Die Agenda Austria fordert bessere Anreize zur privaten Altersvorsorge, um das teure Pensionssystem zu entlasten.

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Was haben Pensionssysteme mit griechischen Tempeln gemeinsam? Richtig: Säulen. Wobei die hellenischen Ruinen, freilich je nach Zustand, deutlich mehr Säulen aufweisen als das heimische Vorsorgesystem mit seinen drei Stützen.

Wie in den meisten Industrieländern sind die drei Säulen des Pensionssystems auch in Österreich zum Ersten die staatliche Vorsorge, zum Zweiten die betriebliche Vorsorge und zum Dritten die private Vorsorge. Anders als in vielen Industrieländern trägt hierzulande aber die erste Säule fast die gesamte Last des Pensionssystems, wie der liberale Thinktank Agenda Austria in einer neuen Publikation kritisiert.

Der Poseidon-Tempel am Kap Sounion hat mehr als drei Säulen.
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Schieflage

"Das österreichische Pensionssystem zeichnet sich durch Sicherheit und Klarheit aus. Es gibt zwar immer wieder Adaptionsbedarfe, aber wir brauchen keine grundlegende Neuausrichtung", lautet die Einleitung des Kapitels "Pensionen" im türkis-grünen Regierungsprogramm. Das System funktioniere nicht so, wie es einmal geplant war, widersprechen die Ökonomen der Agenda Austria und meinen damit: Das Umlagesystem deckt die Kosten nicht.

Die Erwerbsbevölkerung zahlt weniger ein, als den Pensionisten ausgezahlt wird. Unterm Strich lebt das heimische Pensionssystem also von hohen Zuschüssen aus dem Steuertopf. Das Pensionsloch lag zuletzt bei rund 24 Milliarden Euro. Tendenz steigend, denn während der Anteil der Pensionisten an der Bevölkerung zunimmt, schrumpft die arbeitende Bevölkerung relativ zu den Zahlungsempfängern. "Haben im Jahr 2017 für jeden Pensionisten noch 1,7 Erwerbstätige ins System einbezahlt, werden es im Jahr 2050 nur noch 1,29 sein", schreiben die Studienautoren Nikolaus Jilch, Dénes Kucera und Heike Lehner.

Die Agenda Austria fasst ihre neue Studie in einem kurzen Erklärvideo zusammen.
Agenda Austria

Das Umlagesystem lasse sich nur retten, wenn das Pensionsantrittsalter sukzessive erhöht werde. Um einer Empfehlung der Europäischen Union zu entsprechen, könnte man das Pensionsantrittsalter demnach ab sofort jedes Jahr zumindest um zwei Monate anheben, bis ein Antrittsalter von 67 Jahren erreicht ist. Eine Erhöhung der Zuschüsse aus Steuergeld oder eine Kürzung der Pensionen würden das Umlagesystem ebenfalls entlasten – beide Maßnahmen seien politisch aber nicht durchsetzbar, so die Agenda Austria.

Betriebliche Vorsorge

Um angesichts des demografischen Wandels wirklich zu einem nachhaltigen Pensionssystem zu kommen, schlägt der liberale Thinktank allerdings nicht nur vor, das Antrittsalter anzuheben. Die Säulen der betrieblichen und privaten Altersvorsorge müssten dringend gestärkt werden, schreiben die Autoren.

In Österreich ist die betriebliche Altersvorsorge freiwillig geregelt. Der Arbeitgeber kann einen Teil des Bruttoentgelts in eine Pensionskassa einzahlen, die das Geld nicht nur am Kapitalmarkt anlegt, sondern im Idealfall auch vermehrt. Wie wenig diese Vorsorgeform in Anspruch genommen wird, zeigt ein Blick in die Zahlen. Das verwaltete Vermögen betrug in Österreich demnach 2018 rund 22 Milliarden Euro – das sind knapp mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Im Vergleich dazu haben etwa die Niederlande, die Schweiz und Großbritannien jeweils weit über 100 Prozent ihres BIP veranlagt.

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Mehr Spielraum, höheres Risiko

Die Agenda Austria schlägt vor, Pensionskassen mehr Spielraum bei der Veranlagung von Kapital zu geben. Dürften diese auch in Risikokapitalfonds und im vorbörslichen Umfeld investieren, wären im anhaltenden Niedrigzinsumfeld höhere Erträge und demnach höhere Pensionen möglich. Bei hinreichender Diversifizierung der Portfolios würde nicht nur das Risiko geringgehalten, Pensionskassen könnten mit ihren Investitionen auch Start-ups und nicht börsennotierten Unternehmen Liquidität zuschießen – und so Innovation antreiben. Derzeit ist das nicht möglich, da für alle Anlagen die Bestimmung eines sogenannten Tageswerts möglich sein muss – es braucht also einen Börsenkurs.

