Berat Albayrak, Finanzminister und Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğans, wirft das Handtuch.

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Istanbul – Am Sonntagabend hat überraschend Berat Albayrak, Finanzminister und Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, per Instagram seinen Rücktritt erklärt. Der 42 jährige Albayrak machte gesundheitliche Gründe für seinen Rücktritt geltend, tatsächlich dürfte aber der Grund in der sich ständig verschlechternden wirtschaftlichen Situation zu suchen sein.

Lira rutscht ab

Obwohl Albayrak fast wöchentlich irgendwelche imaginären Erfolgsmeldungen verkündet hatte, verlor die türkische Lira dramatisch an Wert, während die Inflationsrate ständig in die Höhe ging. Ausländische Investoren hatten längst jedes Vertrauen in Albayrak verloren.

Unmittelbar vor der Ankündigung von Albayrak, seinen Ministerposten nach fünf Jahren aufzugeben, hatte Präsident Erdoğan den Chef der türkischen Zentralbank, Murat Uysal, ohne Angabe von Gründen fristlos gefeuert und noch am Wochenende durch einen früheren Finanzminister, Naci Ağbal, ersetzt.

Der kündigte am Montagmorgen an, er werde alles daransetzen, den Kurs der türkischen Lira wieder zu stabilisieren. Allein der Rücktritt von Albayrak hatte bereits dazu geführt, dass die Lira wieder zwei Prozent auf den Dollar zulegen konnte. Am Freitag hatte die Lira einen neuen Tiefstand erreicht. Für einen Euro musste man zehn Lira bezahlen, vor wenigen Jahren waren es noch drei Lira. Am Montag erholte sich die Währung kräftig.

Wachsende Verzweiflung

Der Rücktritt von Berat Albayrak, so er denn von Präsident Erdoğan akzeptiert wird, ist ein unmissverständliches Zeichen für die wachsende Verzweiflung der türkischen Regierung, die offenbar nicht mehr weiß, wie sie das Land noch vor dem Bankrott retten soll. Nach Angaben der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs hat die türkische Zentralbank in den letzten zwei Jahren rund 100 Milliarden Dollar verbrannt bei dem vergeblichen Versuch, den Währungsverfall der Lira zu stoppen. Jetzt sind die Devisenreserven offenbar aufgebraucht.

Die türkische Lira ist schwer abgestürzt.
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Für einen großen Teil der türkischen Bevölkerung bedeutet das, immer weniger Geld zur Verfügung zu haben, weil die Preise permanent steigen, ohne dass die Löhne entsprechend nachziehen. Auch die Rentner verlieren ständig an Kaufkraft. Besonders dramatisch ist die Lage aber für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Arbeitslosigkeit für Schul- und Uni-Abgänger liegt bei 50 Prozent.

Selbst wer einen Job bekommt, muss sich mit einem Hungerlohn zufriedengeben. Selbst Uni-Absolventen mit einem Master von den besten Universitäten des Landes oder aus dem Ausland gehen monatlich mit umgerechnet 250 Euro nach Hause, wo sie notgedrungen bei ihren Eltern leben, weil sie sich keine Wohnung leisten können.

Aufschwung vorbei

Corona-bedingte Kündigungen sind derzeit noch verboten, aber lange wird sich das nicht mehr durchhalten lassen, weil viele Firmen auch wegen hoher Dollarschulden vor der Pleite stehen.

Der Aufstieg von Recep Tayyip Erdoğan war ganz wesentlich damit verbunden, dass es ihm gelang, viele Blockaden in Bürokratie und Staatsunternehmen zu überwinden und er so einen über zehn Jahre andauernden Aufschwung auslöste, der den Wohlstand im Land insgesamt enorm steigerte. Damit ist es schon länger vorbei, aber nach Jahren der Stagnation ist die türkische Wirtschaft jetzt im freien Fall.

Vermeintlicher Kronprinz

Der Rücktritt von Albayrak, so er denn Bestand hat, hat deshalb auch eine weitreichende politische Dimension. Albayrak war drei Jahre lang Energieminister und wurde von Erdoğan nach den letzten Präsidentschaftswahlen zum Finanzminister und neuen Wirtschaftszar der Regierung ernannt. Als Schwiegersohn des Präsidenten stieg er so zum Kronprinzen auf, der Erdoğan einmal beerben sollte.

Erdoğan stützte sich nach dem Putschversuch 2016 mehr und mehr auf einen kleinen Kreis ihm absolut loyal ergebener Anhänger, zu dem auch seine Söhne, Töchter und eben vor allem Schwiegersohn Berat Albayrak gehören. Der Abgang von Albayrak wäre deshalb ein schwerer Verlust, der die gesamte Machtarchitektur innerhalb der regierenden AKP ins Wanken bringen könnte.

Verhasster Günstling

Albayrak war in weiten Teilen der AKP als Günstling Erdoğans verhasst. Für viele war er Ausdruck des Nepotismus des Regimes. Frühere Mitstreiter Erdoğans wie Ali Babacan, der zehn Jahre lang die Wirtschaft der Türkei erfolgreich gesteuert hatte, haben die AKP verlassen und eine eigene Partei gegründet. Er gehört jetzt, genauso wie der frühere Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu, zur Opposition. Mit dem Abgang Albayraks wird die Wirtschaftskrise mehr und mehr auch zu einer politischen Krise der Regierung Erdoğan. (Jürgen Gottschlich, 9.11.2020)