Turkmenistans güldener Hund.

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Es war, glaubt man Berichten, eine schöne festliche Veranstaltung. Weißer Marmor, goldene Statuen, Staatschef Gurbanguly Berdimuhamedow, der Schleifen durchschneidet, Luftballons steigen lässt und neue Wohnbezirke eröffnet. So jedenfalls stellt die staatliche Nachrichtenagentur dar, was sich am Mittwoch in der turkmenischen Hauptstadt Aşgabat ereignet hat. Internationale Medien wurden hingegen nicht vorrangig wegen des neuen Stadtviertels und seiner "prächtigen Hochhauswohnbauten", die sich "harmonisch in das glorreiche Architekturensemble der Stadt einfügen", auf das Ereignis aufmerksam, sondern wegen einer vergoldeten Statue, die Machthaber Berdimuhamedow dort errichten ließ. Sie stellt den Zentralasiatischen Owtscharka dar, eine Schäferhundrasse, die als Favorit des Präsidenten gilt.

Tiere, besonders vergoldete, spielen in der Propaganda Turkmenistans eine immer prominentere Rolle. Berdimuhamedow, einst Zahnarzt, dann Gesundheitsminister und schließlich 2006 Nachfolger des exzentrischen Ex-Staatschefs Saparmyrat Nyýazow, stellt sie im Personenkult, den er um sich selbst errichtet, zunehmend in eine zentrale Position. Wenn nicht von Raps oder DJ-Auftritten des Präsidenten, seinen Gewichthebeerfolgen oder spontanen Holes-in-ones am Golfplatz die Rede ist, so geht es meist um Hund und Pferd. Sie sollen den Nationalstolz der Turkmeninnen und Turkmenen wecken.

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Dem Owtscharka-Hund (oder Alabai) hat Berdimuhamedow im vergangenen Jahr sogar einen Gedichtband gewidmet, dem Achal-Tekkiner, einer örtlichen Pferderasse, schon bisher mehrere Statuen. Eine besonders auffällige zeigt ihn selbst im Sattel und wurde 2015 im Zentrum von Aşgabat aufgestellt. Sie ist mit 24-karätigem Gold verziert. Sein Sohn, Serdar Berdimuhamedow, führt gar die "Internationale Alabai-Organisation" und jenes Ministerium, das für die Errichtung der monumentalen Bauwerke verantwortlich zeichnet.

Gurbanguly Berdimuhamedow zu Pferde.
Foto: AP / Alexander Vershinin

Lange Schlangen vor Geschäften

Gülden ist die Situation, mit der sich die meisten Einwohnerinnen und Einwohner täglich plagen müssen, hingegen ganz und gar nicht. Seit Monaten berichten unabhängige Medien über eine schwere Wirtschaftskrise im Land, das eigentlich zehn Prozent der weltweiten Erdgasreserven beheimatet. Viele Güter sind mittlerweile sogar in Aşgabat teils nur noch unter Mühe zu bekommen, schreibt die in Europa ansässige Seite "Chronika Turkmenistana", die auch von zunehmender Importabhängigkeit des Sechs-Millionen-Einwohner-Staates berichtet. Schwer zu bekommen seien unter anderem auch Brot, Öl und Eier. Ende Oktober sollen sich deshalb vor Lebensmittelgeschäften lange Schlagen gebildet haben. Die offizielle Propaganda reagierte mit blumigen Berichten über reichliche Ernten, die turkmenische Landwirte in diesem Herbst eingefahren hätten.

Zudem mehren sich in Exilmedien schon seit Monaten die Berichte über steigende Zahlen von Opfern des Coronavirus, dessen Existenz im Land das "Nordkorea Zentralasiens" aber strikt in Abrede stellt. Verpflichtungen zur Handhygiene und zum Tragen von Masken, die Familien von Schulkindern jüngst unterschreiben mussten, werden mit "schädlichem Staub in der Luft" begründet, der aus dem austrocknenden Aralsee in das Land geweht werde. Wer, etwa in der Schule, an der "Aral-Krankheit" erkrankt, dem wird nicht selten vorgeworfen, gegen diese Verpflichtungen verstoßen zu haben. So begründet wurde auch ein jüngster Lockdown. Familien von Verstorbenen wurde indes angeordnet, neue Gräber so anzulegen, dass sie von Satelliten aus schlecht erkennbar sind.

Statt Corona die "Aral-Krankheit"

Gegen Corona tut der Staat hingegen nach eigenen Angaben seit dem Anfang der Krise nichts mehr. Damals hatte Berdimuhamedow die Straßen mit dem Dunst der Steppenraute – einer leicht berauschenden Substanz – ausräuchern lassen und so nach eigener Ansicht desinfiziert. Tatsächlich gegen die Verbreitung geholfen haben dürfte die Isolation, in der sich das Land befindet. Die Grenzen zu den umliegenden Staaten wurde schon Anfang März noch dichter geschlossen, als sie das zuvor schon waren.

Auch die nächste "grandiose Parade aus architektonischen und baulichen Premieren ... unter der Führung unseres Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow", die dann die "16. Phase unserer Entwicklung" darstellen soll, werden Beobachter aus dem Ausland wohl nur über die Internetpublikationen des hermetisch abgeriegelten Staates verfolgen können. (Manuel Escher, 12.11.2020)