Neben den Gewaltexzessen gab es gegen die Corona-Maßnahmen in Neapel auch friedlichen Protest von Gewerbetreibenden.

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Statt menschenleerer Strassen wie beim ersten Lockdown erlebte Neapel in der Nacht von Freitag auf Samstag die schwersten Ausschreitungen in Italien seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühling: Hunderte vorwiegend jugendlichen Demonstranten lieferten den Sicherheitskräften in der Altstadt stundenlange Straßenschlachten. Anlass der Straßenrevolte war die am Freitagabend in Kraft getretene Ausgangssperre in der ganzen Region Kampanien. Sowohl links- als auch rechtsradikale Demonstranten zündeten Knallkörper und Rauchpetarden, Müllcontainer wurden in Brand gesteckt; mehrere Polizisten wurden verletzt, es kam zu unzähligen Sachbeschädigungen.

Der Gewaltausbruch wurde sowohl von den Regierungsparteien als auch von der Opposition scharf verurteilt. Der Präsident der Abgeordnetenkammer in Rom, der Neapolitaner Roberto Fico von der Fünf-Sterne-Protestbewegung, bezeichnete das Vorgefallene als "kriminelle Stadtguerilla". Allerdings: Zur gleichen Stunde hatten in Neapel auch zahlreiche Gewerbetreibende friedliche Protestaktionen durchgeführt. Die Besitzer von Bars, Trattorien, kleinen Läden und Geschäften fühlen sich durch die neuen Covid-Maßnahmen in ihrer Existenz bedroht. Die Stimmung ist gereizt – nicht nur in der notorisch rebellischen Millionenstadt am Fuß des Vesuv, sondern auch in Rom und Mailand, wo in dieser Woche ebenfalls Ausgangssperren eingeführt wurden.

Der "Sheriff" von Neapel

In Neapel richtet sich der Zorn der Jugendlichen und Geschäftsinhaber in erster Linie gegen Regionalpräsident Vincenzo De Luca, der die nächtliche Ausgangssperre in Eigenregie verhängt hatte. Der 71-jährige ehemalige Kommunist und heutige Sozialdemokrat gebärdet sich seit Beginn der Epidemie als polternder und autoritärer Landesvater, der jungen Studenten auch schon angedroht hatte, "die Carabinieri mit dem Flammenwerfer" vorbeizuschicken, falls sie sich erdreisten sollten, trotz des Verbots private Feste zu feiern. Auch am Freitag warf er einer Gruppe feiernder Jugendlicher wieder "maximale Verantwortungslosigkeit" vor. In Neapel nennen sie De Luca inzwischen nur noch "o' sceriffo", den Sheriff.

Mit seinen volkstümlichen und mitunter derben Sprüchen ist De Luca landesweit populär geworden; bei den Regionalwahlen von Kampanien wurde er vor wenigen Wochen mit einem Glanzresultat wiedergewählt. Doch nun hat der "Sheriff" den Bogen wohl überspannt. Neapels Bürgermeister Luigi De Magistris forderte am Freitag, De Luca solle endlich aufhören, sich auf die Jugendlichen und Schüler einzuschießen: "Das wahre Problem ist der katastrophale Zustand unseres Gesundheitswesens, für das De Luca als Regionalpräsident zuständig ist", betonte De Magistris. Tatsächlich verfügt die süditalienische Region Kampanien mit ihren 6,3 Millionen Einwohnern nur über 110 Intensivbetten, die medizinische Grundversorgung ist lausig – und der selbstgefällige "Sheriff" hat in den letzten Monaten wenig unternommen, um dies zu ändern.

Intensivbetten aufgestockt, aber nicht genug

Den gleichen Vorwurf – die ruhige Zeit nach dem Lockdown ungenügend genutzt zu haben, um das Gesundheitswesen fit für die zweite Infektionswelle zu machen – muss sich auch die Regierung von Giuseppe Conte gefallen lassen. Zwar wurde seit Beginn der Epidemie die Zahl der Intensivbetten landesweit von 3.900 auf 6.500 erhöht – doch sie werden laut Experten spätestens Mitte November alle belegt sein: Seit Anfang Oktober verdoppelt sich die Zahl der Neuinfizierten jede Woche, am Freitag ist erstmals die Schwelle von 20.000 Neuinfektionen gestreift worden. Ein weiteres Versäumnis: Die Testinfrastruktur ist weiterhin ungenügend, und die Rückverfolgung der Infektionsketten ist vielerorts – besonders in den Millionenstädten Rom, Mailand und Neapel – zusammengebrochen.

Conte, der bei der ersten Welle im Frühling rigoros durchgegriffen hatte, ist in der nun auch Italien überrollenden zweiten Welle mit seinen Maßnahmen bisher auffallend zurückhaltend geblieben. Der Hauptgrund liegt in der fragilen Wirtschaft, die während des ersten Lockdowns schwer gelitten hat und einen zweiten generellen Stop vielleicht nicht überstehen würde. Angesichts der explodierenden Fallzahlen wird nun aber auch in Rom wieder über neue, deutlich härtere Maßnahmen diskutiert, die in den nächsten Tagen verfügt werden könnten. (Dominik Straub aus Rom, 24.10.2020)