Die Zitterpartie ist vorbei, die US-Wahl geschlagen. Für Investoren ist die Unsicherheit damit aus dem Markt. Viele Politiker hoffen nun auf eine verbesserte Zusammenarbeit mit den USA.

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Dass die US-Wahl endlich entschieden ist, wird Ruhe in die zuletzt stark schwankenden Märkte bringen. US-Investoren und -Finanzmanager haben sich am Samstag bereits erleichtert über den Ausgang der Präsidentschaftswahl und die Abwahl von Präsident Donald Trump geäußert. "Der Demokrat Joe Biden ist eine gute Nachricht für die Märkte", sagte Christopher Stanton, Chef-Investor bei Sunrise Capital Partners, zum Wahlsieg von Joe Biden. "Wir sind alle so müde davon, von den Trump-Tweets hin- und hergeschleudert zu werden", fügte er hinzu.

"Märkte mögen den Wahlausgang, denn Biden ist nicht zu weit links", sagte Jim Awad, Direktor bei Clearstead Advisors. "Es wird eine gemäßigte Regierung geben, nicht eine Tweet-Regierung."

"Zeit der Einheit"

Der Chef der größten US-Bank JPMorgan, Jamie Dimon, rief zur Ruhe auf. "Jetzt ist die Zeit für Einheit", schrieb er in einer Mitteilung. "Wir müssen das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl anerkennen wie wir es mit jeder Wahl gemacht haben", fügte er in Anspielung auf die Weigerung von Trump hinzu, seine Niederlage einzugestehen. "Ich bin begeistert, erleichtert und sehr hoffnungsvoll für die Zukunft dieses Landes", teilte Robert Wolf, Chef von 32 Advisors, Spender der Demokraten und Ex-Manager bei UBS mit.

Während seiner Kampagne hatte Biden eine Reihe von Vorschlägen gemacht, die an den US-Finanzmärkten Sorgen vor Steuererhöhungen und mehr Regulierung ausgelöst hatten. Mit Spannung wird nun erwartet, wie sein Kabinett aussehen wird. Einige der Minister werden einen großen Einfluss auf die erwarteten Verhandlungen mit dem Kongress über ein neues Corona-Hilfspaket haben. Unklar bleiben zunächst die Mehrheitsverhältnisse im Kongress. Nach vorliegenden Ergebnissen werden die Demokraten vermutlich nicht die Mehrheit im Senat übernehmen, was sie zu Kompromissen mit den Republikaner zwingen würde. Dies sorgte bereits in der vergangenen Woche für Erleichterung an den Märkten.

Darauf achten Investoren jetzt

DER SENAT

Im Jänner finden in Georgia Stichwahlen für beide Sitze des Bundesstaates in der Kongresskammer statt. Die Abstimmungen werden darüber entscheiden, ob die Republikaner des scheidenden Präsidenten Donald Trump ihre Mehrheit im Senat verlieren. Davon hängt ab, ob die Regierung Biden etwa größere neue Konjunkturhilfen in der Coronakrise, umfassende Vorschriften und Regulierungen oder Steuererhöhungen durchsetzen kann.

TECHNOLOGIE-AKTIEN

Auch hier ist der Senat wichtig: Behalten die Republikaner ihre Mehrheit, dürfte die Furcht amerikanischer Investoren vor einer Erhöhung der Kapitalertragssteuer schwinden. Aktien von Solarenergie-Unternehmen und Cannabis-Produzenten könnten von Bidens Wahl profitieren.

DIE FED

Parallel zu den Verhandlungen über ein neues Corona-Hilfspaket im Kongress wird verfolgt, was die US-Notenbank noch zur Unterstützung der amerikanischen Wirtschaft unternehmen will. Dies dürfte auch Folgen für US-Staatsanleihen haben.

BIDENS KABINETT

Mit Spannung wird darauf gewartet, wer die Schlüsselposten in der neuen Regierung übernehmen wird – gemäßigte, eher wirtschaftsfreundliche Demokraten oder Vertreter des progressiven Flügels. Letztere dürften auf Finanz- und Öl-Titel lasten, jedoch alternativen Energiewerten Auftrieb geben.

TRUMPS REAKTION

Einige Investoren zeigen sich besorgt darüber, was der republikanische Amtsinhaber Trump noch als "lahme Ente" bis zur Amtsübergabe im Jänner alles unternehmen könnte. Dies könnte zu Verwerfungen am Aktienmarkt führen, warnen sie.

OPEC

Der Sieg von Biden könnte nach Angaben aus OPEC-Kreisen erhebliche Folgen für die Organisation Erdöl-exportierender Staaten sowie ihrer Vereinbarung mit Russland (OPEC+) haben. Der Demokrat dürfte die vom jetzigen Amtsinhaber Donald Trump im Alleingang eingeführten Sanktionen gegen den Iran in Frage stellen. Dies sagte ein OPEC-Vertreter vor der Ausrufung von Bidens Sieg durch die US-Medien am Samstagabend. "Dann kehrt der Iran an den Markt zurück, damit gibt es wieder ein Überangebot und das gegenwärtige Abkommen wäre in Gefahr." Biden hatte im Wahlkampf angekündigt, die USA könnten zum internationalen Atomabkommen zurückkehren, falls der Iran seine Verpflichtungen wieder einhalte. Trump war im Jahr 2018 aus dem Abkommen ausgetreten.

