In Sankt Petersburg sind Rettungskräfte wieder im Dauereinsatz.
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Im Keller von Krankenhaus Nummer zwölf in Barnaul stapeln sich die Leichen. In schwarze Plastiksäcke gehüllt liegen, wie ein Amateurvideo zeigt, mindestens 25 Tote teils auf Tragen, teils auf dem Fußboden. Alles Covid-Opfer, erklärt der Videofilmer. Die Ärzte in der sibirischen Altai-Region kommen mit den Obduktionen nicht nach.

Das regionale Gesundheitsministerium versprach, alles zu tun, um den Prozess zu beschleunigen. Allerdings arbeitete der Dienst ohnehin schon im Zweischichtbetrieb ohne Wochenende, erklärte der Chefpathologe des Gebiets, Wladimir Klimatschow.

Nicht nur in Sibirien sind die Infektions- und Todeszahlen auf Rekordniveau. Am Freitag steckten sich offiziellen Angaben nach über 17.000 Menschen mit dem Virus an. Das ist fast das Vierfache der Ansteckungsrate im Sommer. Erstmals seit Ausbruch der Corona-Krise starben in dieser Woche mehr als 300 Menschen an einem Tag. Insgesamt hat Russland laut dem Covid-Operationsstab gut 25.000 Opfer zu beklagen. Die Statistikbehörde hat derweil in den vergangenen Monaten rund doppelt so hohe Angaben über die Covid-Opfer gemacht.

Die Regierung rechnet infolge der Corona-Krise mit einem gewaltigen Bevölkerungsrückgang. Demnach verliert Russland heuer mehr als 350.000 Menschen. Das ist das Zehnfache des vergangenen Jahres. Der Verlust ergibt sich aus der höheren Sterberate, aber auch der geringeren Zuwanderung durch die geschlossenen Grenzen.

Frühjahr als Negativbeispiel

Die negativen Folgen der äußeren und inneren Abschottung waren im Frühjahr besonders spürbar. Deshalb will die russische Führung ein ähnliches Szenario um jeden Preis vermeiden.

So versprach Präsident Wladimir Putin, auf solch harte Restriktionen wie vor einem halben Jahr zu verzichten. Der Kremlchef begründete dies mit der verbesserten medizinischen Infrastruktur und notwendigen Reserven, die geschaffen worden seien.

Russland, das später als Westeuropa von der Corona-Krise betroffen war, hatte bereits im Februar bzw. März die Grenzen dichtgemacht. Ende März rief Putin dann wochenlange "Betriebsferien" aus. In vielen Regionen durften die Bürger nur noch mit Passierschein auf die Straße. Selbst die Militärparade zum 9. Mai wurde wegen des Lockdowns verschoben.

Nun hat Moskau als erneuter Hotspot der zweiten Corona-Welle wieder einige der im Sommer aufgehobenen Zwangsmaßnahmen verhängt. Rentnern wurden die Sozialfahrkarten gesperrt, Sechst- bis Elftklässler in den Online-Unterricht geschickt. Zudem forderte Oberbürgermeister Sergej Sobjanin die Moskauer Unternehmen dazu auf, mindestens ein Drittel der Belegschaft ins Homeoffice zu schicken.

Streit um Datenschutz

Die Stadtregierung will die Einhaltung der Verordnung kontrollieren, indem sie sich von den Firmen Telefonnummern, Autokennzeichen und Netzkarten der Heimmitarbeiter einmal wöchentlich zuschicken lässt. Eine umstrittene Maßnahme: Juristen nennen die Datenweitergabe illegal.

Trotzdem haben die Sperrmaßnahmen bei weitem noch nicht das Ausmaß des Frühjahrs erreicht. Russland setzt vor allem auf die schnelle Einsatzbereitschaft seines Impfstoffs. Die Testphase des weltweit ersten registrierten Covid-Serums Sputnik V ist fast beendet. In der vergangenen Woche wurde sogar bereits ein zweiter Impfstoff – ebenfalls ungetestet – registriert.

Ab Dezember sollen Massenimpfungen in Russland beginnen. Wie diese ablaufen sollen – ob kostenlos oder gegen Bezahlung, Pflichtimpfung oder freiwillig –, ist bislang unklar. Bei den meisten Russen allerdings herrscht derzeit Skepsis: Einer Umfrage auf der Website der Regierungspartei Einiges Russland zufolge wollten nur 23 Prozent der Teilnehmer sich impfen lassen. 73 Prozent der Befragten hingegen lehnten dies ab, vier Prozent erklärten, sie seien nach einer Erkrankung bereits immun. (André Ballin aus Moskau, 23.10.2020)