"Trump wird den friedlichen Übergang, der den Amerikanern heilig ist, behindern, wo er nur kann."
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STANDARD: Donald Trump hat also verloren. Haben aber die USA deswegen auch schon gewonnen?

Endler: Ganz klar: Ja. Die USA haben sich vor sich selbst bewahrt. Solange sich der Fallschirm rechtzeitig öffnet – das hat er in den USA in Form demokratischer Wahlen bisher immer getan –, müssen wir keine Bruchlandung des Systems befürchten. Die im Vorfeld präsentierten Untergangsszenarien sind vorerst nicht eingetreten. Diesen Alarmismus halte ich ohnehin für keine sonderlich konstruktive Strategie; größtmöglicher Skeptizismus bedeutet nicht automatisch Expertise. Also ja: Die USA haben als Ganzes gewonnen, wenn die innere Spaltung der Nation auch längst Tatsache ist, nicht mehr nur Klischee.

STANDARD: Trump wird also mit seinen Klagen keinen Erfolg haben?

Endler: Ich bin überzeugt, dass dieses Ergebnis halten wird. Aber man darf nicht vergessen: Es haben fast 71 Millionen Menschen Trump gewählt, um fast acht Millionen mehr als 2016! Und das sind keine Proteststimmen und Denkzettel mehr, das sind feste Überzeugungen, das sind Menschen, die ihn vier Jahre im Amt erlebt haben und ihn nun in seinem Tun und Sein bestätigen. Trumps Botschaft verfängt weiterhin bei einem großen Teil der Wählerschaft – eine schwere Hypothek für Joe Biden und Kamala Harris.

STANDARD: Was kann Trump in der restlichen Zeit noch alles anstellen?

Endler: Trump wird den friedlichen Übergang, der den Amerikanern heilig ist, behindern, wo er nur kann. Sein Bannkreis ist wirkmächtig, es gibt bisher nur wenige Absetzbewegungen bei den Republikanern; viele wollen es sich mit der eigenen Wählerschaft zu Hause nicht verscherzen. In jedem Fall stellt Trump ein Sicherheitsrisiko dar: Das Biden-Team bekommt keine zentralen Informationen zu sicherheitspolitischen Fragen oder zur Bekämpfung der Corona-Pandemie; das ist schlicht die destruktive Haltung des schlechten Verlierers. Sorgen macht mir, dass Trump an der Spitze des Verteidigungsministeriums und womöglich bei FBI und CIA Veränderungen vornimmt. Hier festigt jemand sein Machtsystem – das riecht nach Plastikdiktaturen à la Philippinen.

Four Seasons ... nicht das Hotel, sondern die Gärtnerei. Rudy Giuliani blamiert sich.
MSNBC

STANDARD: Trump wird uns also erhalten bleiben?

Endler: Ja, und zwar auch über den Zeitpunkt der Angelobung des neuen Präsidenten am 20. Jänner hinaus. Er wird Bidens Gegenspieler bleiben – ein bisschen wie Lord Voldemort bei Harry Potter. Viele Republikaner werden nicht um ihn herumkommen. Der Schock, als Par -tei dermaßen gekidnappt worden zu sein, sitzt tief. Psychologisch ist die Hürde enorm: Man müsste nämlich vor sich selbst und seinen Wählern eingestehen, einem Demagogen aufgesessen zu sein.

STANDARD: Aber nicht alle sind Trump so hörig wie Rudy Giuliani ...

Endler: Giuliani folgt Trump blind. Niemand anderer hätte wohl für seinen Chef eine Pressekonferenz auf dem Parkplatz einer Gärtnerei abgehalten, zwischen Erotikladen und Krematorium. Auch wenn die Wahl des Ortes wohl eine Panne war: Dieses Bild sagt alles aus über die Loyalität mancher gegenüber Trump.

STANDARD: Joe Biden will ja ein Präsident aller Amerikaner sein ...

Endler: ... und das wird nicht leicht werden. Ich würde ihm aber zutrauen, dass er den einen oder anderen Posten in seinem Kabinett republikanisch besetzt. Biden ist bekannt für etwas, das in Washington zuletzt verpönt war: "to reach across the aisle" – der anderen Seite über den Gang hinweg die Hand reichen. Dieses Verbinden ist Bidens großes Talent, damit war er als Vizepräsident auch Barack Obama überlegen. Er kann viel bewegen, wenn er schon vor seiner Angelobung damit beginnt.

"Ich würde Biden zutrauen, dass er den einen oder anderen Posten in seinem Kabinett republikanisch besetzt."
Foto: EPA / Jim Lo Scalzo

STANDARD: Sie geben also Biden Chancen auf Versöhnung?

Endler: Biden verändert als Präsident das Selbstverständnis der Nation. Auch weil er sich für Kamala Harris als Vizepräsidentin entschied. Das war mehr als nur ein Signal, es war eine Wasserscheide: eine Frau, Tochter von Immigranten, im zweithöchsten Amt, das steht für Aufbruch – und dafür, dass Biden Platz neben sich zulässt. Das gab es ja unter Trump überhaupt nicht. Harris wird gestalten, ich traue ihr viel zu.

