Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden buhlen um die Stimmen in Pennsylvania, Michigan, Iowa, North Carolina, Georgia und Florida.

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Das Reiseprogramm sagt schon alles. Schaut man sich an, wo Donald Trump und Joe Biden die letzten Wahlkampfauftritte planen, bekommt man eine Ahnung davon, wo die US-Präsidentenwahl voraussichtlich entschieden wird. Zumindest bekommt man eine Ahnung davon, welche Staaten die beiden Protagonisten für diejenigen halten, die das Votum entscheiden.

Nachdem der Amtsinhaber bereits am Samstag auf vier Regionalflughäfen in Pennsylvania vor jeweils mehreren tausend Anhängern geredet hatte, nachdem er am Sonntag nach Michigan, Iowa, North Carolina, Georgia und Florida geflogen war, kehrt er am Montag zurück in den "Keystone State". Dann steht Scranton auf dem Programm, die Industriestadt, in der Biden geboren wurde und neun Kindheitsjahre verbrachte, bevor seine Familie in den Küstenstaat Delaware zog. Auch der Herausforderer hat einen letzten großen Kraftakt in Pennsylvania angekündigt. "Alle vier Ecken" des Staates, ließ er wissen, zunächst ohne logistische Einzelheiten zu nennen, wolle er am Tag vor der Wahl besuchen.

"Dazwischen Alabama"

Es spricht Bände über die Bedeutung eines Bundesstaats, dessen politische Landschaft Wahlforscher so skizzieren: an den Rändern zwei urbane Zentren, zwei liberale Metropolen, im Osten Philadelphia, im Westen Pittsburgh – "und dazwischen Alabama". Mit der Anspielung auf den Südstaat ist gemeint, dass das Pennsylvania der Kleinstädte, das Pennsylvania des ländlichen Raums ausgesprochen konservativ ist. Ob Trump dort Wähler mobilisiert, die 2016 noch zu Hause geblieben waren, kann maßgeblich beeinflussen, wer in dem hart umkämpften Swing-State die Nase vorn hat. Gleiches gilt für das Großstadtduo Philadelphia/Pittsburgh: Schafft es Biden, nicht nur seine Anhänger, sondern auch lauwarme Sympathisanten von der Dringlichkeit des Wählens zu überzeugen, kann er in Pennsylvania siegen und damit eine der höchsten Hürden auf dem Weg ins Weiße Haus nehmen.

Dass sich im Finale so vieles um Pennsylvania dreht, hat zwei wesentliche Gründe. Zum einen haben dort deutlich weniger Wähler von der Möglichkeit der vorzeitigen Stimmabgabe Gebrauch gemacht als in anderen Staaten. Während in Texas bereits mehr Bürger beim "early voting" abstimmten, als 2016 insgesamt an der Wahl teilnahmen, ist zwischen Philadelphia und Pittsburgh, salopp formuliert, noch viel zu holen, da viele erst am 3. November ein Wahllokal aufsuchen werden. Zum anderen prophezeien Demoskopen ein knapperes Rennen als in Michigan und Wisconsin, den beiden anderen lange von den Demokraten beherrschten Rust-Belt-Staaten, die Trump vor vier Jahren überraschend gewann. Nach einem von der Plattform "Five Thirty Eight" ermittelten Durchschnittswert aller verfügbaren Umfragen kommt Biden in Pennsylvania auf 50, Trump auf 45 Prozent. Angesichts der Erfahrungen von 2016 warnen kühle Köpfe davor, aus den fünf Punkten Vorsprung klare Vorteile für Biden abzuleiten. Gerade Trumps Anhänger sagen nicht immer die Wahrheit, wenn sie von Experten nach ihren Präferenzen gefragt werden.

Zitterpartie

Folgt man "Five Thirty Eight", liegt der Herausforderer in Michigan und Wisconsin mit jeweils acht Prozentpunkten vor dem Amtsinhaber. In Nevada, dem wichtigsten "battleground state" im Westen, kommt Biden auf 49,4, Trump auf 44,5 Prozent. In North Carolina steht es 48,7 zu 46,8, in Georgia 48,3 zu 47,1, in Texas 47,2 zu 48,4. Der relativ geringe Abstand in Texas lässt die Demokraten einmal mehr davon träumen, dass sie den Republikanern mit dem "Lone Star State" eine von deren Hochburgen streitig machen können. Sollte Texas an Biden gehen, wäre er Präsident. Es wäre allerdings eine solche Sensation, dass nur die wenigsten im Ernst damit rechnen.

