Ein US-Gericht veröffentlichte nun Akten aus einem Verfahren gegen Epstein-Klägerin Virginia Giuffre aus dem Jahr 2016.

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New York – Am Donnerstag veröffentlichte ein US-Gericht Unterlagen mit Aussagen von Ghislaine Maxwell, der früheren Freundin und Geschäftspartnerin von Jeffrey Epstein, aus dem Jahr 2016: Damals bestritt sie, gesehen zu haben, wie der verstorbene Investmentbanker und Sexualstraftäter Sex mit minderjährigen Mädchen hatte. Auch wies sie den Vorwurf zurück, bei den mutmaßlichen Vergewaltigungen beteiligt gewesen zu sein oder diese vorbereitet zu haben. Die britische Prominente wich laut Protokoll häufig den Fragen aus, beharrte zeitweise hartnäckig auf ihrer Unschuld oder antwortete gar nicht, als sie im April 2016 im Rahmen einer jetzt beigelegten zivilen Klage wegen Verleumdung gegen die Epstein-Klägerin Virginia Giuffre unter Eid auf Fragen der Anwälte antwortete.

"Ich kann nur bezeugen, was ich weiß, und das ist, dass Giuffre von Anfang bis Ende über mich gelogen hat", sagte Maxwell. Die 58-Jährige bekannte sich nicht schuldig, Epstein Mitte der 1990er-Jahre dabei geholfen zu haben, minderjährige Mädchen im Alter von 14 Jahren für illegale sexuelle Handlungen zu rekrutieren.

Keine Hinweise über Mittäter

Maxwells 418-seitige Aussage gibt keine weiteren Hinweise über mögliche Mittäter. Nahezu alle Namen außer ihrem und Epsteins wurden geschwärzt. Maxwells Anwälte hatten hart dafür gekämpft, die Aussage unter Verschluss zu halten. Sie fürchteten eine Beeinflussung des Verfahrens gegen ihre Mandantin durch die öffentliche Meinung.

An einem Punkt nannte Maxwell Giuffre eine "absolute und totale Lügnerin", als sie gefragt wurde, ob sie und Epstein zu dritt Sex gehabt hätten. Aber ein Bundesberufungsgericht sagte am Montag, dass das Recht der Öffentlichkeit, die eidesstattliche Aussage und andere Materialien, die ebenfalls am Donnerstag veröffentlicht wurden, zu sehen, wichtiger seien als die Bedenken Maxwells.

Maxwells Vater war der britische Medienmogul Robert Maxwell. Ihr Prozess ist für Juli 2021 angesetzt. "Die Entsiegelung dieses Transkripts hat zu einer öffentlichen Verbreitung anzüglicher Fragen und Antworten geführt, die in den Köpfen potenzieller Geschworener nachwirken können", sagte Brian McMonagle, ein Strafverteidiger aus Philadelphia, der nicht in den Fall involviert ist. Sigrid McCawley, Giuffres Anwältin, bezeichnete in einer Erklärung die Entsiegelung als "eine lange erwartete und willkommene Etappe auf dem Weg zur Aufdeckung der Beweise für den Umfang und das Ausmaß des Sexhändlerrings von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell". Die Anwälte von Maxwell reagierten nicht sofort auf Bitten um Stellungnahme.

Maxwell organisierte "professionelle Massagetherapeuten"

Epstein zählte einst den US-Präsidenten Donald Trump, den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und den britischen Prinzen Andrew zu seinen Bekanntschaften. Ihnen wurde kein kriminelles Fehlverhalten vorgeworfen. Giuffre (37) sagte, dass Epstein sie mit Maxwells Hilfe als "Sexsklavin" gehalten habe, und erzählte dem "Panorama" der BBC, dass Epstein sie 2001 nach London gebracht habe, um den Prinzen zu treffen – eine von drei Gelegenheiten, bei denen sie behauptete, Sex mit Andrew gehabt zu haben. Andrew dementierte die Anschuldigungen.

Maxwell sagte, dass ein Großteil ihrer Arbeit für Epstein darin bestand, Architekten, Köche, Dekorateure, Gärtner, Poolreiniger und andere einzustellen, die ihm bei der Instandhaltung von sechs Häusern halfen. Zu Epsteins Besitztümern gehörten ein Stadthaus in der Upper East Side von Manhattan, ein Haus in Palm Beach, Florida, und zwei ganze Inseln innerhalb der US-Jungferninseln. "Ein sehr kleiner Teil meiner Arbeit bestand darin, von Zeit zu Zeit professionelle erwachsene Massagetherapeuten für Jeffrey zu finden", sagte Maxwell. "Ich habe nie unangemessene Aktivitäten von Minderjährigen mit Jeffrey gesehen", fügte sie hinzu.

Maxwell wirkte ausweichend, als eine Anwältin von Giuffre darauf drängte, ob sie Giuffre damit beauftragt habe, Epstein eine erotische Massage zu geben, und sagte, dass Giuffre "sich als Masseurin anbot und sich selbst einlud, zu kommen und eine Massage zu geben". Sie bestritt auch, eine Reihe von "Schulmädchen"- oder "schwarzen Lackleder"-Outfits für Epsteins Masseurinnen zu haben, und sagte, sie erinnere sich nicht an einen Wäschekorb mit Sexspielzeug, der in dem Haus in Palm Beach aufbewahrt wurde. Maxwell sagte auch aus, dass sie in Epsteins Flugzeugen mit Clinton geflogen sei, aber sie würde die Männer nicht als Freunde oder Bekannte bezeichnen. "Eine der Lügen, die sie (Giuffre, Anm.) erzählte, war, dass Präsident Clinton auf (Epsteins, Anm.) Insel war, wo ich anwesend war", sagte Maxwell.

Fluchtrisiko

Maxwell wurde am 2. Juli in Bradford, New Hampshire, verhaftet. Informationen der Behörden zufolge hatte sie sich auf einem Grundstück versteckt, das sie im Dezember gekauft hatte, wobei sie ihre Identität geheim hielt. Sie ist in einem Gefängnis in Brooklyn in Haft, nachdem ihr der Richter in ihrem Strafverfahren ein hohes Fluchtrisiko bescheinigt hatte.

Epstein tötete sich im August 2019 im Alter von 66 Jahren in einem Gefängnis in Manhattan, während er auf den Prozess wegen der im Vormonat angekündigten bundesweiten Anklage wegen Sexhandels wartete. Er hatte 2007 ein Abkommen mit den Bundesstaatsanwälten über die Nichtverfolgung geschlossen, bevor er sich in Bezug auf die Anklage des Bundesstaates Florida schuldig bekannte. (Reuters, red, 23.10.2020)