STANDARD: Biden wird ein großes realpolitisches Problem haben: den Senat mit Hardliner Mitch McConnell …

Endler: … dem Strippenzieher hinter den Kulissen. McConnell ist ganz auf Trump-Linie, er agiert extrem parteiisch. Allerdings kennt er Biden seit Jahrzehnten und weiß in ihm einen Gegenspieler, der wenig Angriffsfläche bietet und Dauerblockierer schnell schlecht aussehen lässt. Es könnte auch sein, dass McConnell nicht völlig immun gegen das ist, was sich im Weißen Haus künftig tut. Vielleicht nimmt seine Kompromissbereitschaft ein wenig zu. Bidens Appell lautet: Lasst uns zusammenarbeiten, weil das Land so sehr verunsichert, so sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Das Land kämpft um seine Gesundheit, Stichwort Corona. Es kämpft um seine Wirtschaft, seine Identität. Die rassistischen Spannungen sind enorm. Es kämpft um Vertrauen in die Führung. In den Kongress haben 2020 laut Gallup nur 13 Prozent der Amerikaner wirklich Vertrauen; so viel schafft auch ein Gebrauchtwagenverkäufer. Diese Probleme kennt auch McConnell.

STANDARD: Werden die USA also wieder "auf Schiene" kommen?

Endler: Ja, es wird dauern, aber ich glaube an die Resilienz der USA als Nation, als Demokratie, als Weltmacht. Ich glaube, dass dieses Land die Episode Trump verkraften kann. Aber ich warne davor anzunehmen, dass jetzt wieder alles gut wird, bloß weil Trump weg ist. Diese Verklärung gab es auch zu Beginn der Obama-Präsidentschaft. Doch der Preis, den Europa für eine Zusammenarbeit mit den USA unter Biden zu bezahlen haben wird, wird höher sein als bisher unter Trump.

"Kamala Harris wird gestalten, ich traue ihr viel zu."
Foto: AP / Sait Serkan Gurbuz

STANDARD: Wirklich? Ein Beispiel!

Endler: Biden hat es schon verkündet: "Ich will Sicherheit in Allianzen." Er erwartet sich von uns ein entschiedeneres Auftreten gegenüber China. Es wird also für uns aufwendiger und unangenehmer werden, wenn wir kooperieren wollen. Bisher konnten europäische Länder eher ungestört mit China Geschäfte machen. Bisher konnten wir uns sicher wähnen, die Amerikaner würden die Sicherheitsaufgaben nötigenfalls allein übernehmen. So etwas wird es unter Biden nicht mehr geben. Er wird uns mehr zugestehen, aber auch mehr Loyalität einfordern. Allerdings hängt er nicht wie Trump ein Preisschild an die Sicherheitspolitik.

STANDARD: Welchen Kurs wird Biden allgemein international fahren?

Endler: Die Hinwendung zum asiatischen Raum wird ausgebaut, wie unter Obama. Mehr Rückzug wird es hingegen geben aus Krisengebieten, die näher zu Europa liegen als zu den USA: Nahost, Mali und andere Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Das ist nachvollziehbar, der Preis ist einfach zu hoch. Eine Fortsetzung wird es beim Widerstand gegen das Pipelineprojekt Nord Stream 2 geben, auch Biden wird amerikanische Energie exportieren wollen. Positiv zu werten ist etwa, dass die USA unter Biden wohl sowohl dem Pariser Klimaabkommen als auch der WHO wieder beitreten werden.

STANDARD: Soll Europa aufhören, von einer Reparatur der transatlantischen Partnerschaft zu träumen?

Endler: Daran zu glauben, dass es den "guten alten Westen" wieder geben kann in einer Präsidentschaft unter Joe Biden, das wäre tatsächlich eine Illusion. Wir Europäer müssen dieser Tatsache endlich ins Auge sehen, und wir müssen uns dann emanzipiert an der Neuerfindung des Westens beteiligen – nicht gegen Amerika, aber in gesunder Autonomie dazu. Alle Voraussetzungen sind gegeben. Die US-Politologin Anne-Marie Slaughter sagte mir schon vor zehn Jahren: Europa verkauft sich unter Wert.

"Der Westen muss eindeutig neu erfunden werden, und zwar nicht nur in der Passivform, wir dürfen nicht mehr darauf warten, dass uns die Welt einfach so widerfährt."
Foto: AFP / GETTY IMAGES / Samuel Coru

STANDARD: Trump war letztlich nur eine Episode in einem Prozess der Entfremdung, den es ohnehin schon gab?

Endler: Ja, das würde ich unterschreiben. Die Verzauberung in Bezug auf Obama schlug bei uns ja damals bald in Ernüchterung um, etwa wegen der Methoden der USA im Kampf gegen den Terror. Trump hat es uns dann unmöglich gemacht, weitere Illusionen zu hegen. Wenn man diesem wirklich destruktiven Präsidenten also etwas zugestehen möchte, dann das. Nach Bidens Sieg sehe ich eine Gefahr darin, dass diese Verklärung von früher so schnell wieder aufpoppt. Mir wäre es lieber, unsere Amplituden in Bezug auf die amerikanische Politik würden manchmal weniger stark ausschlagen. Dann könnten wir auch besser zwischen den Menschen und ihrer Regierung unterscheiden und auch mehr Freude an diesem faszinierend vielseitigen Land haben. Klar ist, dass Europa angesichts des geostrategischen Portfolios der USA an Gewicht verliert; die Amerikaner sehen sich in der Tradition des Westens – aber sie fühlen sich nicht auf den Westen limitiert.

STANDARD: Ist die uns vertraute Idee des "Westens" damit obsolet?

Endler: Das würde ich nicht sagen. Der Westen muss aber eindeutig neu erfunden werden, und zwar nicht nur in der Passivform, wir dürfen nicht mehr darauf warten, dass uns die Welt einfach so widerfährt. Mitten in der Krise haben wir eine große Chance. Der US-Historiker Howard Zinn hat einmal gesagt, für Hoffnung seien keine Sicherheiten nötig – schon die Möglichkeit genüge. Daran halte ich mich. (Interview: Gianluca Wallisch, 14.11.2020)