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DER STANDARD suchte Menschen, die über ihren Umgang mit der Krise reden wollen. Wir fanden viele, das Mitteilungsbedürfnis war enorm. Unter ihrem Namen wollten allerdings nur wenige sprechen, kaum jemand war für ein Foto bereit.

Die Besorgte

Das Dilemma von Gut und Böse

Sophie Schuster war immer gerne unterwegs: "Ich bin gerne abends ausgegangen, in Konzerte, ins Kino, auf Partys und Veranstaltungen gegangen – auch oft mehrmals in der Woche nach Wien gefahren", sagt die 23-Jährige aus Baden. Sie bezeichnet sich selbst als kontaktfreudig: "Meine Mum sagt, dass ich schon als Kleinkind immer jeden, den wir auf der Straße getroffen haben, gegrüßt habe."

Seit Corona ist das anders. "Ich fahre sehr selten mit dem Zug nach Wien, um meine Oma zu besuchen. Auf der Fahrt halte ich extra viel Abstand." Die Regierungsmaßnahmen hält sie für sinnvoll: "Für mich waren die Entscheidungen unserer Regierenden evident", sagt die Volksschullehrerin in spe.

Irgendwann sei ihr aufgefallen, dass sie sich weniger gerne mit Personen auseinandersetzt, deren Haltung sie nicht kennt oder als fahrlässig wahrnimmt. Sie ist misstrauischer geworden: "Ich führe nicht mehr gerne Small Talk mit Personal in Geschäften, sondern will, so schnell es geht, wieder raus. Familien, bei denen sogar die Kinder Maske tragen, finde ich dafür besonders sympathisch, weil sie offenbar die Situation besonders ernst nehmen."

Ihr Verhalten stimme sie selbst nachdenklich, sagt Schuster. Daher hinterfrage sie es auch: "Sind alle, die regelkonform agieren, die Guten? Und sind die böse, die sich schnell vorm Billa den Schal drüberziehen? Oder haben sie einfach die Maske vergessen?"

Der Unbekümmerte

Am Mittwoch geht der Flug nach Portugal

Mitte März flog Bernhard Holzer direkt ins Hochrisikoland, mitten in den Lockdown. Also zurück nach Österreich. "In Südafrika war Corona noch kein Thema", erzählt der 40-jährige PR-Consulter. Fast zwei Monate ist er zuvor in Afrika herumgereist. Holzer bezeichnet sich selbst als "digitalen Nomaden": Er verbindet Urlaub mit Arbeit, der Laptop ist immer dabei. Lockdown und Ortsgebundenheit haben in diesem Konzept keinen Platz.

Trotz Krise blieb Holzer auf Achse. Am Tag der ersten Lockerungen mit der Schweiz überquerte er Mitte Mai wieder die Grenze. Zu Fuß. "Grenzüberschreitenden Verkehr hat es noch keinen gegeben." Weitere Destinationen seither: Nordspanien, Norwegen, Deutschland, Italien. Hin- und Rückflug nach Santander kosteten 30 Euro, nach Sardinien und zurück 25 Euro. Holzer will sich trotz Corona-Rekordzahlen in Europa nicht einschränken lassen. "Zwischen Vernunft und Lebensqualität" nennt er sein Motto. Gebucht hat er meist kurz vor der Abreise. "Wenn klar war, ob es Beschränkungen gibt oder nicht." Glück hatte er in Spanien: Wäre der Abflug ein paar Tage später gewesen, hätte er einen kostenpflichtigen Test absolvieren müssen. Einen Test hat er noch nie gebraucht.

Am Mittwoch geht es nach Faro im Süden Portugals. Im Norden dürfen Menschen die Häuser vorerst für eine Woche nur noch mit triftigem Grund verlassen. Holzer: "Im Süden sieht es besser aus."

Der Nachdenkliche

Wenn’s geht, dann spazieren gehen

Jürgen geht gerne zum Eishockey. Er ist Fan der Vienna Capitals, aktuell sind im Stadion nur 1000 Zuschauer und keine Gastronomie erlaubt. "Es ist mühsam, weil es keinen Zeithorizont gibt", sagt der 29-Jährige. "Die Leute halten sich deshalb nicht mehr so gut an Empfehlungen." Jürgen plagen Berufssorgen. Das hat nur bedingt mit Corona zu tun. Er ist Krankenpfleger in einem Wiener Spital. Die interne Kommunikation ist schlecht, viel zu oft geht er in Arbeit unter. Deshalb will er schon bald kündigen, allerdings wartet dann die Unsicherheit der Jobsuche auf ihn.

