DER STANDARD

Wenige Dinge erscheinen in der Pandemie gewiss, aber eines ist sicher: Lockdowns können funktionieren. Im Frühjahr ist es binnen weniger Wochen gelungen, die Infektionsausbreitung in Österreich und dutzenden anderen Ländern drastisch zu verlangsamen. Harte Maßnahmen, auf die das Land zusteuert und die schon am Wochenende politisch fixiert werden sollen, können also wirken.

Doch was dann? Eilen wir ab Dezember von Lockdown zu Lockdown, weil wir die Infektionszahlen zwar drücken können, die Krankheit aber inzwischen so verbreitet ist, dass sie immer wieder kommt? Kann die Impfung schon 2021 tatsächlich den Weg zurück zur Normalität ebnen – und wenn nicht, was ist eine kluge und langfristige Strategie gegen Corona?

Über diese Fragen diskutierte eine Expertenrunde bei "STANDARD mitreden". Die Immunologin und führende Impfexpertin des Landes, Ursula Wiedermann-Schmidt, berichtete, dass sich aktuell zehn Impfstoffkandidaten in der dritten und finalen Testphase befinden und die ersten Zulassungen ab dem Frühjahr 2021 erwartet werden. Aber: Da sich alle Staaten um Impfungen reißen, rechnet die Expertin mit Engpässen.

Auch wenn er kommt: Alle wollen den Impfstoff

Der aktuelle Plan für Österreich sehe vor, vulnerable Gruppen, also Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen, zu impfen. Für die anderen würde das bedeuten: bitte warten. Wir müssen uns also auf weitere Infektionswellen einstellen, das Impfthema "wird uns jedenfalls die nächsten ein bis zwei Jahre beschäftigen". Die gute Nachricht: Die neuen Infektionswellen wären im besten Fall weniger dramatisch, weil dank der Impfung weniger Menschen schwer erkranken und ins Spital müssen, so Wiedermann-Schmidt.

Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka sagt, dass sich Österreich erneut Zeit kaufen könne, um sich dann besser vorzubereiten. "Es wundert mich, dass wir jetzt so unvorbereitet sind." Es sei nämlich sehr wohl möglich, das Infektionsgeschehen besser zu kontrollieren – und zwar nicht nur für kleine Inselstaaten. Sein Beispiel dazu: Japan, wo das Contact-Tracing anders ablaufe als in Österreich.

Was Japan besser macht

Die japanischen Behörden setzten vor allem darauf, Superspreader zu identifizieren, suchen also nicht nach Menschen, mit denen ein Infizierter Kontakt hatte, sondern versuchen die Kette zurückzuverfolgen, wie der Betroffene sich infiziert habe, um so Superspreader zu finden. Schnelligkeit sei dabei essenziell.

Der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer fordert in vielen Punkten eine ehrlichere Debatte ein: "Die Idee, eine Pandemie ohne Opfer durchleben zu wollen, ist reines Wunschdenken", sagt er. Strategie muss sein, so wenige Opfer wie möglich zu erzeugen. Dafür sei es aber notwendig, Menschen langfristig zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, damit jeder Einzelne mittut und sich an Abstandsregeln und Hygienegebote hält, so Pichlbauer. Das gehe nicht mit Anordnungen und Lockdowns, "das trägt die Bevölkerung auf Dauer nicht mit". Eine auf diesen Prinzipien beruhende langfristige Strategie, die sich durchhalten lasse, bringe es auch mit sich, dass die Spitäler in Österreich auch mal an die Kapazitätsgrenze kommen können – was in Ordnung wäre. Darüber dürfe es nicht gehen, so Pichlbauer.

Schutz der Gefährdeten statt Lockdown?

Pichlbauer forderte ein Umdenken. Statt neuer Lockdowns müsse auf den Schutz der vulnerablen Gruppen gesetzt werden. Die Betroffenen, auch in Pflegeheimen und Altersheimen, gehörten aber eingebunden in eine offene Debatte: "Es werden nicht alle sagen, dass sie sechs Monate länger leben wollen, auch wenn sie dafür ihre Kinder und Enkel nicht mehr sehen können."

Sehen Sie außerdem: Thomas Czypionka erklärt, dass ein reiner Schutz der Risikogruppen aus seiner Sicht nicht funktionieren wird und eine Zweiteilung der Gesellschaft keinen Zweck hat. Warum, sehen Sie im Video. Impfexpertin Wiedermann erklärt, welche großen offenen Fragen rund um die Impfung offen sind und warum sie denkt, dass viele Schnelltests – ob beim Vereinstreffen am Wochenende oder vor Konzerten – ein Weg zurück zur Normalität sein könnten. Außerdem: Pichlbauer warnt vor einer "Hysterisierung" von Corona, und Czypionka erklärt, ob wir als Gesellschaft die richtigen Abwägungen im Kampf gegen die Pandemie treffen. (András Szigetvari, Video: Andreas Müller, 30.10.2020)