Angesichts eines in den Netzwerken kursierenden Videos, in dem schwere Vorwürfe gegen den bis dato für das Bundesheer tätigen Imam erhoben werden, hat Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) am Donnerstagnachmittag die Zusammenarbeit mit dem islamischen Seelsorger beendet. Das Ergebnis eingehender Beratungen stand kurz vor 17 Uhr fest: Abdulmedzid S. darf nicht mehr für gläubige Soldaten tätig sein, er wird von seinem Dienst beim Bundesheer enthoben.

In der Rossauer Kaserne, dem Sitz des Verteidigungsressorts, hat man das Videomaterial überprüft, in dem S. belastet wird.
Foto: Reuters / Heinz Peter Bader

In besagtem Video präsentiert ein selbsternannter "Islamistenjäger" unter anderem ein Foto des Imam mit einem bosnischen General, der einst am Balkan für die Ermordung von hunderten Serben verantwortlich gewesen sein soll, darunter Zivilisten und gefangengenommene Soldaten. Imam S. soll das Bild laut Angaben des Videoproduzenten mit "Held" übertitelt haben.

Beim Bundesheer hat man das Filmmaterial überprüft, schon am Nachmittag hatte der Obmann des parlamentarischen Landesverteidigungsausschusses und FPÖ-Wehrsprecher Reinhard E. Bösch umgehend "ein Einschreiten" von Ministerin Tanner "gegen islamistische Strömungen im österreichischen Bundesheer" gefordert. Es gebe einen Militär-Imam, der mit dem Dschihad in Bosnien sympathisiere, Dschihadisten-Videos teile und Kontakte zu Kriegsverbrechern unterhalte. Dieser Mann sei von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich eingesetzt worden, so Böschs Vorwurf.

Durchgriff nach blauem Hinweis

Tanner griff dann umgehend durch, weil der Imam "angeblich seine Sympathie für die ehemalige ,Dschihad-Bewegung' in Bosnien öffentlich verbreitet: Der politische Islam hat keinen Platz im Bundesheer! Ich fordere die Islamische Glaubensgemeinschaft daher auf – im Sinne der zukünftigen guten Zusammenarbeit – Imam S. abzuziehen und ihn zu ersetzen, denn unsere Zusammenarbeit mit diesem Imam ist hiermit mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres beendet", erklärte die Ministerin in einer Aussendung. Sollten sich die Anschuldigungen erhärten, so werden weitere Maßnahmen folgen, so Tanner. Nachsatz: "Ich habe keinerlei Verständnis für ein solches Verhalten und werde solche Aktionen unter meiner Führung nicht dulden."

Die Zusammenarbeit mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft bleibe selbstverständlich bestehen. Schon zuvor bestätigte man beim Bundesheer, dass der Imam auf Vorschlag der Islamischen Glaubensgemeinschaft eingesetzt wurde: Der Vertrag von S. bestehe mit der IGGÖ, hieß es, auf ihr Angebot hin engagierte das Bundesheer den Imam. Dort war für den STANDARD zu den aktuellen Vorwürfen am Donnerstag niemand erreichbar. (Nina Weißensteiner, 22.10.2020)