Seit März ist Jürgen zweimal getestet worden. Einmal im Spital, ein zweites Mal im Ultimate-Frisbee-Verein, damit er den Kontaktsport ausüben darf. Einen Kletterurlaub stornierte der Wiener, stattdessen fuhr er mit seiner Freundin in der Nebensaison auf Campingurlaub. In Vorarlberg machte er ihr einen Heiratsantrag.

Jürgens Eltern sind sehr vorsichtig. "Meiner Meinung nach vorsichtiger als notwendig, aber besser so als in die andere Richtung. Das beruhigt." Er habe "ein mulmiges Gefühl", wenn etwa im Zug jemand hustet. "Man achtet auf jedes Zeichen."

Gedanken macht er sich um alte Menschen. "Sollen wir sie ganz allein und vereinsamen lassen? Das geht nicht", sagt er. "Ich kann meine Oma sehr wohl besuchen, achte aber darauf, was ich angreife, und bleibe auf Distanz. Wenn’s geht, gehen wir spazieren."

Die Gelassene

Angst vor dem Generationenkonflikt

Wenn man die Trafik betritt, zieht die 79-jährige Trafikantin ihren Schal eilig über Mund und Nase. Meistens. Aber wenn ein Kunde oder eine Kundin keine Maske trägt, dann macht das auch nichts, meint die Wienerin.

"Die Masken machen die Leute aggressiv", sagt sie, "das ist fast nicht mehr auszuhalten." Dass sie sie trotzdem tragen müssen, findet sie überzogen.

Wer mit ihr plaudern will, der soll die Maske abnehmen, meint sie dann und legt eine Packung Zigaretten hin: "Rauchen S’ erst mal eine."

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Man sieht es ihr nicht an, aber: Die Trafikantin hat das Pensionsantrittsalter weit überschritten. Nicht die Pandemie sorgt sie, sondern ein Generationenkonflikt, den sie anrollen sieht. Die Jungen werden sich gegen die Alten wenden, glaubt sie, weil die Alten zu fordernd sind. Und die Politik stehe nun einmal aufseiten der Alten. Warum solle die Jugend so zurückstecken? "Wie sollen die noch busserln oder sich umarmen?", fragt sie und fügt an: "Bei HIV hatten wir wenigstens Kondome."

Um sich selbst sorgt sie sich nicht, auch wenn sie zur Risikogruppe gehört. Sie will unter Leuten sein. Dass sie immer noch jeden Tag in der Trafik steht und auch während des Lockdowns jeden Tag da war, sei kein Muss, sondern ihr Wollen, sagt sie. Weil sie hören will, "was die Leute wirklich erzählen, und nicht nur, was in der Zeitung steht". Außerdem hat sie so keine Zeit für Wehwehchen.

Die Skeptischen

Knapp an der Verschwörung vorbei

Die Geschichte dieser jungen Frau und ihres Freunds ist keine seltene. Die Wienerin ist nur eine der wenigen, die auch darüber redet. Wie man plötzlich unter den Einfluss von "Alternativinformation" gerät, wie sie es nennt. "Wir haben nie geglaubt, dass wir durch die Impfung gechipt werden, aber wir haben doch die Ernsthaftigkeit der Pandemie hinterfragt", sagt die Studentin – Germanistik, vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie. Zu Beginn der Pandemie zogen sie zu den Eltern ihres Freundes. Beim Essen ging es um Politik, Geschichte, Kunst und irgendwann auch um Infos, die die Eltern aus einer Telegram-Gruppe bezogen. Nachdem die Uni geschlossen hatte, brach vieles weg. Gepaart mit "Alternativinformation" war das "wie ein kleines Pulverfass", sagt sie heute. Immerhin: Auf Anti-Corona-Demos ging das Paar nicht.

