Joe Biden und Kamala Harris feierten Samstagnacht ihren Sieg.

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BBC

Ein bisschen Warten war am Samstagabend dann doch noch dabei. Nicht zur US-Primetime sondern 30 Minuten später ging es los, doch dann war bei Joe Bidens erstem Auftritt als siegreicher Kandidat der Präsidentenwahl alles dabei, was man von solchen Anlässen kennt. Oder besser gesagt vor Donald Trump kannte: Denn Konfetti, amerikanische Pop-Klassiker und Appelle zur Kooperation über Parteigrenzen hinweg ersetzten aggressive Selbstbeweihräucherung und Angriffe auf den Gegner. Biden stellte seine Rede unter den Titel, den auch seine Kampagne schon getragen hatte: Den Kampf um die Seele der USA, und um Zusammenarbeit statt Polarisierung.

Zuerst aber war es der Moment seiner Kandidatin um die Vizepräsidentschaft, Kamala Harris. Im weißen Hosenanzug, einem symbolischen Verweis auf die Sufragettenbewegung und Trumps letzte Konkurrentin Hillary Clinton, sprach sie über die Symbolkraft ihres eigenen Aufstieges. "Generationen von Frauen, schwarzen Frauen, asiatischen, weißen, Latina-Frauen" hätten diesen erst möglich gemacht, indem sie für ihre eigenen Rechte und jene anderer Frauen gekämpft hätten. "Jedes kleine Mädchen, das heute Nacht zusieht, sieht, dass es ein Land voller Möglichkeiten ist", sagte sie. "Träumt mit Ambition, führt mit Überzeugung und seht euch selbst auf eine Art, die andere nicht sehen", fügt sie hinzu. "Wir werden euch auf jedem Schritt des Weges applaudieren."

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"Ein Präsident, der das beste in uns repräsentiert"

Als ihre Mutter, Shamala Harris, als 19-Jährige aus Indien in die USA gekommen sei, habe sie für ihre Tochter vielleicht nicht genau diesen Weg erwartet, "aber sie glaubte tief in ihrem Inneren, dass in Amerika ein solcher Moment möglich ist". Harris erinnerte auch an den heuer verstorbenen Bürgerrechtler und Abgeordenten John Lewis. Die Stimmen aus dessen Wahlbezirk Clayton bei Atlanta hatten Biden im Bundesstaat Georgia an Amtsinhaber Trump vorbeikatapultiert. Lewis habe immer gesagt, die Demokratie sei kein Zustand und keine einzelne Handlung. Man müsste sie ständig schützen und für sie arbeiten, "aber darin liegt auch viel Freude".

Zu Biden sagte sie, dass er den Mut gehabt habe, eine schwarze Frau als Vizepräsidentin auszuwählen, sage viel über diesen aus. "Wir haben einen Präsidenten gewählt, der das beste in uns repräsentiert". Biden respektiere das Militär und er werde den Menschen in den USA wieder Sicherheit geben. Die Amerikaner hätten sich mit ihrer Wahl für Joe Biden für Hoffnung, Einheit, Wissenschaft und Wahrheit entschieden, sagte Harris. Der gewählte Präsident sei ein "Heiler", jemand, der Amerika einen könne.

Ende der "dunklen Ära"

Biden selbst versprach in seiner Rede, dass "die dunkle Ära der Dämonisierung" in den USA ein Ende finden werde. Dass Demokraten und Republikaner in den USA nicht zusammenarbeiten würden, liege nicht in einer "mysteriösen Kraft außerhalb unserer Kontrolle" begründet, "es ist eine Wahl. Und wenn wir uns entscheiden können, nicht zusammenzuarbeiten, dann können wir uns auch dazu entschieden, das zu tun". Er rufe alle Politiker in den USA auf, das zu versuchen. Die Bürgerinnen und Bürger würden sich das auch wünschen.

An die Anhänger Donald Trumps gerichtet, sagte er, er verstehe deren Enttäuschung. "Ich habe selbst auch ein paar Wahlen verloren." Er bitte diese Menschen aber auch, ihm eine Chance zu geben. Er sei als Demokrat gewählt worden, aber er werde der Präsident des ganzen Landes sein und "genauso hart für alle arbeiten, die mich nicht gewählt haben". "Ich verspreche, ein Präsident zu sein, der danach strebt, nicht zu spalten, sondern zu einen", erklärte Biden weiter. Er sagte, die Amerikaner hätten ihm mit ihrem Votum "einen großen Sieg" beschert. Das sei die Ehre seines Lebens.

