Damals war die Welt der Muslimbruderschaft noch in Ordnung: 2012 jubeln Anhänger auf dem Tahrir-Platz "ihrem" Präsidenten Mohammed Morsi zu.

Foto: Reuters / Mohamed Abdel Ghany

Bereits bei der Präsentation der neuen Dokumentationsstelle Politischer Islam durch Integrationsministerin Susanne Raab im Sommer war klar ersichtlich, dass die österreichische Regierung eine Gruppe unter den Muslimen hierzulande als besonders problematisch identifiziert: die Muslimbrüder, die Anhänger – oder überhaupt den Dunstkreis – der ursprünglich aus Ägypten stammenden Muslimbruderschaft.

Unter anderen wurde Raab Lorenzo Vidino an die Seite gestellt, ein Extremismusforscher an der George Washington University. In einer – von islamischen Verbänden zurückgewiesenen – Studie von 2017 stellt er die Unterwanderung der islamischen Szene in Österreich durch die Brüder als ziemlich dramatisch dar.

Antikolonialistisches, antiwestliches Programm

Nur ein paar Eckpunkte zu den Muslimbrüdern, MB oder Ikhwan, wie sie oft kurz genannt werden: Allein der Gründungsort Ismailia am Suez-Kanal im Ägypten des Jahres 1928 verweist auf ihr antikolonialistisches, antiwestliches Programm. Auf die Frage, warum die islamische Welt "zurückgefallen" sei, was sich in der französischen und britischen Dominanz im Nahen Osten ausdrückte, gab es unterschiedliche Antworten: Eine davon hieß "Verlust des wahren Islam", zu dem man zurückkehren müsse, um wieder zur früheren zivilisatorischen Größe zu finden.

Die vom Volksschullehrer Hassan al-Banna gegründete Bruderschaft setzte sich demnach die Reislamisierung der Gesellschaft zum Ziel und war dabei, wie andere Massenparteien jener Zeit, straff, fast paramilitärisch organisiert. Von Beginn an spielte Sozial- und Erziehungsarbeit eine große Rolle. Bereits in den 1940er-Jahren bauten die MB auch eine Miliz auf. 1948 kam der offizielle Bruch mit dem – noch unter britischem Kuratel stehenden – Staat und das Verbot der Organisation.

Kurzer Honeymoon

Rund um den Sturz der ägyptischen Monarchie gab es zu Beginn der 1950er einen kurzen Honeymoon zwischen den "freien Offizieren", die den Putsch anführten, und der Bruderschaft, die ihre Mobilisierungskraft bewiesen. Das schlug nach der Machtergreifung Nassers – der nie die Absicht hatte, die islamischen Forderungen der MB für die neugegründete Republik zu erfüllen – in Verfolgung einerseits und Hass und weiterer Radikalisierung andererseits um.

Indirekt half die Repression in Ägypten der Entwicklung der Bruderschaft, denn durch die Flucht breitete sie sich in der Region und darüber hinaus aus. Viele Brüder wurden von Saudi-Arabien aufgenommen, das in den 1960ern im Jemen mit Ägypten Krieg führte.

Riad beschuldigt Muslimbruderschaft

Die heutige saudische Führung macht demgemäß – neben der Islamischen Revolution im Iran 1979 – den Import der "revolutionären Ideen" der Muslimbruderschaft nach Saudi-Arabien für das Aufkommen des Jihadismus à la Al-Kaida verantwortlich. Der eigene Salafismus sei zwar konservativ, aber stets unpolitisch und friedfertig gewesen. Das ist zwar eine Vereinfachung und Verharmlosung der eigenen Tradition. Aber wenn man sich die Führungsstrukturen der späteren Al-Kaida ansieht, ist die Rolle von radikalisierten ägyptischen Muslimbrüdern evident.

Bei den MB fanden Entwicklungen einerseits in Richtung Radikalisierung, andererseits Mäßigung, etwa der Führung, oft fast gleichzeitig statt. Deshalb konnten sich viele Beobachter nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar 2011 durchaus vorstellen, dass aus den MB – die unter Mubarak als "Unabhängige" im Parlament teilweise vernünftige Oppositionspolitik gemacht hatten – einfach eine "normale" wertkonservative islamische Partei werden würde. Der zunehmend erratische Führungsstil des 2012 gewählten Präsident Mohammed Morsi und generell der Eindruck, die Muslimbrüder seien auf dem Marsch zur völligen Machtübernahme, machten diese Hoffnung zunichte. 2013 fand in Ägypten ein neuer Umsturz statt.

Aufwertung durch 2011

Dass ab 2011 die MB plötzlich in Ägypten, aber auch in Tunesien mitregierten, im Jemen politische Bedeutung gewannen und in Syrien auf der "richtigen" Seite gegen Bashar al-Assad standen, wertete sie generell politisch auf: zum Entsetzen der salafistischen arabischen Golfmonarchien – mit der Ausnahme Katars, das die Revolutionen unterstützte. Seitdem geht eine tiefe Spaltung durch den ideologischen sunnitischen Islam, die sich in Lagern – Türkei/Katar vs. Saudi-Arabien/Ägypten/VAE et cetera – abbildet. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate sind auch im Westen aktiv, um Lobbyarbeit für ihre Sicht zu machen, dass "der politische Islam" gleichbedeutend mit den MB ist.

Übrigens sind nicht wenige Araber überzeugt, die Rebellionen von 2011 und der Aufstieg der MB an die Macht sei ein Projekt der USA unter Barack Obama gewesen. Die altersschwachen problematischen nationalistischen Regime sollten durch US-freundliche islamisch geprägte Pseudodemokratien ersetzt werden. (Gudrun Harrer, 10.11.2020)