Und auch die sogenannte "Abfertigung neu" sei für die betriebliche Vorsorge mehr Hindernis als Segen, schreiben die Experten der Agenda Austria. Die vorgeschriebene Kapitalgarantie sorge nämlich dafür, dass Einzahlungen in risikoarme Titel investiert werden – mit entsprechend schwacher Performance. "Eine Veranlagung von 100.000 Euro mit Kapitalgarantie im Jahr 2006 ergäbe heute einen Minderertrag um fast 150.000 Euro gegenüber einer Veranlagung in risikoreichere Sektoren", rechnet der Thinktank vor.

Private Vorsorge

Mit Blick auf die dritte Säule, die private Vorsorge, iterieren die Studienautoren, was sie bereits zur betrieblichen Vorsorge angemerkt haben: "Ihre Performance wird durch eine Kapitalgarantie gehemmt." Als Reformvorbild könnte demnach das Schweizer Modell herhalten, bei dem ein individuelles Depot der privaten Vorsorge gewidmet werden kann, was Steuervorteile und Planungssicherheit gewährleistet. Die Produkte auf dem heimischen Markt seien entweder teuer – was den Anbietern der Produkte entgegenkommt – oder durch renditeschädigende Regeln zur "sicheren" Veranlagung überreguliert.

Die Agenda Austria fordert zur Stärkung der privaten Vorsorge auch eine bessere Finanzbildung in Österreich. Zu diesem Thema ist letztens übrigens eine Expertendebatte im STANDARD geführt worden. Professor Christian Fridrich sprach sich hier gegen ein Unterrichtsfach Wirtschaft aus, Professorin Bettina Fuhrmann widersprach und forderte hier ein Schulfach Wirtschaft.
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Allerdings bemerken die Studienautoren auch, dass private Vorsorge ein Mindestmaß an Finanzbildung voraussetze. Weil es um diese in Österreich erschreckend schlecht bestellt sei, fordert die Agenda Austria ein diesbezügliches Schulfach. Die Schüler würden so bereits früh mit der Frage konfrontiert werden, wie man verantwortungsbewusst mit Geld umgeht. Studien zeigen nämlich, dass mangelnde Finanzbildung und Altersarmut korrelieren.

Momentum-Institut widerspricht

Beim arbeitnehmernahen Momentum-Institut sieht man das österreichische Umlagesystem weniger kritisch. Gerade in der Krise sei ein öffentliches Pensionssystem besonders robust, sagt Barbara Blaha, die den Thinktank leitet: "Ein steigender Zuschuss aus dem Budget ist in der Krise ein sinnvoller automatischer Stabilisator." Selbst wer in Zeiten einer Pandemie seinen Job verliere, müsse nicht um seine Pension fürchten.

Auch jenseits der Krise sei es wünschenswert, dass Teile der öffentlichen Pensionen mit Steuergeld finanziert werden, weil damit ein sozialer Ausgleich einhergehe: "Wohlhabende zahlen relativ mehr an Einkommenssteuern als Beiträge in die Pensionskasse", sagt Blaha.

Arbeitsmarkt statt Privatvorsorge

Blaha spricht sich nicht gegen die betriebliche und private Altersvorsorge aus, sie warnt aber davor, diese beiden Säulen auf Kosten der ersten Säule zu stärken: "Wer in riskante Private Equity anlegen will, soll das privat mit Geld tun, dass er nicht braucht." Für Pensionskassen seien riskantere Investitionen die falsche Anlegeform. "Die einzigen Personen, die sicher davon reich werden, sind die Manager der Private-Equity-Fonds, die traditionell sehr hohe Verwaltungsgebühren verlangen", so Blaha. Die staatlichen Beiträge sollten auf keinen Fall gekürzt werden, sagt die Leiterin des Thinktanks, private und betriebliche Vorsorge sollen außerdem nicht staatlich begünstig werden. Das begünstige nämlich Haushalte mit höheren Einkommen, die sich genug Geld zur Seite legen können.

Die größte Gefahr für staatliche Pensionen sei anhaltende Arbeitslosigkeit, so die Expertin, die schlussfolgert: "Wer unser Pensionssystem nachhaltig gestalten möchte, muss vor allem für Beschäftigung sorgen." Nachhaltiger aufstellen könne man das System außerdem, wenn man die steuerlichen Zuschüsse durch eine Verschiebung der Abgabenlast weg von Arbeit und mehr in Richtung des Kapitals finanziere. (luis, 30.10.2020)