Tierische Opfer der Pandemie: Den dänischen Nerzen geht es nun wegen Sars-CoV-2 kollektiv an den Kragen.

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Entsorgung von Nerz-Kadavern in Jütland.

Foto: Reuters/Ritzau Scanpix/Mette Moerk

Es gibt nur relativ wenige Tierarten neben dem Menschen, die sich mit dem neuen Coronavirus anstecken können. Die meisten davon sind, wie etwa die Hauskatze, sogenannte "virale Sackgassen", wie der Virologe Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Uni Wien erklärt. "Sie können sich zwar infizieren, aber das Virus so gut wie gar nicht auf Menschen übertragen."

Eine Ausnahme sind marderartige Tiere wie etwa das Frettchen oder der Nerz. Frettchen werden deshalb auch als Versuchstiere für Sars-CoV-2 genützt. Der deutsche Virologe Christian Drosten spekulierte zu Beginn der Pandemie sogar, dass die Übertragung des Virus auf den Menschen auf Tierfarmen in China passiert sein könnte. Konkrete Hinweise dafür gebe es aber bis heute nicht, sagt Nowotny.

Neue Mutationen

Wohl aber gab es in den vergangenen Monaten dokumentierte Fälle von Übertragungen von Nerz auf Mensch auf Nerzfarmen in den Niederlanden und in den USA. Inzwischen wurden auch Ansteckungen aus Dänemark gemeldet, dem größten Nerzfellproduzenten, wo in nicht weniger als 1.139 Zuchtfarmen etwa 15 bis 17 Millionen Nerze gehalten werden.

Das Zusammenleben vieler Tiere auf engem Raum begünstigt die Übertragung, und mit der Zahl der Übertragungen wächst für das Virus auch die Chance zu mutieren. Wie das staatliche Gesundheitsinstitut SSI berichtet, wurden bereits fünf Gruppen oder Cluster von Nerz-Varianten des Virus festgestellt. Innerhalb dieser Cluster konnten sieben verschiedene Mutationen am sogenannten Spike-Protein festgestellt werden, mit dem das Virus an den Zellen seiner Opfer andockt.

Massentötung von Zuchtnerzen

Unter diesen Clustern gilt der mit der Nummer 5 als besonders bedenklich: Diese Variante von Sars-CoV-2 weist vier verschiedene Mutationen des Spike-Proteins auf. Das kann bedeuten, dass sie eine stärkere Resistenz gegen natürliche Antikörper von Menschen, die bereits eine Infektion hatten, aber auch gegen künftige Impfstoffe entwickelt hat. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen verständigte deshalb bereits die WHO.

Außerdem kündigte Frederiksen an, dass alle dänischen Nerze auch mithilfe des Militärs getötet werden sollen. Damit entspricht sie auch einer Forderung von Wissenschaftern, die vergangene Woche im Fachblatt "Science" ein Verbot der aus verschiedenen Gründen alles andere als nachhaltigen Zucht von Nerzen verlangten. Die sogenannten Keulungen haben in Dänemark bereits begonnen, die Nerzzüchter sollen entschädigt werden.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Insgesamt haben sich laut SSI bereits mindestens 214 Menschen (aus einem Sample von über 5.000 Proben) mit Nerz-Varianten des Coronavirus infiziert. 200 davon stammen aus der Region Nordjütland, wo aber nur ein Sample von lediglich 535 Proben vorlag. Das entspricht einer regionalen Quote von 40 Prozent. Sie verteilt sich hauptsächlich auf Mitarbeiter betroffener Nerzfarmen, aber auch bereits auf andere Bewohner der Region.

Viren aus dem brisanten Cluster 5 hat man bislang bei zwölf Menschen feststellen können, elf davon ebenfalls aus Nordjütland. Die Proben stammen aus dem Zeitraum August bis September, als die Epidemie unter den Nerzbeständen ihren Lauf nahm.

Primär handelt es sich laut SSI (noch) um ein regionales Problem. In sieben Bezirken Nordjütlands sind die Menschen nun aufgefordert, in ihren Kommunen zu bleiben. Der öffentliche Nahverkehr wird ab Montag eingestellt. Restaurants, Schwimmbäder und Fitnessstudios müssen schließen. Betroffen von den Beschränkungen sind die Kommunen Hjørring, Frederikshavn, Brønderslev, Jammerbugt, Thisted, Vesthimmerland und Læsø.

WHO sieht noch keinen Grund zur Beunruhigung

Die WHO hat indessen in einer ersten Reaktion Gelassenheit gezeigt – nicht zuletzt mit Verweis darauf, dass die Nerz-Varianten bei weitem nicht die einzigen neuen seit Beginn der Pandemie sind. Es gebe derzeit noch keine Hinweise auf erhöhte Risiken durch die Variante aus Nordjütland.

"Es ist zu früh dafür, voreilige Schlüsse zu ziehen, welche Folgen diese neue Mutation für die Übertragung, Schwere der Erkrankung, klinische Symptome, Immunantwort oder mögliche Impfstoff-Wirkung hat", sagte WHO-Chef-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan. Ein Stab von Wissenschaftern werte die Veränderungen des Erregers seit Beginn der Pandemie ständig aus.

Eine erste Risikobewertung der WHO zur Situation in Dänemark sei in Arbeit, im Laufe des Freitags wolle man mit den Mitgliedsstaaten kommunizieren, sagte WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan. "Die Belege, die wir haben, weisen nicht darauf hin, dass diese Variante sich in irgendeiner Form anders verhält", so Ryan. Er betonte aber auch, es sei wichtig, der Übertragung durch Sicherheitsmaßnahmen in Tierbetrieben vorzubeugen. (Klaus Taschwer, Jürgen Doppler, 6.11.2020)