Tote Bäume sind ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems.
Foto: REUTERS/Lucy Nicholson

Behandeln wir Wälder und Wiesen nicht wie Gärten, die in künstlicher "Ordnung" gehalten werden müssen, sondern lassen wir natürlichen Prozessen ihren Lauf: Es ist nicht das erste Mal, dass eine Studie zu diesem Fazit kommt. Zu Beginn des Jahres etwa plädierten deutsche Forscher dafür, die Kadaver großer Tiere nicht aus dem Weg zu schaffen, nur weil uns ihr Anblick stört. Für viele Spezies, Tiere wie Pflanzen, sind sie eine Ressource. Sie nützen daher der Artenvielfalt.

Und ganz ähnlich sieht es mit dem "Leichen" großer Pflanzen aus, wie nun ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Nature Communications" berichtet. Werden tote Bäume nach Stürmen, Bränden oder einem Borkenkäferbefall nicht weggeräumt, sprießt und gedeiht eine große Vielfalt an Pflanzen und Insekten. Zum einen, weil diese im Totholz eine Nahrungsquelle finden, zum anderen aber auch, weil Bodenverletzungen, wie sie bei Aufräumarbeiten entstehen, vermieden werden.

Klarer Zusammenhang

Das Team mit Beteiligung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) schaute sich weltweit Wälder nach natürlichen Störungen an. Die Forscher überprüften, wie es sich auf die Artenvielfalt auswirkt, wenn der Mensch nach natürlichen Störungen aufräumt – eine gängige Praxis in vielen forstwirtschaftlichen Betrieben.

Das Ergebnis in Zahlen: Lässt man nur die Hälfte eines von einer solchen Störung betroffenen Waldgebietes unangetastet, geht etwa ein Viertel der Arten verloren. Wenn man in drei Viertel des Gebiets auf Aufräumarbeiten verzichtet, ist es nur mehr ein Zehntel. Das vermeintliche Katastrophengebiet würde also 90 Prozent der dort heimischen Spezies bewahren.

Die Studie bestätigt damit die Richtigkeit eines Umdenkprozesses, der in manchen Ländern bereits eingesetzt hat: "In der Schweiz hat seit den beiden Großstürmen Vivian und Lothar und dem Waldbrand in Leuk im Jahr 2003 ein Umdenken stattgefunden", sagt der WSL-Insektenforscher Beat Wermelinger. Es werde vermehrt entschieden, das Holz liegen zu lassen und eine natürliche Waldentwicklung zuzulassen. (red, APA, 6. 11. 2020)