Der steile Anstieg der Infektionszahlen könnte auch an neuen Virus-Varianten liegen.

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Nicht viele Expertinnen und Experten haben noch vor wenigen Wochen damit gerechnet, dass die zweite Welle in Europa so schnell und heftig kommen würde: Dass die Zahl der offiziell bestätigten Neuinfektionen im Herbst wieder steigen würde, war allgemein erwartet worden. Erstens wird im Vergleich zum Frühjahr viel mehr getestet, und zweitens werden auch asymptomatische Fälle bei den Neuinfektionsfällen mitgezählt.

Doch dass die Kurve der neuen Infektionsfälle, aber auch der Hospitalisierungen und der sehr schweren Verläufe schon in kürzester Zeit exponentiell, zum Teil sogar kurz "überexponentiell" (so der Statistiker Erich Neuwirth) nach oben kletterte, kam für die meisten überraschend – auch im Vergleich zur ersten Welle.

Sind diese Anstiege, die nun in vielen Ländern Lockdowns oder Lockdown-ähnliche Maßnahmen nötig machen, bloß auf Personen zurückzuführen, die sich nicht an die empfohlenen Maßnahmen hielten? Oder gibt es womöglich noch ganz andere Faktoren, die mit dem Virus selbst zu tun haben?

Hohe Infektionsdynamik

"Offensichtlich ist, dass die Dynamik des Infektionsgeschehens von Covid-19 sehr hoch ist", sagt Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) in Wien. "Diese Dynamik hängt von vielen Faktoren ab, die von der Wissenschaft zum Teil immer noch nicht verstanden sind." Eine mögliche Erklärung, die in der Wissenschaft seit mehreren Monaten nach wie vor diskutiert wird, sind Mutationen des Sars-CoV-2-Virus, die dieses womöglich infektiöser gemacht haben, als es noch zu Beginn des Frühjahrs war.

Faktum ist seit einer im August publizierten Studie, dass sich eine Variante namens G614 in relativ kurzer Zeit weltweit verbreitet hat und die ursprüngliche Variante D614 ablöste, was vermutlich mit höherer Infektiosität in Zusammenhang steht, wie auch Bergthaler bestätigt, der für die Sequenzierung von Sars-CoV-2-Viren in Österreich mitverantwortlich ist. Diese Variante habe sich auch hierzulande durchgesetzt.

Noch eine neue Virusvariante

Schweizer Forscher berichten nun in einem neuen Pre-Print, der noch nicht fachbegutachtet wurde, über eine neue Variante namens 20A.EU1, die in Europa momentan zu einer der am weitesten verbreiteten Varianten des neuen Coronavirus zählt. Wie die Wissenschafter am Donnerstag mitteilten, trat die neue Version erstmals im Sommer in Spanien auf und eroberte von hier aus viele Länder. In Österreich, wo bisher 747 Sars-CoV-2-Viren sequenziert worden sind, ist diese Variante allerdings noch nicht aufgetaucht, so Bergthaler, was aber auch an der zuletzt geringeren Zahl an Sequenzierungen liegen könnte.

Die Forscher um die Epidemiologin Emma Hodcroft (Uni Basel) haben freilich keinen konkreten Hinweis darauf, dass sich die Übertragung durch die neue Variante erhöhe. Außerdem komme die Variante in einigen Ländern Europas noch nicht vor, wo es ebenfalls starke Anstiege gab.

Unterschätzte Aerosole

Ein weiterer Faktor, der zuletzt von der Wissenschaft verstärkt thematisiert wurde (so auch kürzlich vom Epidemiologen Julian Tang im "Guardian"), ist die Frage der Übertragung durch Aerosole. War zu Beginn der Fokus auf Schmierinfektionen (deshalb auch das Händewaschen!), so scheint nun immer klarer, dass die Übertragung nicht nur durch Tröpfchen (deshalb der physische Abstand von mindestens einem Meter und die Maske!), sondern auch durch Partikel in der Luft und insbesondere in Innenräumen passiert, in denen wir uns in der kühleren Jahreszeit vor allem aufhalten.

Eine neue und ebenfalls noch nicht peer-reviewte Studie geht deshalb sogar davon aus, dass es zu Superspreading-Events ohne richtige Superspreader gekommen sein könnte. (Klaus Taschwer, 30.10.2020)

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