Mit Corona als Aufhänger würde niemand in seine Praxis kommen, erzählt ein junger steirischer Psychotherapeut. Die Pandemie wirke aber als Verstärker: "Die Traurigen werden trauriger, die einsamen Menschen noch einsamer."

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Die Lage in Österreichs Spitälern wird von Tag zu Tag kritischer. Corona sorgt aber auch bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für Überlastung, wie mehrere zum STANDARD sagen. "Sowohl bei mir in der Praxis als auch bei Kolleginnen und Kollegen sind die Anfragen enorm gestiegen und tun dies auch weiterhin, obwohl wir noch in der Akutphase sind und somit die richtig große Welle wohl noch zu befürchten ist", sagt beispielsweise ein 32-jähriger Psychotherapeut aus der Steiermark.

Triage bei Psychotherapeuten

In seiner Praxis habe er schon während des ersten Lockdowns binnen weniger Tage gemerkt, dass die Nachfrage nach oben geht. "Vor Corona hatte ich zwei bis vier Anfragen pro Monat. Beim ersten Lockdown waren es plötzlich zwei bis vier pro Woche. Jetzt bin ich bei fünf oder sechs Anfragen wöchentlich", erzählt der Therapeut, der anonym bleiben will. Erstgespräche seien bei ihm derzeit daher erst ab März realistisch. "Und da sprechen wir nicht von den Kassenplätzen, die ich auch habe, sondern von den Selbstzahlern."

Auch bei Psychotherapeuten gelte derzeit Triage: "Seit Monaten müssen wir überlegen, wen wir nehmen können und wie schlimm es bei der jeweiligen Person tatsächlich ist. Viele von uns nehmen natürlich mehr Patienten, als ihnen guttut – auch pro bono."

Anschlag kommt hinzu

Besonders die vergangene Woche sei aus therapeutischer Sicht eine anstrengende gewesen. "Der Anschlag in Wien hat bei vielen meiner Klienten Bilder von der Amokfahrt in Graz hervorgerufen." Auch in Wien spürten Psychotherapeuten sofort die Auswirkungen.

Als Grund für den Wunsch nach einem Gespräch werde Corona aber nie angegeben. "Viele Menschen haben schon vorher Probleme und Corona wirkt nun als Verstärker", sagt der Psychotherapeut. Das Gefühl sei bei vielen: Mit Corona ist alles noch schlimmer geworden. "Es ist unglaublich, wie sehr die Stimmungen verstärkt werden. Traurige werden trauriger, einsame Menschen noch einsamer."

Der junge steirische Psychotherapeut wünscht sich mehr Kassenplätze für ganz Österreich und kommt noch einmal darauf zurück, dass aus seiner Sicht der Peak noch nicht erreicht sei. "Der kommt, wenn Corona vorbei ist. Momentan sind viele von uns ja ständig nur am Reagieren. Tatsächlich begreifen, was hier eigentlich passiert und wie gravierend die Auswirkungen sind, das schafft momentan kaum jemand."

Ein Viertel leidet unter der Krise

An der Medizinischen Universität Innsbruck laufen aktuell mehrere Studien bezüglich der psychischen Folgen der Corona-Pandemie. Noch sei es zu früh, um konkrete Aussagen zu treffen, erklärte dazu Barbara Sperner-Unterweger, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, aber rund ein Viertel der Bevölkerung leidet mittlerweile unter höheren psychischen Belastungen.

Weil die Pandemie von der akuten zur chronischen Krise wurde, laufen vor allem jene, die mit Mehrfachbelastungen zu kämpfen haben, Gefahr, an Angststörungen oder Depressionen zu erkranken. "Während die einen sich entspannt dem Homeoffice widmen, stoßen andere an ihre Grenzen, um zwischen Kinderbetreuung, Schulunterricht, Arbeitslosigkeit und Haushalt irgendwie zurechtzukommen", sagt Sperner-Unterweger.

Mit Videos gegen die Krise

Um gegenzusteuern, empfiehlt die Expertin, sich Ausgleich zu suchen. Das könne von Sport über Entspannungsübungen bis hin zu Perspektiven gegen die Langeweile, die ebenfalls vielen Jüngeren zu schaffen macht, reichen. Die Innsbrucker Klinik hat dafür auch eigens Videos online gestellt, die aus psychiatrisch-psychosomatischer Sicht helfen sollen, mit der Corona-Krise umzugehen – das Angebot werde mit großem Interesse aufgenommen. (Steffen Arora, Lara Hagen, 11.11.2020)