Äthiopische Soldaten auf dem Weg in den Krieg.

Foto: Reuters / Tiksa Negeri

Fast zwei Wochen nach dem Einmarsch äthiopischer Truppen in die aufständische Tigray-Provinz weitet sich der Konflikt im Norden des zweitbevölkerungsreichsten Staates Afrikas zu einem Regionalkrieg aus. Wird er nicht bald gestoppt, könnte er nach Auffassung von Fachleuten das gesamte Horn von Afrika in Mitleidenschaft ziehen. Die Folge wäre eine humanitäre und politische Katastrophe.

Zumindest Eritrea ist mittlerweile schon Teil des vormals inneräthiopischen Konflikts. Am Wochenende feuerten die Streitkräfte der Tigrayischen Volksbefreiungsbewegung TPLF, die mehr Autonomie für ihre Region fordert, vier Raketen in das Nachbarland ab. Drei von ihnen trafen den Flughafen nahe der Hauptstadt Asmara, eine hatte das auf einem Hügel über der Stadt gelegene Informationsministerium zum Ziel. Nach Angaben in Asmara stationierter westlicher Diplomaten richtete der Beschuss allerdings nur geringfügigen Schaden an.

Der vom äthiopischen Parlament inzwischen abgesetzte Präsident Tigrays, Debretsion Gebremichael, bestätigte den Vorfall und reklamierte die Tat für sich: "Solange fremde Truppen in unserem Gebiet kämpfen, werden wir jedes legitime militärische Ziel auswählen und feuern", sagte der TPLF-Chef. Gebremichael bezichtigt Eritrea, mit insgesamt "16 Divisionen" auf der Seite der äthiopischen Streitkräfte in Tigray zu kämpfen. Auch der Sudan sieht sich nicht nur durch die dort eintreffenden Flüchtlingsströme in den Konflikt hineingezogen: Die äthiopische Regierung drängt den Nachbarstaat, seine Grenze nach Tigray zu schließen, um die Provinz damit von jedem Nachschub abzuschneiden.

10.000 Geiseln

Ägypten und der Sudan veranstalten unterdessen gemeinsame Militärübungen: Kairo steht mit Addis Abeba ohnehin wegen des "Great Ethiopian Renaissance"-Staudamms (Gerd) auf Kriegsfuß, der Ägyptens Wasserversorgung gefährde. Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) werden mit dem Konflikt in Zusammenhang gebracht: Deren in der eritreischen Hafenstadt Assab stationierte Drohnen, die bisher im Krieg in Jemen eingesetzt wurden, kämen inzwischen über Tigray zum Einsatz, meinte der einflussreiche TPLF-Funktionär Getachew Reda.

Eritrea dementiert vorerst noch, in den äthiopischen Konflikt verwickelt zu sein. Allerdings ist die Feindschaft zwischen der Regierung in Asmara und der TPLF schon seit Jahrzehnten kein Geheimnis. Da Journalisten und Hilfsorganisationen von jeglichem Zugang zu dem Kriegsgebiet ferngehalten werden, sind Details über die dortige Lage kaum zu verifizieren. Nach Angaben der Regierung in Addis Abeba verzeichnen die äthiopischen Streitkräfte Geländegewinne sowohl im Westen wie im Osten der Provinz: Sie hätten am Montag das rund 150 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Mekele gelegene Städtchen Alamata eingenommen. Bei ihrer Flucht aus Alamata habe die TPLF 10.000 Menschen als "Gefangene" mitgenommen, hieß es in einer Twitter-Nachricht des äthiopischen Militärs.

Innenpolitische Motive

Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed, der 2019 noch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, lehnte am Wochenende eine Verhandlungslösung des Konflikts erneut ab: Der Krieg sei "irreversibel" und werde von seinen Truppen in Kürze siegreich beendet. Er hatte die Angriffe in Tigray gestartet, während die Welt von der US-Wahl Anfang November abgelenkt war. Hintergrund sind innenpolitische Motive: Der Premier ist der erste der jüngeren Zeit in Äthiopien, dessen Macht nicht auf Seilschaften mit der mächtigen Tigray-Fraktion aufbaut. Diese hatte Anfang der 1990er-Jahre den Kampf gegen den damaligen Diktator Mengistu maßgeblich geleitet und bis Mitte der 2010er-Jahre die äthiopische Politik mitdirigiert. Weil sie nur fünf Prozent der äthiopischen Bevölkerung stellt, sorgte das für Ressentiments. Zugleich besteht in Tigray selbst die Sorge, zum Opfer ethnisch motivierter Angriffe zu werden.

Fachleute zweifeln jedenfalls an einem schnellen Sieg der äthiopischen Armee. Die TPLF habe bis zu 250.000 Soldaten unter Waffen, die aus früheren Kämpfen gegen Eritrea und Mengistu ausgesprochen kriegserfahren seien, heißt es. Sie verfügten außerdem über schweres militärisches Gerät und machten sich das bergige Terrain der Tigray-Provinz zunutze. Teile der in Tigray stationierten äthiopischen Armee sind zur TPLF übergelaufen. "Das ist ein Bürgerkrieg, der sich in einen geopolitischen Albtraum verwandelt", ist der in London lebende äthiopische Rechtsprofessor Awol Allo überzeugt.

Flüchtlingszahlen steigen massiv

Der zwölf Tage alte Krieg soll bereits Hunderte von Todesopfern gefordert haben, mehr als 20.000 Flüchtlinge aus Tigray sind inzwischen im Sudan angekommen. Dort sind die lokalen Behörden von dem Ansturm völlig überfordert. Amnesty International wurde kürzlich Bildmaterial von einem Massaker an der Grenze zwischen den Provinzen Tigray und Amhara zugespielt, dem "Dutzende oder gar Hunderte" von Amhara zum Opfer gefallen sein sollen. Diese sind eine von zwei ethnischen Gruppen, die die Mehrheit in Äthiopien stellen.

Keine der beiden Kriegsparteien übernahm die Verantwortung für das Blutbad. Die UN-Menschenrechtsorganisation sprach von einem "Kriegsverbrechen" und verlangte eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls. Aus dem Rest Äthiopiens werden inzwischen auch zunehmend Übergriffe gegen Angehörige der Volksgruppe der Tigray gemeldet: Sie müssen mit dem Verlust ihres Jobs und anderen Anfeindungen rechnen. Kenner des Landes befürchten, dass die seit langem auch zwischen anderen Bevölkerungsgruppen bestehenden Spannungen eskalieren könnten und der Vielvölkerstaat wie einst Jugoslawien auseinanderbricht. (Johannes Dieterich, 16.11.2020)