Wie viel CO2 steckt in einem Lebensmitteleinkauf?

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Wer seinen persönlichen CO2-Fußabdruck berechnen will, kommt an Online-Berechnungstools derzeit nicht vorbei. Sie schätzen die Emissionen anhand weniger Fragen, die User beantworten müssen. Aber wer weiß schon auf die Schnelle seinen jährlichen Gasverbrauch, Flugkilometer oder die Effizienzklasse des Kühlschranks? Nicht nur deshalb sind die Zahlen eine grobe Schätzung.

Ein Start-up aus Berlin will die Klimabelastung des eigenen Lebensstils daher laufend berechnen. Dazu greift Ecolytiq auf Zahlungsdaten des eigenen Girokontos zurück. Ziel ist es, dass Banking-Apps nicht nur anzeigen, wie viel Geld bei einem Einkauf abgebucht, sondern auch, wie viel der Atmosphäre "aufgebucht" wurde. Eine Buchungszeile könnte lauten: Dein Einkauf kostete 17,30 Euro und 36 Kilogramm CO2.

Eine Restaurantbesuch kostet nicht nur Geld, sondern auch CO2.
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Der Weg von Euro nach Kilo

"Wir glauben, wir müssen der breiten Masse helfen zu verstehen, was ihr Einfluss auf die Umwelt ist, damit sie diese schützen können", sagt Mitgründer David Lais. Viele Menschen seien zwar motiviert, das Klima zu schützen, es hapere aber oft an der Umsetzung. "Manche verzichten auf Plastiktüten und kaufen dafür fünfmal im Jahr einen Jutebeutel", so Lais. "Dabei hat ein Jutebeutel einen CO2-Fußabdruck wie 100 Plastiktüten." Das könne man niemandem vorwerfen, schließlich sei das Thema Nachhaltigkeit einfach "extrem kompliziert".

Mit seiner Schnittstelle will Lais etwas Klarheit in die eigene Klimabilanz bringen. In 25 Kategorien und über 1200 Unterklassen hat sein Team die CO2-Intensität von Ausgaben eingeteilt. Ein Euro an der Tankstelle ist etwa für 1,8 Kilogramm CO2 verantwortlich, Möbeleinkäufe werden mit 180 Gramm CO2 pro Euro berechnet, eine Zugfahrt mit 71 bis 127 Gramm. Dabei kann die Software sogar zwischen Nah- und umweltfreundlicheren Fernzügen unterscheiden. Wie die Stromrechnung bilanziert wird, hängt vom Strommix des Anbieters ab.

Datenstandard als Ziel

"Diese Zahlen sind natürlich nicht perfekt, geben aber einen guten Überblick", sagt Lais. Verfeinert werden die Daten durch "Feedback-Loops", etwa indem die Software fragt, wie man sich ernährt oder wie viele Sterne das letzte Hotel hatte.

Die Banking-Apps, in die das System integriert wird, sollen die Konsumenten außerdem mit "Snackable Content" an der Hand nehmen, etwa dem Tipp, dass Geflügel viermal klimafreundlicher wäre als rotes Fleisch. User können Emissionen außerdem direkt per Überweisung kompensieren, auch wenn Lais weiß, dass das "höchstens ein Teil der Lösung" sein kann.

Die deutsche Tomorrow-Bank nutzt die Software bereits. Eine am Mittwoch angekündigte Kooperation mit Visa soll die Idee großen Banken schmackhaft machen – auch österreichischen, mit denen Ecolytiq bereits Gespräche führt.

Während die gewinnorientierte Ecolytiq GmbH für die Vermarktung der Schnittstelle an Banken verantwortlich ist, stellt der gemeinnützige Arm des Projekts die Berechnungsformeln öffentlich zur Verfügung. Ziel ist es, einen Standard für die Berechnung von Emissionen von Waren zu setzen. Auch der Forschung sollen die Daten zugutekommen – natürlich anonymisiert. (Philip Pramer, 18.11.2020)