähigkeiten nötig sind, etwa Management, Beratung, Entscheidungsfindung, Argumentation, Kommunikation und Interaktion. Eine starke Steigerung der Nachfrage erwarten die Befragten auch bei Arbeitskräften, die sich mit Nachhaltigkeit, digitalen und intelligenten Technologien auskennen oder im Ingenieurswesen, Cloud-Computing oder in der Produktentwicklung tätig sind.

Immerhin 43 Prozent der Unternehmen planen, die Belegschaft aufgrund des Einsatzes von Technologie zu reduzieren. 34 Prozent wollen hingegen deswegen die Belegschaft erweitern und 41 Prozent verstärkt Auftragnehmer für spezifische Aufgaben einsetzen. In den nächsten fünf Jahren, so die Erwartung, werden Unternehmen die Arbeit zu gleichen Teilen zwischen Mensch und Maschine verteilen.

Verdrängte und neue Arbeitsplätze

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren erfolge die Schaffung neuer Arbeitsplätze langsamer, während sich ihre Vernichtung beschleunige. Konkret sollen laut dem Report bis 2025 durch die Automatisierung und Aufteilung zwischen Mensch und Maschine 85 Millionen Arbeitsplätze in mittleren und großen Unternehmen in 15 Branchen und 26 Volkswirtschaften verdrängt werden. Gleichzeitig entstünden 97 Millionen neue Arbeitsplätze in der gesamten Pflegewirtschaft, in den Technologiebranchen der Industrie 4.0, etwa der künstlichen Intelligenz, und in den Bereichen der Inhaltserstellung.

Medizinisches Personal in Israel trainiert mit einem neuen Roboter, wie Patienten auch virtuell behandelt werden können, um während der Corona-Pandemie zwischenmenschlichen Kontakt zu verringern. Künftig werden in der Pflege aber neue Jobs entstehen, wo vor allem menschliche Qualitäten im Vordergrund stehen.
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Dafür bedarf es vielerorts Umschulungen. Knapp die Hälfte der Arbeitenden, die in den nächsten fünf Jahren in ihrer aktuellen Funktion bleiben, benötigten eine Umqualifizierung ihrer Kernkompetenzen. Die Unternehmen hätten diesen Wert in der aktuellen Krise erkannt: So erwarten durchschnittlich 66 Prozent der befragten Arbeitgeber, dass sich Investitionen in die Weiterqualifizierung und Umschulung ihrer Mitarbeitenden innerhalb eines Jahres auszahlen werden. Sie gehen davon aus, dass sie 46 Prozent der Beschäftigten erfolgreich innerhalb der eigenen Organisation umpositionieren können. "In der Zukunft werden wir sehen, dass die wettbewerbsfähigsten Unternehmen diejenigen sind, die stark in ihr Humankapital, in die Fähigkeiten und Kompetenzen ihrer Mitarbeiter investiert haben", sagt Saadia Zahidi, Geschäftsführerin des Weltwirtschaftsforums in der Aussendung zur Studie.

Fünfmal so viele Arbeitgeber böten ihren Angestellten Online-Lernmöglichkeiten an, aber auch immer mehr Personen suchten aus eigener Initiative nach E-Learning. Die Zahl hat sich laut Studie vervierfacht. Erwerbstätige legten dabei größeren Wert auf Kurse mit persönlicher Entwicklung, während Arbeitslose sich mehr auf das Erlernen digitaler Skills wie Datenanalyse, Informatik und Informationstechnologie konzentrieren. Und neunmal mehr Menschen nähmen Regierungsprogramme zum Online-Lernen in Anspruch, allerdings nur ein Fünftel der Unternehmen nutzt öffentliche Mittel für Umschulungs- und Fortbildungsprogramme. Die Kernkompetenzen, die bei Umschulungen und Höherqualifizierung für die künftige Arbeitswelt ganz oben auf der Prioritätenliste stünden, seien kritisches Denken, Analyse, Kreativität und Problemlösung. Corona-bedingt seien auch Skills im Selbstmanagement, zum Beispiel Belastbarkeit, Stresstoleranz und Flexibilität, hinzugekommen.

Jobwechsel in neue Branchen

Immer mehr Arbeitnehmer werden künftig auch einen völlig neuen Berufsweg einschlagen: Laut Daten des Jobnetzwerks Linkedin – Partner bei der Studie – hatte etwa die Hälfte der Jobwechsler, die sich in die Bereiche digitale Daten und künstliche Intelligenz umorientiert haben, vorher in einem ganz anderen Berufsfeld gearbeitet. Bei Vertriebsfunktionen, Inhaltserstellung – etwa Social-Media-Manager und Content-Autoren – sowie technischen Funktionen sind diese Anteile wesentlich höher. Das zeige, wird Karin Kimbrough, Chefökonomin bei Linkedin, zitiert, dass "die Mehrzahl der Übergänge in Arbeitsplätze von morgen aus nicht neu entstehenden Arbeitsplätzen stammt, was beweist, dass viele dieser Arbeitsplätze zugänglicher sind, als die Arbeitnehmer vielleicht denken".

Laut Daten von Coursera, einem Online-Weiterbildungsanbieter, der auch als Survey-Partner an dem Bericht beteiligt war, erlernen Kursteilnehmer innerhalb von ein bis zwei Monaten die zehn Top-Kompetenzen neu entstehender Berufe der Bereiche Menschen und Kultur, Verfassen von Inhalten, Verkauf und Marketing. Kompetenzen in den Bereichen Produktentwicklung, Daten und künstliche Intelligenz könnten binnen zwei bis drei Monaten erweitert werden, und wer sich auf Cloud und Engineering umstellen will, könne sich wesentliche Kenntnisse dieser Schlüsselqualifikation in einem vier- bis fünfmonatigen Lernprogramm aneignen.

Das sei auch vor dem Hintergrund wichtig, dass die Pandemie vor allem Geringqualifizierte stärker getroffen hat. "Die am stärksten von den beispiellosen Veränderungen durch Covid-19 betroffenen Personen und Gemeinschaften gehörten vornehmlich schon vorher zu den meistbenachteiligten Gruppen. Wenn keine proaktive Bemühungen getroffen werden, ist zu erwarten, dass die Doppelwirkung des technologischen Wandels und der pandemischen Rezession zu einer Verschärfung der Ungleichheiten führen", sagt Zahidi. (set, 21.10.2020)