Der umstrittene Altersforscher Aubrey de Grey will das Altern abschaffen.

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Der Traum vom ewigen Leben ist für Aubrey de Grey ganz nah. Seit 20 Jahren verschreibt sich der Informatiker und Biologe ganz der Langlebigkeitsforschung – und der Aufgabe, die Kunde in die Welt zu tragen. In der wissenschaftlichen Community stößt er mit seinen zugespitzten Aussagen nicht immer auf Anklang. Im Interview erklärt er, warum wir der Langlebigkeit seiner Ansicht nach schon so nahe sind.

STANDARD: Herr de Grey, Sie wollen Altern heilen. Ist Alter wirklich eine Krankheit?

De Grey: Ich glaube, dass man diese Frage überhaupt zur Debatte stellen kann, hat damit zu tun, dass wir eine ziemliche falsche Definition von Alter haben. Für mich ist Altern einfach die Gesamtheit von Dingen, die in unserem Körper schieflaufen, wenn wir älter werden. Und niemand will krank sein. Man könnte genauso gut fragen: Was ist so schlimm an Alzheimer oder an Atherosklerose?

STANDARD: Aber man kann auch ohne schwere Leiden 90 Jahre alt werden, irgendwann friedlich einschlafen – und man hatte ein schönes Leben.

De Grey: Wenn Sie 90 Jahre alt sind und keinen Krebs, kein Alzheimer und keine anderen schweren Krankheiten haben, sind Sie aber trotzdem nicht mehr wirklich gesund. Sie können nicht mit Ihrer Enkelin auf der Tanzfläche mithalten. Man kann sagen: Man ist für sein Alter in guter Verfassung, aber das ist unbedeutend, denn wirklich gesund ist man nicht. Und außerdem würden Sie dann erst recht morgen früh noch aufwachen wollen.

STANDARD: Trotzdem sehen die meisten Menschen Altern und Sterben als etwas Natürliches, Gegebenes an. Müssen wir Altern neu definieren?

De Grey: Das würde sicher helfen. Das Problem ist, dass wir den Begriff überhaupt nie definiert haben. Dabei wissen wir eigentlich schon, was es ist: Altern ist, wenn der Körper nicht mehr richtig funktioniert. Aber niemand sagt es. Und was ist so schlimm daran, etwas zu heilen, das natürlich ist? Vor 200 Jahren war es ganz natürlich, dass man an Tuberkulose stirbt.

Wird jemand von ihnen 1.000 Jahre alt?
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STANDARD: Damals gab es wohl mehr Einigkeit darüber, dass man Tuberkulose heilen muss, als heute beim Altern.

De Grey: Aber man ist sich einig, dass wir Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer heilen müssen. Was ist der Unterschied zwischen Altern an sich und diesen Krankheiten? Es gibt keinen! Der Unterschied ist nicht biologisch, sondern rein sprachlich. Wir haben einigen Aspekten des Alterns Namen gegeben, anderen nicht. Die Teile, die wir Krankheiten nennen, nehmen wir als schlecht wahr. Ist jemand "nur" alt, ist das hingegen ein Segen. Wir müssen diese Sichtweise hinter uns lassen.

STANDARD: Der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt wird, ist schon geboren, sagen Sie. Die Lebenserwartung steigt zwar, liegt aber momentan global bei 72 Jahren. Der älteste Mensch ist etwas mehr als 120 Jahre alt geworden. Sind wir wirklich schon so nahe?

De Grey: Ich sage, dass er "wahrscheinlich" schon geboren ist, sicher kann man sich natürlich nie sein. Ich glaube aber, dass viele Menschen, die heute leben, nicht erkranken werden, nur weil ihr Geburtsdatum lange zurückliegt. Wir werden die maximale Lebenserwartung extrem ausweiten.

STANDARD: Wie schaffen wir das?

