Während die Infektionszahlen der Corona-Pandemie  in Österreich rasant steigen und die Intensivstationen im ganzen Land Alarm schlagen, findet in der Frage um Schulschließungen gerade eine Art Glaubenskrieg statt. Auf der einen Seite finden sich Wissenschafterinnen und Wissenschafter, die für sofortige Schließung plädieren, auf der anderen Seite jene, die das genaue Gegenteil einfordern. Es herrscht keine Klarheit darüber, ob Kinder besonders ansteckend sind oder eben genau nicht, und für beide Positionen finden sich Expertinnen, Experten und Studien. Die Neos haben eine Petition zur Offenhaltung von Schulen gestartet, die SPÖ spricht sich dafür aus, ebenso die Arbeiterkammer, um nur einige anzuführen.

Was mit Sicherheit gesagt werden kann: Schulschließungen führen zu verheerenden Langzeitfolgen für die „Corona-Generation“, wovor die OECD schon seit Monaten warnt und worauf in Österreich ganz aktuell eine IHS-Studie hinweist. Folgewirkungen für die von Schulschließungen betroffenen Eltern wären katastrophal. Mit Sicherheit schließen Homeoffice und Schulschließung einander aus. Andererseits würde eine Schließung mit ziemlicher Sicherheit die Pandemie relativ schnell eindämmen. Als Laiin maße ich mir kein Urteil an, daher möchte ich statt dessen einige Aspekte aufgreifen, die das Vorfeld und Umfeld der derzeitigen Situation betrifft.

Man hätte den Sommer nützen sollen

Was von Beginn an auffällt, aber gerade jetzt besonders augenfällig zutage tritt, ist die Tatsache, dass der Schutz der Lehrerinnen und Lehrer so gut wie nie Thema war, sieht man von gelegentlichen Appellen der Lehrergewerkschaft ab. Zwar wurde im Frühjahr der Risikogruppe unter den Lehrkräften zugestanden, von zu Hause aus zu arbeiten, doch über Maßnahmen, insbesondere Präventivmaßnahmen zum Schutz dieser Personengruppe, war monatelang nichts zu hören. Während bereits im Frühjahr die Handelsangestellten mit Plexiglasscheiben und Masken ausgestattet wurden, unterrichteten unserer Lehrerinnen und Lehrer in oft heillos überfüllten Klassen. Auch im Sommer habe ich Überlegungen zum  Schutz der Lehrerschaft nicht wahrgenommen. Erst jetzt, fast zehn Monate nach dem Ausbruch der Pandemie, gibt es eine Maskenbeschaffung, und die ist recht holprig angelaufen. Lehrerinnen und Lehrer als Kollateralschaden? Wenn es auch bestimmt nicht so beabsichtigt ist, könnte es doch darauf hinauslaufen.

Zum Glück sorgen ohnehin viele Lehrkräfte für ihren eigenen Schutz, indem sie, jedenfalls seit dem Ausbruch der zweiten Welle, während ihres gesamten Unterrichts gut schützende Masken tragen. Wenn das also die einzige Versäumnis wäre, könnte ich meinen Text hier beenden. Doch leider kann die Debatte um Schulschließungen nicht geführt werden, ohne auf andere – gravierende – Versäumnisse der letzten Monate hinzuweisen. Gewiss, wir erleben gerade eine Ausnahmesituation, die uns überfordert und in der man mit Kritik sparsam umgehen muss. Dennoch ist sie im konkreten Fall angebracht.

Man hätte den Sommer nämlich dazu nützen können, Vorsorge zu treffen, dass zumindest im Pflichtschulbereich die Schulen offen gehalten werden können: die flächendeckende Anschaffung von Lüftungsanlagen zählt ebenso dazu wie die Anmietung von Räumlichkeiten im Umfeld der Schule oder die Ausrüstung mit Einzeltischen. Die zusätzlichen Räumlichkeiten fehlen jetzt besonders in vielen städtischen Schulen, und je kälter es wird, desto weniger greift das mantrahaft vorgetragene Auffordern zum Lüften und Unterricht im Freien. Die Direktorinnen und Direktoren hätte man bereits im Frühjahr von allen bürokratischen Tätigkeiten, die nicht unbedingt nötig sind, befreien können, damit sie die Krise an ihren jeweiligen Standorten gut managen können. 

