"In den nächsten Monaten" beginne die Massenimpfung, verspricht Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Ein dehnbarer Begriff. Denn eigentlich sollte die Vakzination des Volkes bereits im Oktober beginnen. Das hatten im Sommer hochrangige russische Politiker hinausposaunt; angefangen vom Chef des russischen Fonds für Direktinvestitionen Kirill Dmitrijew, der die Studie mitfinanziert hatte, bis hin zum Gesundheitsminister Michail Muraschko.

Später war dann von November/Dezember die Rede. Nun nennt der Direktor des Gamaleja-Instituts für Epidemiologie und Mikrobiologie, Alexander Ginzburg, Januar/Februar als Impftermin für die Bevölkerung. Das Institut hat den Impfstoff Sputnik V entwickelt. Laut Ginzburg können zu Beginn des nächsten Jahres monatlich fünf bis sechs Millionen Dosen des Serums hergestellt werden.

Sputnik V hat Startschwierigkeiten.
Foto: Reuters/Makeyeva

Den Optimismus Ginzburgs teilen längst nicht alle Gesundheitsexperten in Russland. Es gibt gleich zwei Probleme. Erstens ist die dritte Testphase, die Moskau im Sommer bei der Registrierung einfach übersprungen hat, um sich mit großem Tamtam als Weltmarktführer bei der Covid-19-Bekämpfung zu präsentieren, noch nicht abgeschlossen. Derzeit wird das Serum also an tausenden Freiwilligen erprobt. Und zuletzt häuften sich Meldungen darüber, dass sich Teilnehmer der Impfstudie mit Covid-19 infiziert hatten.

Infizierte Ärzte

Mehrere Ärzte aus den sibirischen Regionen Kusbass und Altai hatten sich angesteckt. Die Behörden erklärten die Vorfälle mit der Besonderheit des Impfstoffs, der in zwei Etappen im Abstand von drei Wochen gegeben wird. Die Betroffenen seien etwa eine Woche nach der ersten Injektion krank geworden, als sie noch keine Immunität aufgebaut hätten, so die Begründung für die Krankheitsfälle. Die Skepsis im Hinblick auf die Wirksamkeit von Sputnik V bleibt aber bestehen.

Zweitens fehlen Russland selbst bei einem erfolgreichen Abschluss der dritten Testphase derzeit noch die Produktionskapazitäten, um den Impfstoff in den gewünschten Mengen herstellen zu können. Das musste zuletzt sogar Präsident Wladimir Putin einräumen.

Probleme bei der Massenproduktion

"Es gibt bestimmte Probleme, die mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen einer vorgegebenen Kapazität an Apparatur zusammenhängt. Dieses sogenannte 'Eisen' ist für den Aufbau einer Massenproduktion notwendig", sagte Putin Ende Oktober. Aus Pharmakreisen sickerte durch, dass es Schwierigkeiten gibt, die Stabilität des Serums zu gewährleisten, also eine gleichbleibende Qualität bei allen Ampullen.

Zunächst wird der Impfstoff nämlich in geringen Mengen hergestellt. Im Bioreaktor werden um die 500 Milliliter produziert, später muss die Menge auf Dutzende Liter erhöht werden. Dazu sind wiederum große Bioreaktoren nötig. Und daran fehlt es in Russland.

Anfrage bei Macron

Darum soll Putin einem Medienbericht zufolge in Frankreich um Hilfe gebeten haben. Am 7. November telefonierte Putin mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron. Neben der Krise um die Kaukasusregion Bergkarabach und der Regulierung des Konflikts in der Ostukraine ging es dabei auch um Sputnik V.

Auf der offiziellen Kreml-Website heißt es bürokratisch chiffriert: "Es wurde das Interesse an einer Vertiefung der Zusammenarbeit beim Kampf gegen die Corona-Infektion ausgesprochen, darunter auch durch den Aufbau von Beziehungen zwischen russischen fachorientierten Strukturen und dem Pasteur-Institut im Bereich Entwicklung und Produktion von Impfstoffen."

Zweifel

Dem Bericht nach soll Russland schon seit einigen Wochen verstärkt Kooperationsangebote an Frankreich geschickt haben. Bei dem Telefonat soll Putin dann bei Macron angefragt haben, ob Frankreich bei der Massenproduktion des Serums behilflich sein könne. Der französische Staatschef seinerseits bat sich Bedenkzeit aus, um die Frage mit französischen Wissenschaftern zu besprechen.

Im Westen wird der russische Impfstoff generell kritisch gesehen. Mediziner, unter anderem vom Paul-Ehrlich-Institut, warnten in den vergangenen Monaten vor einer verfrühten Zulassung von Medikamenten, die dann am Ende entweder unwirksam oder gar gefährlich seien. Als Vorwurf gegen Russland steht immer wieder die zu geringe Transparenz bei der Entwicklung und bei der Weitergabe von Daten zur Wirksamkeit im Raum.

Auf der anderen Seite drängt die Zeit: Die zweite Welle hat sowohl Westeuropa als auch Russland schwer getroffen. Am Freitag vermeldete Russland mit knapp 22.000 Neuinfektionen einen neuen Rekord. Mit insgesamt fast 1,9 Millionen Infizierten seit Beginn der Pandemie liegt Russland weltweit auf Rang fünf. Offiziellen Angaben nach sind inzwischen mehr als 32.000 Russen an einer Covid-19-Infektion gestorben. (André Ballin aus Moskau, 13.11.2020)