Wissenschaft gegen Corona

Den zweiten großen Block seiner Rede widmete Biden dem Kampf gegen die Corona-Pandemie. Er werde bereits am Montag einen Expertenrat vorstellen, der sich der Eindämmung der Seuche widmen werde. Dieser sei auf den Grundlangen der Wissenschaft, der Empathie und des wirtschaftlichen Wiederaufbaus stehen.

"Ich werde keine Mühe und keine Verpflichtung scheuen, um diese Aufgabe zu erfüllen", so Biden. Er drückte den Hinterbliebenen der Corona-Opfer in den USA sein Mitgefühl aus und erinnerte an seinen an Krebs verstorbenen Sohn Beau. Biden zitierte zum Abschluss einer Rede auch ein katholisches Kirchenlied, das den Glauben "der mich und meine Familie nährt" zum Ausdruck bringe.

Sieg erst am Vormittag

Biden war erst am Samstagvormittag nach einer tagelangen Zitterpartie von den Hochrechnern der großen US-TV-Sender der Sieg in der Präsidentenwahl zugesprochen worden. Zuvor war nicht ausreichend sicher gewesen, ob er den Bundesstaat Pennsylvania und dessen 20 Wahlleute gewinnen würde. Später war Biden auch Nevada und dessen sechs Wahlleute zugesprochen worden. Offen sind noch die Bundesstaaten Georgia und Arizona, in denen Biden führt, und North Carolina und Alaska, in denen Amtsinhaber Trump vorne liegt. Entscheidend sind deren Ergebnisse aber nicht mehr.

Nachdem US-Medien Joe Biden zum 46. Präsidenten gekürt hatten, gingen in zahlreichen großen US-Städten zehntausende Menschen auf die Straße, um dessen Sieg zu feiern. Zu Ausschreitungen oder Gewalt mit Anhängern Präsident Trumps kam es vorerst nicht. Zahlreiche Hochhäuser in New York ließen nach der Verkündung des Wahlergebnisses ihre Spitzen in den Farben der amerikanischen Flagge leuchten.

Glückwünsche aus aller Welt

Auch zahlreiche Staats- und Regierungschefs rund um die Welt gratulierten. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz sprach seine Glückwünsche aus. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gratulierte Biden und Harris, und dankte sogleich seinem engen Verbündeten, Amtsinhaber Trump, für die Freundschaft, die er Israel und ihm persönlich gezeigt habe.

Der Iran hofft nach dem Wahlsieg Bidens auf einen Kurswechsel: "Die Ära von Donald Trump und seinem abenteuerlustigen und kriegstreiberischen Team sind endgültig vorbei ... wir hoffen, dass die USA nun ihre destruktive Politik ändern werden," sagte Vizepräsident Eshaq Jahangiri. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hofft nach dem Sieg Bidens darauf, die Beziehungen zwischen Nordamerika und Europa weiter verbessern zu können. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel verkündete ihre Glückwünsche an die Gewinner, Wirtschaftsminister Peter Altmaier warnte jedoch sogleich vor übertriebenen Erwartungen an Biden. Die von Trump verhängten Strafzölle auf Aluminium und Stahl seien mit der Wahl "nicht vom Tisch".

Mexikos Präsident Andres Manuel Lopez Obrador hat sich hingegen gänzlich zurückhaltend zum Erfolg von Biden geäußert. Er könne einem Wahlsieger erst dann gratulieren, wenn alle rechtlichen Verfahren im Zusammenhang mit der Abstimmung abgeschlossen seien, sagt Lopez Obrador. Ein solches Vorgehen sei "politisch klug".

Trump beanspruchte erneut Wahlsieg

Wahlverlierer Trump wollten den Sieg Bidens in der Nacht auf Sonntag weiterhin nicht anerkennen. Er schrieb auf Twitter, er habe das Votum mit "71 Millionen legalen Stimmen" gewonnen. Biden hat nach bisheriger Zählung, an deren Rechtmäßigkeit es keine belegten Zweifel gibt, 74 Millionen Stimmen erhalten. Trump behält sich rechtliche Schritte gegen das Ergebnis vor, sagt bisher aber nicht klar, worin diese bestehen könnten. Er müsste Bidens Sieg voraussichtlich in mehreren Staaten erfolgreich beeinspruchen. (Manuel Escher, red, 8.11.2020)