Ein bisschen hatte man sich bei ihm schon daran gewöhnt, dass über seinen Nagellack, seine Ohrringe und die wild gemusterten Gucci-Hemden geredet wird. Harry Styles hinterlässt eben gern einen bleibenden Eindruck. So auch aktuell in der Dezember-Ausgabe der amerikanischen "Vogue". Anna Wintour legt der Leserschaft zum ersten Mal ein Heft unter den Baum, auf dessen Titel ein Mann zu sehen ist. Allein unter dem "Vogue"-Schriftzug – was das ehemalige Boyband-Mitglied hinbekam, das hat bislang keiner geschafft!

Nicht mal Kanye West. Der kam nur im Doppel mit Kim Kardashian aufs Cover, Richard Gere brauchte Cindy Crawford, Justin Bieber seine Hailey. Aber nicht nur, dass Harry Styles als erster Mann das Cover ganz für sich hat. Der 26-Jährige trägt unter einer schwarzen Smokingjacke ein Gucci-Kleid mit Spitzenbesatz. Im Inneren des Heftes ist Styles in einem karierten Rock der Londoner Modedesignerin Wales Bonner, in einer Krinoline und einem Kilt von Comme des Garçons abgebildet. Man könnte der mit allen Wassern gewaschenen "Vogue"-Chefin Anna Wintour Effekthascherei vorwerfen. Andererseits kann die Modestrecke mit Harry Styles auch als befreiende Botschaft gelesen werden: Männer, ihr könnt alles tragen!

Sollte Wintour einkalkuliert haben, dass ein Mann im Kleid in der auslaufenden Ära Trump als Provokation verstanden wird, dann hat sie jedenfalls recht behalten: In den USA beschäftigte das "Vogue"-Cover plötzlich konservative politische Kommentatoren wie Candace Owens, die sich um Kopf und Kragen twitterte: "Es gibt keine Gesellschaft, die ohne starke Männer überleben kann." Und: "Bringt männliche Männer zurück."

Wer Harry Styles' Auftritte hingegen schon länger verfolgt, den dürften das Kleid auf dem "Vogue"-Titel und die Röcke im Inneren des Heftes nicht vom Hocker gerissen haben. Der Brite hat sich in den vergangenen Jahren als konsequenter Träger genderneutraler Mode einen Namen gemacht. Schon während der New Yorker Met-Gala 2019 trug der Popstar einen oben herum ziemlich transparenten Overall. Dazu lackierte Nägel, an seinem rechten Ohr baumelte ein Ohrring. Im Dezember vergangenen Jahres hatte er für den "Guardian" mit Perlenkette und Rüschenhemd posiert, Titel der Modestrecke: "Prince Charming".

Harry Styles während der Met-Gala 2019.
Foto: REUTERS/Andrew Kelly

Styles tat eigentlich nichts anderes als David Bowie, Prince oder Iggy Pop, die geschlechtsneutraler Mode schon vor Jahrzehnten den Weg bereiteten. Iggy Pop meinte seinen Auftritt in einem Cocktailkleid 2011 noch rechtfertigen zu müssen: "Ich schäme mich nicht, Frauenkleider zu tragen, es ist ja nichts Beschämendes daran, eine Frau zu sein."

Harry Styles Inszenierung hingegen wurde in den sozialen Netzwerken verteidigt, auch das ist 2020 offenbar immer noch nötig. (Anne Feldkamp, 19.11.2020)