Die Veggiewurst, hergestellt aus Soja, Tofu oder auch Kräuterseitlingen, darf nach einem Mordversuch der Fleischlobby weiterleben.

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Die Europäische Union ist dank ihres offenen Ohrs für diverse Lobbyverbände wieder einmal drauf und dran, sich beim Volk beliebt zu machen: Neben dem drohenden Verbot des nicht berauschenden Hanfwirkstoffs CBD, den die Pharmabranche künftig lieber künstlich hergestellt verkaufen will, ging es am Freitag im EU-Parlament um die Wurst.

Die immer noch mächtige Fleischlobby hatte eine Abstimmung erwirkt, die – wie H.-C. Strache sagen würde – "sicherstellen" sollte, dass Bezeichnungen wie Burger, Schnitzel oder eben Wurst ausschließlich Fleischerzeugnissen vorbehalten und vegetarische oder vegane Produkte gefälligst dort bleiben sollten, wo sie hingehören: zum faden Grünzeugs.

Argumentiert wurde das Vorhaben mit Irreführung des Kunden. Und tatsächlich ist ein solches Szenario ja denkbar: Ein echter Wursttiger, der nun vielleicht schon seit Jahren irrtümlich zur Sojawurst greift, weil die auf wundersame Weise nicht ganz so schwer gegen den Magen drückt, könnte tatsächlich zur Umkehr gelangen – Sojascheibe? Kräuterseitling-Stange? Dann lieber doch die fleischige Krainer, eh vom Biotier.

Wurst ist nicht gleich Fleisch

Der Antrag wurde vom EU-Parlament schließlich abgelehnt. Sprachwissenschaftliche Überlegungen dürften dabei aber keine Berücksichtigung gefunden haben. Denn dass die Fleischindustrie das Wort Wurst für sich reklamieren will, kann schon allein aus etymologischen Gründen nicht durchgehen. Der Duden kennt zur Herkunft des Wortes ausschließlich Theorien, die mit Fleisch per se nichts zu tun haben: Im Sinne von "Gemischtes, Vermengtes" könne es von "wirren" kommen, im Sinne von "Gemachtes" zur Wortsippe "Werk", als "Gedrehtes" auch zur Familie "werden" gehören.

Mit der englischen "sausage" – aus dem Französischen "saucisse" und wiederum aus dem Lateinischen "salsicus" kommend – wird gleichfalls mehr Form und Verarbeitung, nämlich das Haltbarmachen durch Salz, bezeichnet. Und beides, Form und Salz, ist üblicherweise ja auch bei fleischlosen Würsten gegeben.

Wer nun die Veggiewurst für einen Lifestyletrend der jüngsten Zeit hält, der irrt: Als Erfinder der modernen Veggiewurst gilt – kein Witz – der deutsche Nachkriegsbundeskanzler Konrad Adenauer. 1918 ließ der Hobby-Erfinder eine von ihm als "Friedenswurst" bezeichnete Brotauflage auf Sojabasis patentieren. Allein wegen dieser Geschichte sollte den Europäern "ihre" Veggiewurst nicht wurscht sein. (Stefan Weiss, 24.10.2020)