Wenn ein Kind nach Selbstverantwortung strebt, sollte es nicht daran gehindert werden.

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Frage:

"Mein Sohn (sechs) hatte schon im Kindergarten ein Problem mit zu viel Fremdbestimmung. Nach den ersten Schulwochen kommt dieses Thema bei dem eh stark durchgetakteten Ablauf inklusive Hort nun wieder hoch. Er macht alles mit, artikuliert zu Hause aber sehr stark, dass er nicht will, dass alle die ganze Zeit über ihn und seine Zeit bestimmen. Nun meine Frage: Wie kann ich es ihm erleichtern? Ich versuche, am Nachmittag möglichst keine Vorgaben zu machen – das ist aber auch nicht immer durchführbar. Wie kann ich sonst noch Stress aus unserem Alltag rausnehmen? Wie kann ich für seine Entspannung bzw. gefühlte Freiheit sorgen?"

Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Stress ist ohne Frage ein zentrales Problem in unserer heutigen Gesellschaft. Vieles spricht dafür, dass Stress der Krankmacher Nummer eins ist. Manche Experten gehen davon aus, dass bis zu 75 % aller Arztbesuche auf die Folgen von zu viel Stress zurückgehen. Insofern ist es gut, wenn Sie als Mutter ein waches Auge auf den Stresshaushalt Ihres Sohnes geworfen haben und bemüht sind, seinen Stress zu begrenzen. Zugleich muss Ihr Sohn aber, da er ja nun einmal in unserer Gesellschaft lebt, auch lernen, mit Stress umzugehen und die Anforderungen zu akzeptieren, die realistischerweise von ihm wie von allen anderen abverlangt werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass er sich schon bei einem zumutbaren Stressniveau als "überfordert" erlebt und sich damit dann in seinem weiteren Lebensweg schwertun wird.

Es ist also wichtig, ihn zu motivieren, sich seinem Alltag stellen zu können – was er ja offensichtlich auch gut macht –, und zugleich mit ihm nach Wegen zu suchen, seinen gefühlten Stress in der Freizeit abzubauen. Was auch immer da für ihn passt: Bewegung, Sport, Kuscheln, Musik hören, ein Spiel, ein Bad, Streicheln oder Massage, gemeinsam Kochen oder einfach Ausruhen. Eltern sollten gemeinsam mit ihrem Kind herausfinden, wie es am besten seinen Stress abbaut. Weil Kinder nicht normiert sind, gibt es keine Pauschalmethode. Wenn es gelingt, den Stresshaushalt eines Kindes gut zu regulieren, werden Eltern übrigens gleich doppelt dafür belohnt. Nicht nur werden die Nerven geschont, weil sie sich nicht andauernd in unnötigen Stressspiralen mit ihren Kindern verzetteln. Die Entspannung des Kindes wirkt durch das Spiegeln der Spiegelneuronen auch ganz unmittelbar auf sie selbst zurück. So wie Stress ist nämlich auch Ruhe auf Dauer ansteckend. (Hans-Otto Thomashoff, 29.10.2020)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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Antwort von Linda Syllaba

Das Bedürfnis nach Autonomie wohnt uns allen inne. Dabei geht es nicht nur um Unabhängigkeit und das Gefühl der Freiheit, sondern eben um Selbstbestimmung und daran gekoppelt um Eigenverantwortung. Dem gegenüber steht für uns Menschen immer auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach sozialer Verbindung – was uns dazu bringt, uns anzupassen, zu kooperieren. Es ist tatsächlich manchmal notwendig, eigene Vorstellungen zugunsten der Gemeinschaft hintanzustellen. Und das tut Ihr Sohn. Ich finde es gut, dass er artikuliert, dass ihn das anstrengt und dass es zu viel wird, denn es bedeutet, dass er sich selbst gut wahrnimmt. Viele Menschen, auch schon Kinder, merken gar nicht mehr, wie sehr sie in der Kooperationsschleife hängen und sich selbst dabei verlieren. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass wir beides gleichermaßen brauchen: ein gutes Gefühl für unsere eigenen Grenzen, Werte, Vorstellungen (und was noch alles zur eigenen Identität dazugehört) UND die Fähigkeit, zugunsten der Gemeinschaft auch mal eigene Interessen zurückzustellen. Die Kunst ist, die Balance zu halten.

Es wird Ihrem Sohn bestimmt guttun, wenn er seine Eigenverantwortung Stück für Stück ausweiten kann und darf. Zum Beispiel indem er seinen Schulweg selbstständig bewerkstelligt, Aufgaben im und außer Haus übernimmt – vom Einkaufen bis zum Kochen, Haustierpflege, Organisation von Playdates oder Hobbys. Natürlich immer altersgerecht und den Rahmenbedingungen angepasst. Auch bei der Planung der Woche und der einzelnen Tage empfehle ich, ihn möglichst einzubeziehen, sodass er den Spielraum, der ihm bleibt, erkennt und mitgestalten kann. Sprechen Sie auch mit ihm darüber, was ihm guttut und gefällt, was ihm beim Entspannen hilft. Etwas Frischluft und Bewegung, genug Zeit für eine Badewanne, vielleicht gemeinsame Yoga-Sonnengrüße? Die Möglichkeiten sind vielfältig und individuell unterschiedlich beliebt. Dieses Anti-Stress-Programm ist ja auch eine Frage der (Selbst-)Organisation und gehört zur gelebten Selbstfürsorge. Was das angeht, dienen Sie als Eltern, neben Ihrer Begleiterrolle, auch als Vorbild. Wie entspannen Sie denn? Wie achten Sie auf Ihren Stresshaushalt? Reden Sie mit ihm darüber und finden Sie seine passende Strategie mit ihm gemeinsam. Die wird sich im Laufe der Zeit vielleicht ändern, das macht nichts, dann ist es eben wieder anders. Hauptsache, für ihn passt es. Und er lernt so auch, dass sich das verändern kann und darf.

Es ist etwas Wunderbares, wenn ein Kind Selbstverantwortung anstrebt und sollte möglichst wenig verhindert werden. Zum einen weil er daran wachsen kann und zum anderen weil es Sie langfristig entlastet. Beim Übernehmen von häuslichen Aufgaben stellt sich ja bald nach dem Herausforderungskick die Empfindung der "lästigen Pflicht" ein. Doch genau diesen Übergang gilt es mit freundlichem Nachdruck zu überstehen. Denn durch das Einbringen in die familiäre Gemeinschaft wird auch Verbindung geschaffen und gehalten. Jede und jeder leistet seinen Beitrag und bringt sich somit wertvoll ein. Das ist gut fürs eigene Selbstwertgefühl und die ganze Familie, auch wenn es nicht immer Spaß macht. (Linda Syllaba, 29.10.2020)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
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