Die letzten Monate hätten genutzt werden müssen, um Schulen besser auf Corona vorzubereiten.
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Belastung für die Schulleitung

Stattdessen hat die Bürokratie noch enorm zugenommen, die meisten Schulleitungen gelangten bereits zu Schulschluss an ihre Grenzen. Beispielsweise mussten teils zu Schulschluss, jedenfalls zu Schulbeginn unbedingt noch die Testungen für die Kinder in den umstrittenen Deutschklassen durchgeführt werden, was mit viel administrativer Tätigkeit verbunden war. Diese Testung hätte man ohne weiteres aussetzen und stattdessen die Ressourcen für Deutschförderung im laufenden Schuljahr ordentlich aufstocken können.

Wenn wir von den Belastungen der Schulleitungen reden, muss immer mitbedacht werden, dass diese in den Pflichtschulen nicht einmal Sekretariatskräfte haben – im internationalen Vergleich übrigens ein Unikum. Sehr sinnvoll wäre auch gewesen, wenn die Lehrkräfte in der letzten Ferienwoche an die Schulen gemeinsam in Teams für ihre jeweilige Schule einen Plan für die zweite Welle entwickelt hätten, ganz genau den Bedürfnissen des Standorts angepasst. Das wäre Sache des Ministeriums gewesen und hätte bereits zu Schulschluss geregelt werden können. An den Schulen bräuchte es dafür großzügige autonome Gestaltungsräume, und nicht bis ins kleinste Detail von oben vorgeschriebene Hygieneregeln, die im konkreten Fall dann aus standortspezifischen Gründen oft ohnehin nicht befolgt werden konnten.

Eine verlorene Generation?

Zuletzt noch viel Grundsätzlicheres. Während der letzten zehn Monate war, zumindest in meiner Wahrnehmung, nicht einmal die Rede von einem mittel- oder gar längerfristigen Plan für den Umgang mit den Folgen der Pandemie. Welche Pläne gibt es für das Nachholen des bereits bisher Versäumten? Wie stellt sich Österreich der Herausforderung einer möglicherweise „verlorenen Generation“? Wie gehen wir in unserem ohnehin bereits sozial sehr ungerechten Bildungssystem mit den jetzt noch weiter Abgehängten um? Welche zusätzlichen Ressourcen wird es dafür geben? Wie sieht es mit mittel- und langfristigen Überlegungen zur Deutschförderung aus? Welche Zusatzressourcen gibt es für diese besonders benachteiligten Kinder und Jugendlichen? Welche Pläne hat das Ministerium für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf?

Wie können wir dafür sorgen, dass die Jahrgänge 2019/20 und 2020/21 nicht ganz zurückfallen und jedenfalls zu ihren Schulabschlüssen kommen? Gibt es Überlegungen für ein 10. Pflichtschuljahr für diese Jahrgänge? Wie sieht es mit der jahrelangen Forderung nach mehr sogenanntem Unterstützungspersonal für Schulen aus? Welche Pläne gibt es da – kurzfristig und mittelfristig? Gibt es angesichts der Krise Überlegungen einer gerechten Mittelzuteilung an Schulen, also besonders betroffenen Schulen entsprechend mehr Ressourcen zukommen zu lassen? Wird diese sozialindizierte Mittelzuteilung, bei uns als „Chancenindex“ bekannt, nun doch in Angriff genommen? Gibt es dazu Pläne im Ministerium? Fragen über Fragen, aber keine Antworten.

Gewaltige Versäumnisse

Ein Blick in die Realität ernüchtert. Im Bildungsbudget sind keinerlei Maßnahmen für Schulen vorgesehen, um die drohende Verschärfung der Bildungskrise abzuwenden. Im Budget sind lediglich Posten für Desinfektionsmittel und Mund-Nasen-Schutz kalkuliert, doch vergeblich sucht man nach Mitteln für zusätzliches Personal, um den laufenden Unterricht einigermaßen aufrechterhalten zu können. Einzig das bereits im Regierungsprogramm vorgesehene Projekt „100-Schulen“ (=Förderung und Entwicklung von besonders herausfordernden Schulen) findet sich im Budget. Vergeblich sucht man in den vielen Pressekonferenzen des Bildungsministers auch Überlegungen für die Zeit nach der Krise.

Fazit: Die Herausforderung ist gewaltig. Die Versäumnisse sind es auch. (Heidi Schrodt, 12.11.2020)

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