Als die beiden zurück in die eigene Wohnung zogen, beobachteten sie, wie der Einfluss der Theorien der Eltern nachließ. Eine Doku über Corona-Gegner rüttelte sie wach. Die junge Frau ist noch immer nicht der Meinung, dass alle Maßnahmen der Regierung gut sind. Aber sie habe gemerkt, dass es Regeln brauche, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, sagt sie. Erst vor wenigen Tagen wurde das Paar positiv auf das Coronavirus getestet. Die Ansteckung erfolgte "nicht aus Leichtsinnigkeit", betont die junge Frau. Sondern auf einer Feier bei der Familie ihres Freundes.

Die Erschöpfte

Furcht vor den Härten der Quarantäne

Für ihren zweijährigen Sohn seien die Anti-Corona-Auflagen schlimm, sagt die Frau, die in einer niederösterreichischen Gemeinde wohnt: "Die Spielgruppe fällt seit September weg. Es dürfen sich nur zehn Leute indoor treffen (ab Sonntag nur noch sechs, Anm.). Das konnte sich der organisierende Verein nicht leisten", schildert die Marketingexpertin, die gerade mit ihrem zweiten Baby in Karenz ist.

Zwar spiele der Zweijährige mit den Nachbarskindern, "aber Vorbereitung auf den Kindergarten wie in der Spielgruppe ist das keine". Hinzu komme, dass der Kontakt zu den Großeltern nur eingeschränkt möglich sei: "Wir treffen sie schon – man kann das über eine so lange Zeit hinweg nicht abschaffen." Aber ihr Vater lebe in Ungarn – und müsste dort nach jedem Besuch für zwei Wochen in Quarantäne: "Das ist zu aufwendig und mühsam."

Sie nehme die Gefahr durch das Virus für die Risikogruppen ernst, sagt die 35-Jährige. "Ich verstehe, dass man eine Überlastung des Gesundheitswesens verhindern muss." Doch die Antiseuchenregelungen seien mit großen Härten verbunden: "Vor drei Wochen bekam ich Halsschmerzen. Ich hab mir überlegt, mich testen zu lassen – aber mich dann dagegen entschieden. Ich wollte verhindern, in Quarantäne zu kommen. Was hätte ich getan, wenn das Baby auch krank geworden wäre – und ich rasch mit ihm zum Arzt hätte gehen müssen?"

Die Vorsichtige

Umarmungen nur noch für vier Freunde

Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie im März war sie in Großbritannien. Von dort aus konnte die junge Frau aus direkter Nähe beobachten, wie ein Staat nach dem anderen das gesellschaftliche Leben herunterfuhr – so wie jetzt. Alles geschah zeitversetzt. Während sie dort noch mit mulmigen Gefühlen in Pubs ging, war in Österreich schon von Lockdown die Rede.

Jetzt erstaunt die 26-Jährige das umgekehrte Phänomen: Während anderswo das öffentliche Leben immer stärker zurückgefahren wird, ist es in Österreich noch fast normal: "Es wird zu viel Rücksicht auf die Wirtschaft und den Skitourismus und zu wenig auf die Gesundheit der Menschen genommen", sagt sie. Sie stört, dass sie nach wie vor ins Büro kommen und dorthin "in bummvollen Öffis" fahren muss.

Ihre Kontakte versucht sie einzuschränken: "Ich umarme nur mehr vier meiner Freunde", erzählt sie. Lokale meidet sie, auch nach Hause will sie nicht mehr viele Freunde einladen. Bei Familienfeiern grüßt sie nur mehr mit der Faust.

Der Unterschied zum Frühling: "Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich rausgehe." Denn zeitweise sei sie damals aufgrund der Polizeikontrollen so unsicher gewesen, dass sie sich viel drinnen aufgehalten habe.

Ihr Verhalten habe sie immer der generellen Stimmung angepasst: "Im Sommer war alles lockerer." Welche Regeln jetzt wo wieder offiziell gelten – etwa der Ein-Meter-Abstand –, ist ihr nicht wirklich klar. (PORTRÄTS: Irene Brickner, Vanessa Gaigg, Lara Hagen, David Krutzler, Gabriele Scherndl, Lukas Zahrer, 24.10.2020)