"Unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter", säuselt Kapitän Heinz Hansen einer naiv dreinschauenden Passagierin auf dem Achterdeck des "Traumschiffs" ins Ohr. Der TV-Kutter befindet sich auf mehrwöchiger Karibikkreuzfahrt und lässt mit knapp 700 seetüchtigen Sonnenhungrigen den feuchtelnden Hamburger Winter hinter sich.

Nächster Halt: Mexiko. In diesem Land könne es warm, ja nachgerade heiß werden. Yucatán sei eben nicht Deutschland, verrät der Kapitän dem "Dummerchen" an Deck – immerhin galant mit obigem Zitat aus Henrich Heines "Reise von München nach Genua".

Die MS Deutschland war 15 Jahre lang das "Traumschiff" – bis zur Insolvenz der Betreibergesellschaft 2014.
Foto: Picturedesk / Michael Wigglesworth

Typisches Mansplaining der 1980er-Jahre, werden manche geneigt sein zu schimpfen. Doch die Szene aus der ZDF-Serie, die manchmal bis zu 25 Millionen Zuseher hatte, umspült auch etwas rührend Nostalgisches. Gingen in den Achtzigerjahren nicht die meisten von uns noch mit träumerischer Naivität auf große Fahrt?

Schwimmende Luxusklubanlagen

Im kommenden Jahr wird "Das Traumschiff" 40 Jahre alt und noch immer ausgestrahlt. Wer sich die Mexiko-Folge oder irgendeine andere frühe anschaut, wird vielleicht noch einen anderen Gedanken haben: Erscheinen Kreuzfahrten überhaupt nur dann erstrebenswert, solange sie ein unerfüllter Traum wie aus einer Telenovela bleiben?

In den 1980er-Jahren war das für die meisten Menschen der Fall: Auf Schiffen, die oft deutlich einfacher waren und ödere Routen im Programm hatten als die Vistafjord – das Traumschiff der Jahre 1981 und 1982 –, kostete ein Kabinenbettchen rund 600 Euro pro Tag und Nase.

Heute sind um nur den doppelten Preis sieben Tage auf schwimmenden Luxusklubanlagen zu haben – Bord-Workshops wie "Marmelade einkochen mit dem Ersten Offizier" inklusive. Bis vor dem Ausbruch von Corona waren bereits rund 30 Millionen Passagiere jährlich auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs.

In der Pandemie ist diese Form des Reisens vorerst wieder ein unerreichbarer Traum geworden – fast die gesamte Industrie steht seit einem halben Jahr still. Begeben wir uns also besser zurück an Bord des Traumschiffs.

Illusion erschaffen

In der Mexiko-Folge ist die Welt noch in Ordnung. Kein Außenministerium hat eine Reisewarnung über das Land verhängt, und in der Tempelstadt von Chichén Itzá ist nur die Einsamkeit des Dschungels zu sehen. Die Passagiere der Vistafjord klettern ausgelassen auf dem Maya-Denkmal herum, und niemand maßregelt sie – auch nicht dafür, dass sie im Tui-Transferbus dorthin fröhlich rauchen.

An Bord bekommt beim Captain’s Dinner jeder einen Platz am Tisch des Schiffsführers – außer die beiden grantelnden alten Damen der Münchner Schickeria, die sich auch lautstark beim Chefsteward darüber beschweren.

Die MS Amadea ist das mittlerweile fünfte Traumschiff.
Foto: imago images/foto2press

Schauspieler Sascha Hehn, der in dieser Folge noch den Chefsteward gab, ehe er zwei Jahrzehnte später die Rolle des Kapitäns übernahm, sagte über die Serie einmal: "Wir tun damit Gutes. Wir sorgen dafür, dass den Menschen jeder Ballast wegfällt." Das stimmt wohl so.

Auch wurde mit dem Traumschiff die Illusion erst erschaffen, dass man auf Kreuzfahrten viel sieht von den Ländern, die auf ihrer Route liegen. In der TV-Serie gibt es einen penibel eingehaltenen Schlüssel, nach dem immer 40 Prozent der Szenen an Land und 60 Prozent an Bord gedreht werden.

Für viele Kreuzfahrten der Gegenwart ein unrealistisches Verhältnis, jeder Landgang muss zudem extra bezahlt werden, und praktisch auf jeder Reise wird "Erholung auf See" verordnet. Soll heißen: Man geht an diesem Tag gar nicht an Land.