Ein Blick auf die Umfragewerte in Florida und Ohio zeigt, wie töricht es wäre, den ehemaligen Vizepräsidenten schon jetzt zum Sieger zu küren. Im "Sunshine State" führt er mit 2,3 Punkten, mit deutlich geringerem Abstand als noch vor Wochen, im "Buckeye State" liegt er mit 0,3 Punkten hinten. Der einzige Schluss, den man daraus ziehen kann, ist wohl der: Gerade in Florida dürfte es für beide eine Zitterpartie werden.

Trump Anhänger rammten Bidens Wahlkampfbus

Dass in Texas die Wogen hochgehen, zeigt ein Vorfall vom Wochenende: Auf einer Schnellstraße kam es rund um eine Kolonne von Wahlkampffahrzeugen Bidens zu einem gefährlichen Vorfall. Mehrere Fahrzeuge von Trump-Anhängern hätten versucht, einen Wahlkampfbus der Demokraten auszubremsen und von der Straße abzudrängen, erklärte Bidens Wahlkampfteam am Sonntag. Verletzt wurde niemand. Das FBI nahm die Ermittlungen auf.

Videoaufnahmen in Sozialen Medien zeigten, wie sich mehrere Geländewagen mit Trump-Fahnen auf der Schnellstraße zwischen San Antonio und Austin um den Bus formierten und ein Auto das Begleitfahrzeug hinter dem Bus seitlich rammte. Weder Biden noch seine Vize-Kandidatin Kamala Harris befanden sich in dem Fahrzeug. Einem Bericht der "Texas Tribune" zufolge war die Kandidatin für das US-Repräsentantenhaus und ehemalige Senatorin von Texas, Wendy Davis, in dem Auto.

Ein Video des Vorfalls teilte Trump am Samstag mit dem Kommentar "I love Texas!" auf Twitter. Daraufhin sagte die Biden-Kampagne mindestens zwei ihrer Veranstaltungen in Texas ab. Die Demokraten werfen dem Präsidenten vor, seine Anhänger zu Einschüchterungsversuchen zu ermutigen. Als Biden am Sonntag auf einer Wahlkampfveranstaltung in Philadelphia über den Vorfall sprach, bezeichnete er Trumps Billigung solcher Aktionen als abnormal und spaltend: "So etwas gab es noch nie. Zumindest hatten wir noch nie einen Präsidenten, der glaubt, dass so etwas eine gute Sache ist."

Trump will am Mittwoch seinen Sieg feiern

Und was seit Monaten an Warnungen in Bezug auf einen Präsidenten kursiert, der sich vorzeitig zum Wahlsieger ausrufen könnte, hat die in Washington bestens vernetzte Onlineplattform "Axios" mit Insiderinformationen belegt. Demnach will Trump, so soll er es Vertrauten erzählt haben, noch in der Nacht auf Mittwoch seine Wiederwahl feiern, auch wenn noch Millionen Briefwahlstimmen ausgezählt werden müssen. Es käme alles andere als überraschend, sollte er zu dem Zeitpunkt das bessere Ende für sich haben. Persönlich abgegebene Stimmen werden bevorzugt, die von Briefwählern erst nach und nach ausgezählt, was sich in einigen Schlüsselstaaten tagelang hinziehen kann. Weil Anhänger der Demokraten eher per Post abstimmen als Anhänger der Republikaner, dürfte das Anfangsvorteile für Trump bedeuten. Sollte sich das Ergebnis in den Tagen darauf zu seinen Ungunsten ändern, wenn die per Brief abgegebenen Stimmen voll ins Gewicht fallen, dann, berichtet "Axios", wolle er seinem Widersacher unterstellen, ihm den verdienten Sieg gestohlen zu haben. (Frank Herrmann aus Washington, red, 2.11.2020)