WIRTSCHAFT

Trump brachte mit Steuersenkungen, Deficit Spending und Handelskriegen eine boomende Wirtschaft zustande, doch kam diese nicht bei allen US-Amerikanern an. Die Coronakrise machte dieses Wirtschaftswunder zunichte. Biden tritt mit dem Versprechen an, Bürger mit besonders hohen Einkommen und Unternehmen zur Kasse zu bitten. "Wer weniger als 400.000 Dollar (rund 342.000 Euro) pro Jahr verdient, bezahlt keinen Cent mehr", verspricht Biden. Die von Trump gesenkte Unternehmensteuer soll hingegen von 21 auf 28 Prozent angehoben werden.

GESUNDHEITSWESEN

Mit dem Abschied Trumps dürften auch die jahrelangen erfolglosen Bemühungen der Republikaner Geschichte sein, die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama aufzuheben. Sie brachte rund 20 Millionen Amerikanern eine Krankenversicherung, führte für die anderen aber zum Teil zu massiven Prämienerhöhungen. Biden will "Obamacare" ausweiten, vor allem für Geringverdiener und spricht diesbezüglich bereits von "Bidencare".

Viele neue Hoffnungen

Bereits am Samstag haben viele internationale Politiker Biden zum Sieg gratuliert. Darunter auch die Vertreter der heimischen Bundesregierung. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) schrieb, dass er ich freue auf eine enge Zusammenarbeit in der Zukunft. "Europa und die USA verbindet ein Wertesystem, für das wir gemeinsam einstehen", so Kanzler Kurz. Bundespräsident Alexander Van der Bellen erinnerte, dass die Welt "große Aufgaben nur gemeinsam lösen" könne.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) wünscht sich von dem neuen US-Präsidenten Joe Biden einen allgemeinen Wirtschaftsaufschwung und einen starken Fokus auf die Beziehungen zwischen Europa und den USA. "Auch in Österreich haben wir großes Interesse an einer guten Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten Staaten, immerhin sind rund 700 österreichische Tochterfirmen, und davon rund 200 Produktionsstätten, in den USA angesiedelt", sagte Schramböck.

Impulse für die Weltwirtschaft

Auch die Industriellenvereinigung (IV) erhofft sich laut Präsident Georg Knill "Impulse für die Weltwirtschaft durch ein neues US-Konjunkturprogramm". Wichtig wäre dazu eine vertiefe Partnerschaft zwischen Europa und den USA. "Daher plädiert die Industrie nach wie vor für ein modernes, gut gemachtes transatlantisches Abkommen, das Handelshemmnisse abbaut. Dieses könne ein starker Motor für nachhaltiges Wachstum und den Aufbau von Arbeitsplätzen in Europa und Österreich sowie den USA sein."

Warnungen

Vier Jahre trieb Trump die Europäer vor sich her: Er drohte unter anderem mit einem Handelskrieg gegen deutsche Autohersteller und kündigte reihenweise internationale Abkommen. Kein Wunder also, dass die Hoffnungen auf einen transatlantischen Neustart unter Joe Biden groß sind. Doch die Gefahr besteht, dass die Europäer auch unter dem neuen US-Präsidenten vor allem Getriebene bleiben.

Obgleich Biden "Europa besser versteht als Trump", werde er "nicht von einem Tag auf den anderen die Herangehensweise Washingtons" ändern, warnt der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Im Wirtschaftsbereich habe schließlich auch er im Wahlkampf mit "Buy American"-Parolen gearbeitet. Biden werde zwar "die Drohung eines Handelskrieges vom Tisch nehmen", meint Sam Lowe vom Centre for European Reform. Die EU dürfe sich aber nicht der Illusion hingeben, "dass Biden ein verkappter Europäer ist". Wirtschaftlich werde es weiter große Meinungsverschiedenheiten geben, etwa bei der Besteuerung von Internet-Konzernen.

In der Handelspolitik gegenüber den Europäern verweist Lowe darauf, dass Bidens Spielraum durch einen "zunehmend protektionistischen Kongress" eingeschränkt sei. "Die größte Herausforderung" im transatlantischen Verhältnis werde aber die Haltung gegenüber China sein.

Was macht Trump?

Einige Investoren zeigen sich auch besorgt darüber, was Trump noch als "lahme Ente" bis zur Amtsübergabe im Jänner unternehmen könnte. Dies könnte zu Verwerfungen am Aktienmarkt führen, warnen sie. (Reuters, APA, bpf 8.11.2020)