Erfülltes Liebesleben

Auch der Traum vom erfüllten Liebesleben auf Kreuzfahrten stammt aus dieser Serie. Oder doch aus der bereits ab 1977 ausgestrahlten Ami-Vorlage "The Love Boat"? In der DDR-Serie "Zur See", die schon 1974 gesendet und ebenso als Anregung für das "Traumschiff" gesehen wird, geht’s weniger um Liebe. Die rein männliche Besatzung des Lehr- und Frachtschiffes J. G. Fichte steuert polnische, sowjetische und kubanische Häfen an. Dort soll die Freundschaft unter sozialistischen Staaten das Herz der Zuschauer erwärmen.

Sascha Hehn alias Victor Burger kann in der Mexiko-Folge gar nicht oft genug betonen, dass sich 166 weibliche Singles an Bord befinden. Das ist nicht nur für ihn als diensthabenden Beau ein Traum, sondern auch für ledige Lauser und Heiratsschwindler.

Reiz verloren

Ob der Anteil Alleinreisender bei echten Kreuzfahrten tatsächlich so hoch ist, bleibt aber zu bezweifeln. Manche Reedereien verlangen 100 Prozent Single-Aufschlag. Andere fördern das "Kennenlernen" aktiver: Auf einigen Schiffen werden Singles wildfremde Kabinengenossen zugeteilt, damit sie sich die Reise leisten können.

Die Idee dazu könnte von "Traumschiff"-Chefhostess Beatrice von Ledebur stammen, die sich in der Serie sehr um das Wohl der Gäste bemüht hat. Die Rolle wurde 36 Jahre lang von Schauspielerin Heide Keller verkörpert. So lange wie sie blieb keine andere an Bord – auch kein Mann.

Siegfried Rauch alias Jakob Paulsen ist der längstgediente Kapitän auf dem Traumschiff.
Foto: Picturedesk / Michael Wigglesworth

Siegfried Rauch (siehe Foto) alias Jakob Paulsen ist der längstgediente Kapitän auf dem Traumschiff. Er sagte etwas Bemerkenswertes, als er nach 14 Jahren für immer von Bord ging: "Die Dinge werden selbstverständlich und verlieren ihren Reiz."

So hat auch die Erzählung vom lockeren Leben an Bord, die in den Anfangsjahren noch wöchentlich ausgestrahlt wurde, nach fast 90 Episoden an Exotik und Glanz verloren. Mittlerweile fährt das "Traumschiff" nur mehr zu Weihnachten, zu Neujahr und zu Ostern durch die Wohnzimmer. Überraschende Quoten verzeichnete das ZDF nur mehr dann, als es die ganz alten Folgen als Wiederholungen brachte.

Wie es in Zukunft um die TV-Serie bestellt ist, bleibt spannend – weil Traum und Realität immer heftiger aufeinanderprallen. So musste etwa die MS Deutschland, das mit 15 Drehjahren längstgediente Traumschiff, im Jahr 2014 aus dem Verkehr gezogen werden.

Die Betreibergesellschaft meldete in einer Zeit des allgemeinen Booms Insolvenz an. Seither verrichtet Florian Silbereisen als Kapitän Max Parger seine Dienste auf der Amadea, dem mittlerweile fünften Traumschiff.

Umweltbelastung und Anlegeverbote

Ursprünglich hätte Silbereisen als Max Prager über die Weltmeere manövrieren sollen, bis vermutliche "Traumschiff"-Fans bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aufdeckten, wer Max Prager war: ein Seemann aus der deutschen Kolonialzeit, der vor allem durch seine rassistischen Äußerungen in schlechter Erinnerung geblieben ist.

Betrieben wird die Amadea von Phoenix Reisen, einem vergleichsweise kleinen deutschen Reiseunternehmen, das eher für Flusskreuzfahrten bekannt ist und seine Tätigkeit 1988 im Kreuzfahrtbusiness mit der Pacht eines einzigen Schiffes begonnen hat: der sowjetischen Maxim Gorkiy.

Das ehemalige Traumschiff MS Deutschland 2017.
Foto: APA/dpa/Jens Büttne

Durch reale Umweltbelastung und Anlegeverbote wie etwa in Venedig ist der Traum von der Kreuzfahrt unter Druck geraten. Noch näher auf der Realität aufgelaufen wie durch Corona ist das Traumschiff aber noch nie: Die Amadea liegt seit Monaten im Dock in Ostfriesland.

Dort dreht das ZDF ab Dezember die nächste Folge, die für Ostern 2021 bestimmt ist. Angeblich soll ein Mini-Team demnächst auf die Malediven geflogen werden für ein paar Außendrehs.

Sonst wird aber nur an Bord gefilmt, denn das Schiff selbst kann den Hafen in nächster Zukunft nicht verlassen. Mögliche Titel der neuen Episode: "Erholung im Dock" oder "Exotisches Ostfriesland". (Sascha Aumüller, RONDO Exklusiv, 15.11.2020)