Abschiedsfeier: Genesene Covid-Patienten mit den Kubanern, die sie behandelt haben. Turin, 12. Juli.

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Eine Medizinbrigade vor der Abreise nach Kuwait. Havanna, 4. Juni.

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Nachdem im August 2005 Hurrikan Katrina New Orleans verwüstet hatte, bot Kuba den USA an, sofort 1.100 Ärztinnen und Ärzte zu entsenden.

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Am 12. Juli wurde in Turin gefeiert. Über 400 Festgäste, darunter viele genesene Covid-Patienten und deren Angehörige, nahmen an dem Abschiedsessen für die 38 kubanischen Ärzte und Krankenpfleger, die seit Ende März in der Hautstadt der norditalienischen Region Piemont im Einsatz gewesen waren, teil. Bilder von der Veranstaltung zeigen, wie Mediziner und Geheilte mit Mojito-Cocktails anstoßen.

La Repubblica

Auch in der Nachbarprovinz Lombardei lobte man den Einsatz der Gesundheitsbrigade aus der Karibik: "Es ist fast nicht möglich, unserer Freude, unserer Rührung, unserem Stolz, unserer Dankbarkeit und unserer großen Zuneigung für unsere kubanischen Retter Ausdruck zu verleihen", erklärte die Bürgermeisterin von Crema, Stefania Bonaldi, als sie erfuhr, dass die kubanischen Medizinbrigaden für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurden.

Zurück in Kuba wurde den Medizinern ein triumphaler Empfang bereitet. Auf dem Flughafen Havanna begrüßte sie Präsident Miguel Díaz-Canel per Videobotschaft, entlang des Weges in die Stadt wurden sie von Balkonen und Gehsteigen aus bejubelt, bevor sie sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben mussten.

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Medizinisches Personal ist einer der Hauptexporte Kubas. Die Gesundheitsbrigaden halfen in Indonesien und Pakistan nach Erdbeben aus, kämpften in Westafrika gegen die Ebola-Pandemie und auf Haiti gegen die von Uno-Soldaten eingeschleppte Cholera.

Vor dem Ausbruch der Pandemie waren 28.000 kubanische Ärzte im Auslandseinsatz, seither sind 4.000 dazugekommen, die in 39 Ländern tätig sind. Dazu kommen 30.000 Ausländer aus 123 Nationen, die an der Lateinamerikanischen Schule für Medizin in Havanna studiert haben. Laut offiziellen Angaben waren in den vergangenen 56 Jahren über 400.000 Mediziner in 164 Ländern tätig.

"Ihre Ausbildung ist exzellent, aber da den Kubanern nicht die neueste Technologie zur Verfügung steht, lernen sie an älteren Geräten. Das bedeutet aber auch, dass sie gut für den Einsatz in Regionen vorbereitet sind, wo westliche Technik nicht zur Verfügung steht", erklärt Stéphanie Panichelli-Batalla von der University of Warwick, die in Kuba studierte, die Insel seitdem mehrmals besucht hat und sich seit sieben Jahren mit dem Thema beschäftigt, im STANDARD-Gespräch.

Besonders begehrt seien Ziele wie Südafrika, weil dort im Vergleich zu Ländern wie Venezuela oder Kenia die Sicherheitslage relativ gut ist und die Lebensumstände besser als zu Hause sind. Viele Kubaner bewerben sich nach der Rückkehr von einer Auslandsmission gleich für die nächste. Manche Ärzte haben zehn Jahre im Ausland verbracht, um dort Geld zu verdienen.

70 Dollar Monatslohn

Während für arme Länder der Einsatz gratis ist oder lediglich Kost und Logis gestellt werden müssen, lassen sich die Kubaner für ihre Dienste in Staaten wie Kuwait, Katar oder Saudi-Arabien zu marktüblichen Preisen entlohnen. Die im Ausland eingesetzten Mediziner erhalten einen Bruchteil davon, der Großteil geht nach Havanna. In Kuba verdient ein Arzt 70 Dollar (59 Euro) im Monat.

Über fünf Milliarden Euro nimmt die Karibikinsel laut "Guardian" so im Jahr ein. Zum Vergleich: Der Export kubanischer Zigarren brachte 2018 insgesamt 233 Millionen Euro ein.

Menschenhandelsvorwürfe

Die USA werfen Kuba deswegen vor, Menschenhandel zu betreiben. Die Kubaner argumentieren, dass diese Einnahmen in ihr Gesundheitssystem und in die Ausbildung neuer Ärzte fließen. Die in Spanien ansässige NGO Cuban Prisoners Defenders hat 46 Ärzte gefunden, die bereit waren, mit den Exilkubanern zu sprechen, und medienöffentliche Aussagen 64 weiterer Mediziner zusammengetragen. Demzufolge wurde 41 Prozent der Befragten bei ihrer Ankunft im Gastland der Reisepass abgenommen, 91 Prozent gaben an, dort von kubanischen Sicherheitsbeamten überwacht worden zu sein.

Laut US-Angaben haben zwischen 2006 und 2016 über 7.000 kubanische Ärzte ihren Auslandseinsatz genutzt, um sich abzusetzen. Im Jahr darauf beendete Präsident Barack Obama das Aussteigerprogramm, das kubanischen Medizinern und ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung in den USA garantierte.

Viele Länder erkennen allerdings kubanische Studienabschlüsse nicht an, weshalb geflüchtete Ärzte dort oft nur als Pfleger arbeiten dürfen. "Ich habe keinen einzigen Arzt kennengelernt, der es geschafft hat, in den USA in seinem Beruf tätig zu sein, was auch an Sprachproblemen liegt", berichtet Panichelli-Batalla.

Republikaner wollen Sanktionen gegen Gastländer

Die republikanischen Senatoren Rick Scott, Ted Cruz and Marco Rubio haben im Juni den "Cut Profits to the Cuban Regime Act" eingebracht, der es Drittländern erschweren soll, die Dienste kubanischer Mediziner in Anspruch zu nehmen. Staaten, die dagegen verstoßen, drohen Sanktionen wegen Menschenhandels. Die Organisation der ostkaribischen Staaten, in denen 470 Kubaner in der Pandemiebekämpfung tätig sind, betonte darauf, wie wichtig diese für die Gesundheitssysteme der Länder seien.

Mark Weisbrot, der Co-Direktor des US-Instituts Center for Economic and Policy Research, forderte die USA auf, angesichts der Pandemie die Sanktionen gegen Kuba aufzuheben. "Die Strafmaßnahmen haben einen tödlichen Effekt: Wenn lebensrettende Medikamente und medizinische Ausrüstung knapp sind, führt dies zu mehr Todesopfern", erklärte er gegenüber CNN. (Bert Eder, Dominik Straub, 17.11.2020)