De Grey: Ich glaube, dass Behandlungen, die Altersschäden reparieren, schon ziemlich nahe und in den nächsten 15 bis 20 Jahren einsatzbereit sind. Sie werden uns nicht 1000 werden lassen, aber ein 20 oder 30 Jahre längeres Leben ermöglichen. Wir kaufen uns Zeit. 30 Jahre später werden die Behandelten gealtert sein, weil wir bestimmte Schäden nicht aufhalten konnten. Dann wird es neue Medikamente geben, mit denen wir uns wieder verjüngen können. Und so weiter – wir werden dem Problem immer einen Schritt voraus sein.

STANDARD: Wie werden diese Medikamente funktionieren?

De Grey: Der menschliche Körper ist eine Maschine – wenn auch eine sehr komplizierte. Das heißt, er ist physikalischen Gesetzen unterworfen, wie ein Auto oder ein Flugzeug. Jede Maschine nutzt sich mit der Zeit ab. Im Körper sind das Veränderungen der molekularen und zellulären Struktur des Körpers. Das ist unvermeidlich, aber der Körper ist so gebaut, dass er diese Schäden nur bis zu einem bestimmten Punkt toleriert. Wenn wir über diesen Punkt hinauskommen, werden wir krank. Wir brauchen daher Wartung, wie bei einem Auto, bei dem Sie regelmäßig den Rost entfernen. Es gibt heute Autos, die 100 Jahre alt sind, obwohl sie nur für eine Lebensdauer von zehn oder 15 Jahren ausgelegt waren. Altersforschung gibt es seit mehr als 100 Jahren, es ist aber 40 Jahre her, seit wir neue Arten von Schäden entdeckt haben. Das bedeutet, dass wir schon alles wissen, was wir brauchen, um diese Schäden beheben zu können. Stammzellentherapie wird etwa schon ausprobiert.

STANDARD: Müssten wir also regelmäßig zum Service – wie ein Auto?

De Grey: Genau. Schon heute nehmen viele Menschen Medikamente, nicht weil sie krank sind, sondern um gesund zu bleiben. Cholesterin- oder Blutdrucksenker zum Beispiel.

STANDARD: Wie teuer wird das alles? Wird Sterben etwas für Arme?

De Grey: Die Therapie wird es definitiv für alle geben. Es könnte sein, dass es unmöglich wird, gewählt zu werden, wenn man nicht mit der Versprechung antritt, alle mit diesen Medikamenten zu versorgen. Ein viel robusteres Argument ist das wirtschaftliche. Im Moment wird viel Geld für die Versorgung von alten, kranken Menschen ausgegeben. Das müssten wir in Zukunft nicht mehr, weil Vorbeugen günstiger ist als Heilen. Die indirekten Einsparungen sind sogar noch höher. Kinder alter Menschen wären produktiver, weil sie sich nicht mehr um ihre kranken Eltern kümmern müssten. Selbst alte Menschen wären in der Lage, weiterhin zum Wohlstand der Gesellschaft beizutragen, anstatt nur Wohlstand zu konsumieren. Für Nationen wird es wirtschaftlicher Selbstmord, wenn sie nicht dafür sorgen, dass alle die Verjüngungskur bekommen.

STANDARD: Manche sagen, dass wir schon jetzt zu viele Menschen auf dem Planeten sind. Wenn keiner mehr sterben würde, würden Probleme wie Klimawandel oder Hunger zunehmen.

De Grey: Die Lösung besteht nicht darin, weniger Menschen zu haben, sondern sauberere, umweltfreundliche Menschen. Wir haben kein Problem mit Überbevölkerung, wir verbrauchen einfach zu viele Ressourcen. Diese Probleme werden gerade gelöst – und zwar schneller, als wir das Altersproblem lösen. Erneuerbare Energien ersetzen fossile Brennstoffe zunehmend von selbst, weil sie günstiger werden. Künstliches Fleisch wird besser und billiger sein als Fleisch von Tieren. Die Anzahl der Menschen, die unsere Erde aushält, steigt schneller als die Bevölkerung selbst – selbst wenn wir den Tod morgen beenden würden. (Philip Pramer, 9.11.2020)