Foto: Reuters / Tiksa Negeri

Addis Abeba – Der Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und der abtrünnigen Region Tigray droht sich auf das Nachbarland Eritrea auszuweiten. Aus Tigray wurden am Samstag Raketen auf die eritreische Hauptstadt abgefeuert. Mehrere Geschosse seien Berichten zufolge nahe des Flughafens von Asmara eingeschlagen, sagten Diplomaten in Addis Abeba. Die in Tigray regierende Volksbefreiungsfront TPLF bekannte sich am Sonntag zu den Raketenangriffen.

Unklar war zunächst, wie viele Geschosse abgefeuert wurden und welcher Schaden dabei entstand. Der Radiosender Erena berichtete unter Berufung auf Einwohner von Asmara von insgesamt vier Explosionen. Die US-Botschaft in Asmara teilte auf ihrer Internetseite mit, es gebe keine Anzeichen dafür, dass der Flughafen getroffen wurde.

PLF-Anführer Debretsion Gebremichael hatte zuvor gesagt, dass der Flughafen von Asmara auch von äthiopischen Soldaten genutzt werde. Seinen Angaben zufolgte starten in Asmara Flugzeuge, um Luftangriffe in Tigray zu fliegen. Damit sei der Flughafen ein "legitimes Ziel", sagte Gebremichael.

Raketenangriffe auf Amhara

Die TPLF hatte zuvor bereits mit Raketenangriffen auf Ziele in Eritrea gedroht. Die Volksbefreiungsfront wirft Eritrea vor, die äthiopische Regierung im Konflikt mit der TPLF zu unterstützen. Nach eigenen Angaben kämpfte die TPLF in den vergangenen Tagen gegen "16 Divisionen" der eritreischen Streitkräfte. "Wir werden mit Raketen angreifen, um Militärbewegungen in Massawa und Asmara zu vereiteln", hatte Getachew Reda von der TPLF einem regionalen Fernsehsender gesagt. Massawa ist eine eritreische Hafenstadt am Roten Meer.

Die TPLF hatte sich am Samstag auch zu zwei Raketenangriffen auf Flughäfen in der äthiopischen Nachbarregion Amhara bekannt. "Gestern Abend haben wir den Militärbereichen der Flughäfen Gondar und Bahir Dar schwere Schäden zugefügt", sagte Reda. Nach Angaben eines Arztes in Gondar wurden bei den Angriffen zwei Soldaten getötet und 15 verletzt.

Destabilisierung am Horn von Afrika

Die Regionen Amhara und Tigray sind seit Jahren in Grenzstreitigkeiten verwickelt. Beobachter fürchten, Amhara könnte in den Konflikt zwischen Tigray und der Zentralregierung hineingezogen werden. Inzwischen haben sich nach Angaben örtlicher Sicherheitskräfte bereits tausende Milizen aus Amhara nach Tigray begeben, um an der Seite der Regierungstruppen zu kämpfen.

Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed hatte erklärt, die Kämpfe rund um die abtrünnige Region Tigray würden bald beendet sein. Tatsächlich könnte sich der Konflikt jedoch ausweiten und die gesamte Region am Horn von Afrika destabilisieren.

Konfliktursprung

In Tigray gibt es bereits seit Monaten Spannungen. Die TPLF erkennt den äthiopischen Regierungschef Abiy, der im vergangenen Jahr für den von ihm ausgehandelten Frieden mit Eritrea mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, nicht an. Die Zentralregierung in Addis Abeba erkennt indes Gebremichael, der im September zum Regierungschef in der abtrünnigen Region Tigray gewählt worden war, nicht an, was nun zu dem militärischen Konflikt geführt hat.

Anfang des Monats sandte Abiy Streitkräfte nach Tigray. Dadurch entbrannte der militärische Konflikt zwischen den Truppen der Zentralregierung in Addis Abeba und den Kämpfern der TPLF vollends. Am Donnerstag hatte Abiy verkündet, die Regierungstruppen hätten Teile von Tigray unter ihre Kontrolle gebracht. Er wirft der TPLF Verrat und Terrorismus vor.

Tausende Geflüchtete

Die äthiopische Menschenrechtskommission EHRC berichtete am Sonntag von mindestens 34 Opfern bei einem Anschlag auf einen Bus in der westäthiopischen Region Benishangul-Gumuz. Die Region grenzt an Amhara. Der Hintergrund dieser Attacke war zunächst unklar.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte am Donnerstag zudem von einem Massaker an Zivilisten in Tigray mit vermutlich hunderten Todesopfern berichtet. Die Verantwortlichen für den Angriff in der Stadt Mai-Kadra waren zunächst unbekannt.

Wegen der jüngsten Konflikte um Tigray flohen nach Angaben der sudanesischen Nachrichtenagentur Suna beinahe 25.000 Äthiopier in den benachbarten Sudan. Demnach arbeitet das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR daran, neue Lager zu errichten – "aus Sicherheitsgründen" weit entfernt von der äthiopischen Grenze. (APA, red, 15.11.2020)