Der Lockdown zeigt Erfolge: Tschechiens Schulen können sich langsam auf die Wiedereröffnung vorbereiten. Anderswo ist man noch nicht einmal sicher, ob man überhaupt zusperren muss.

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In Europa gibt es kein einheitliches Vorgehen. Nicht, was den Kampf gegen das Coronavirus betrifft, und schon gar nicht dann, wenn es um Schulschließungen geht. Ähnlich wie in Österreich wird vielerorts diskutiert, wie stark Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen – und ob die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer neuen Schließung denn überhaupt ein akzeptabler Preis für die geringere Durchseuchung der Bevölkerung sein können.

So wie in Wien geht man etwa auch Italien vor. Hier wird nach Altersstufen differenziert. Im ganzen Land gilt die Faustregel, dass in den unteren Stufen bis zum 14. Lebensjahr grundsätzlich Präsenzunterricht erteilt wird; die älteren Schüler haben Fernunterricht. Die Regionen und Gemeinden können aber von dieser Regel abweichen und schärfere, nicht aber mildere Maßnahmen erlassen. Das haben auch schon einige Regionen gemacht, unter anderen Kampanien, Südtirol und Umbrien, wo ab der Grundschule nur noch Fernunterricht möglich ist. Begründet wird das praktisch: Der Schulweg würde für überfüllte Öffis sorgen.

Offene Schultore, aber nicht für alle

Auch anderswo sind nur die Volks- beziehungsweise Grundschulen offen. So ist es etwa in Griechenland während des zweiten Lockdowns vom 7. bis zum 30. November. Alle anderen Bildungseinrichtungen wurden samt und sonders geschlossen. Auch in Slowenien ist es so, in Lettland und Litauen ebenfalls. Auch in der Slowakei sind seit 26. Oktober und noch bis 27. November die Schulen geschlossen, auch hier mit Ausnahme von Kindergärten und den ersten vier Jahren Grundschule. Die Regierung in Bratislava würde, sagt ein Sprecher dem STANDARD, gern auch die anderen Schulen schon früher wieder öffnen. Das sei aber noch Gegenstand von Verhandlungen und würde am ehesten regional begrenzt beschlossen werden – also überall dort, wo es die Infektionslage erlaubt. Nur regional zu sind die Schultore auch derzeit schon in Spanien.

Weitere Staaten haben ähnliche Regelungen, aber andere Probleme. Darunter fallen die finanzielle Grenzen großer Schichten in der Bevölkerung. Bulgarien etwa beschafft nun massenweise Laptops, um das Homeschooling zumindest ansatzweise zu ermöglichen. Schon seit zwei Wochen sind alle Schulen außer den Volksschulen geschlossen, die Kindergärten aber offen. In Rumänien kündigte Präsident Klaus Johannis am 5. November die Schließung aller Schulen im ganzen Land für 30 Tage an – trotz eines eklatanten Mangels an digitaler Infrastruktur für den Heimunterricht. Die Kindergärten bleiben auch hier im ganzen Land geöffnet.

In Tschechien konnten Medien am Mittwoch hingegen eine gute Nachricht verbreiten. Ab 18. November kehren die Kinder der ersten und zweiten Klasse Volksschule in die Schulen zurück. Sie müssen allerdings in allen Gemeinschaftsräumen Mund-Nasen-Schutz tragen, auch während des Unterrichts. Nicht mehr werden dafür, so wie noch im Frühling, die Klassen in kleine Gruppen aufgeteilt. Kindergärten waren schon bisher stets geöffnet.

Viele Unterschiede auf dem Balkan

Einen lokalen Fleckerlteppich gibt es derweil in vielen Staaten des Westbalkans. In Montenegro wurden die Schulen in mehreren Städten und Orten ab dem 19. Oktober geschlossen. Man verlässt sich auf eine Art Ampelsystem wie Österreich. Im Kosovo sind 14 Schulen geschlossen. Es wird nach drei Szenarien unterrichtet: Wenn die Infektionen unter Schülern und Lehrern gering sind, kann die Schule besucht werden. Im zweiten Szenario gibt es Präsenz- und Fernunterricht. Und auch reiner Heimunterricht ist angedacht.

Offen sind die Schulen hingegen in Serbien und in Bosnien-Herzegowina – außer in der Republika Srpska, wo sie Ende Oktober eine Woche lang geschlossen waren. In Nordmazedonien wiederum haben fast 87 Prozent der Schüler, alle bis auf die ganz kleinen, schon seit Schulbeginn Fernunterricht. Für jene, die keinen Computer oder kein Internet haben, gibt es Schulsendungen im Fernsehen und im Radio.

Mit aller Kraft geöffnet

Die meisten weiteren Staaten versuchen dem Virus weiterhin zu trotzen. So etwa Deutschland, wo die Politik Schulschließungen mit allen Mittel zu verhindern versucht. Mit mäßigem Erfolg: 300.000 Schülerinnen und Schüler befinden sich dort aktuell in Quarantäne. Als Gegenmaßnahmen sind angedacht: eine Maskenpflicht auch in der Volksschule – und womöglich längere Weihnachtsferien.

In Frankreich, das sehr ähnliche Regelungen hat, streikten am Dienstag die Lehrergewerkschaften. Allerdings nicht, so betonten sie, um Schulschließungen zu fordern. Sie wollten stattdessen mehr Mittel erwirken, um während der Pandemie die Schulklassen verkleinern zu können.

Auch in Großbritannien plädiert die Regierung dafür, Schulen keinesfalls zu schließen. Ein Bericht der Schulaufsicht Ofsted hatte fatale Folgen des ersten Lockdowns jüngst offengelegt: von Dreijährigen, die plötzlich wieder Windeln brauchten, über ältere Kindergartenkinder, die plötzlich den Umgang mit Messer und Gabel nicht mehr beherrschten, bis zu Grundschülern, denen das kleine Einmaleins entfiel.

Pandemie? Welche Pandemie?

Niemals geschlossen haben die Schulen seit Beginn der Pandemie nur in Schweden – und sie sind auch weiterhin offen. Die anderen nordeuropäischen Staaten stiegen im vergangenen März hingegen rasch auf die Bremse und schickten ihre jeweiligen Schüler für die nächsten Monate zum Fernunterricht nach Hause. Diesmal ist es in Dänemark, Norwegen und Finnland anders, die Klassenzimmer stehen offen. Allerdings gibt es regionale Schließungen. Sie gelten etwa in der dänischen Region Nordjütland, die wegen des Auftretens einer möglicherweise mutierten Form des Virus seit vergangener Woche im strengen Lockdown liegt.

In der Ukraine wurden bisher keine landesweiten Schulschließungen angeordnet. Die Regierung will aber einzeln Schulen schließen, wenn die Hälfte der Lehrer oder Schüler in Quarantäne ist. Online-Unterricht gibt es bislang nur vereinzelt. In Belarus (Weißrussland), dessen Machthaber Alexander Lukaschenko in Sachen Pandemie nur von einer "Psychose" spricht, gibt es ganz normalen Schulunterricht. Vizepremier Igor Petrischenko hat erklärt, dass auch 85 Prozent der Schüler teilnehmen und bislang nie mehr als elf Prozent aus Krankheitsgründen fehlten. (mhe, bau, awö, sbo, schub, ast, ab, straub, 11.11.2020)