Im Homeoffice teilen sich viele Paare das Wohnzimmer auch als gemeinsames Büro.

Foto: Getty Images/Filippo Bacci
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Am Mittwoch, dem 11. März, zwei Tage vor dem ersten Lockdown, stiegen Martin (27) und Anja (24) noch gemeinsam in den Zug nach Wien. Am Samstag sollte es von dort aus weitergehen nach Fuerteventura, doch dazu kam es nicht mehr – denn nur zwei Tage später verkündete die Regierung den Lockdown. Martin und Anja mussten den Urlaub wohl oder übel aus dem Kalender streichen. Die beiden waren zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Monaten ein Paar, er lebte in Innsbruck, sie in Feldkirch. Dennoch entschieden sie kurzerhand, den Lockdown gemeinsam in Vorarlberg zu verbringen. Eine Entscheidung, die ihr Leben nachhaltig verändern sollte.

Lockdown als Testphase

Die Frage, die Martin und Anja im Frühling beschäftigte, stellen sich auch jetzt viele Paare: Ist es die richtige Entscheidung, für den Lockdown zusammenzuziehen, auch wenn die Beziehung noch frisch ist? Der Schritt über die gemeinsame Türschwelle kann nun einmal schnell zur Stolperfalle werden. Während der Einzug mit dem Partner für gewöhnlich wohlüberlegt ist und eher nach Jahren als nach Monaten getroffen wird, bietet sich der Lockdown an, das Zusammenleben auf Zeit zu testen. Eine Befragung der Sigmund-Freud-Universität im Frühsommer hat ergeben, dass drei von vier Paaren, die sich noch nicht lange kennen, die Isolation am liebsten mit dem Partner verbringen. Trotzdem bleibt offen, ob das für die Zukunft der Partnerschaft die richtige Entscheidung ist.

Auf den ersten Blick mag die Lockdown-WG mit dem Liebsten viele Vorteile haben. So war es auch bei Martin und Anja: "Wir hatten es richtig fein, waren viel in der Natur und einfach für uns", erinnert sich Martin. Trotzdem lauern im Zusammenleben auch neue Gefahren für die Beziehung. Wer jetzt zusammenwohnt, sieht sich von früh bis spät – im Lockdown wird die Wohnung auch zum Büro, Fitnessstudio und Lieblingscafé. Wenn noch dazu äußere Faktoren wie die Sorge um Angehörige, die Angst, den Job zu verlieren oder an Covid-19 zu erkranken, hinzukommen, bekommt das Nervenkostüm schnell Laufmaschen. Auch bei dem frisch verliebten Pärchen gab es Spannungen: "Es waren Alltagsdinge. Etwa dass sie während wir kochen die Küche aufräumen will und ich eben erst essen und dann putzen möchte", lacht er. Kleinigkeiten, durch die die junge Lockdown-WG schnell von Flitterwochen zur Bewährungsprobe werden konnte. Wer zuvor noch Liebesbriefe schrieb, erstellt nun den ersten Putzplan, und die rosa Brille verschwindet mit der Frage, wie schwer es ist, die Klobrille hinunterzuklappen.

Isolation tut Paaren gut

Für Martin und Anja glückte das Experiment trotzdem. Konflikte gab es seltener als erwartet. Und damit waren sie nicht allein – während viele damit rechneten, dass die Zeit im Lockdown eine Herausforderung für die Beziehung darstellen würde, zeichnet die Befragung der Sigmund-Freud-Universität ein anderes Bild: Nur etwa jeder vierte Befragte gab an, sich in der Zeit der Isolation häufiger mit seinem Partner gestritten zu haben. Neun von zehn Paaren waren auch nach dem Ende des Lockdowns der Ansicht, eine gute oder sogar sehr gute Beziehung zu führen. Etwas, das auch Anja und Martin bestätigen würden. Im Juli zogen die beiden in eine gemeinsame Wohnung in Wien: "Ohne den Lockdown wäre das vielleicht anders gekommen. Dass wir beide nach Wien gehen, war uns davor schon klar. Aber bis dahin war eine gemeinsame Wohnung noch kein Thema, erinnert sich Martin. Keiner von beiden hatte zuvor mit einem Partner zusammengelebt. Ihnen hat die Zeit des Lockdowns Sicherheit gegeben. Wenn man Martin fragt, was er anderen frisch verliebten Paaren im Lockdown raten würde, antwortet er: "Probiert es aus. Wenn ihr danach auf die Zeit zurückseht und ein ungutes Gefühl habt – zieht besser nicht zusammen." Für Anja und ihn war es allerdings anders. Die beiden haben gemerkt, dass sie auch in schwierigen Situationen harmonieren. Eine Erkenntnis, durch die sie trotz allem wohl immer positiv an den Lockdown im Frühjahr 2020 zurückblicken werden. (Antonia Rauth, 16.11.2020)